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Kino - 25. August 2009 - Julia-Rebecca Riedel
Festival mit Kultfaktor
Das 25. Bonner Sommerkino ist zu Ende gegangen. Eine Bilanz.
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Auch in diesem Jahr zogen die Internationalen Stummfilmtage besser bekannt als das Bonner Sommerkino wieder über 20.000 Besucher an und hauchten, inzwischen zum 25. Mal, cineastischen Träumen Leben ein.
Das Festival hat Kultfaktor. Was 1895 mit den Brüdern Skladanowsky in Deutschland und den Brüdern Lumière in Frankreich begann, die T. A. Edison folgend den Cinématographen, sprich ein Projektionsgerät für Filmstreifen, also laufende Bilder, weiter entwickelten ersteren widmete Wim Wenders 1995 eine Hommage mit dem Titel Die Gebrüder Skladanowsky fasziniert auch heute noch.
Der abendlich illuminierte Arkadenhof der Universität schafft eine ganz besondere Atmosphäre, warm ins letzte Abendlicht getaucht, liegt der Hof da. Die etwa 100 Quadratmeter Leinwand tun ihr übrigens, um den Besucher in ihren Bann zu ziehen. Es ist wuselig, es raschelt um mich herum, langsam wird es dämmerig, am Himmel eine Schar vom Scheinwerferlicht rot eingefärbte Tauben, der Flügel wird gestimmt. Man versucht sich auf den eher unbequemen Holzklappstühlen gemütlich einzurichten, viele wissen um die vielen Meter Film, die auf diesen Klappergestellen vor ihnen liegen, und sind entsprechend mit Kissen und Decken ausgerüstet. Man kann den Sommerkinobesucher erkennen, er ist für alle Eventualitäten gewappnet, schließlich hat man oft genug plötzlich im Regen dagesessen. Der ein oder andere sitzt etwas konsterniert zwischen den Wanderrucksackträgern, die neben dem Schlafsack, Teekannen und Regenschirme auspacken. So trifft man im Bonner Sommermärchen neben alten Bekannten auch immer wieder auf sich neugierig Umblickende.
Die ersten laufenden Bilder zeigten die Brüder Lumière der Société d´Encouragement à l´Industrie Nationale am 22. März 1895, eine Filmsequenz von wenigen Sekunden: Arbeiter verlassen die Lumière Werke. Es folgen erste öffentliche Filmvorführungen, bei denen zunächst 8 bis 10 Filmstreifen mit einer Gesamtlänge von ca. 20 Minuten gezeigt werden. Das Publikum ist begeistert. Was zunächst ein Interesse an technischer Entwicklung ganz allgemein war, entwickelt sich zur Industrialisierung des Kinos. In den 20er Jahren wird der Film zur Massenkultur, Hollywood etabliert sich. Auch wenn sich das Kino ebenso in Europa und Asien entwickelt, bleibt es Programmkino und hinter dem triumphalen Glamour der neuen Welt zurück. Hollywood etabliert sich zur Industrie, der Film zur siebenten Kunst und das nicht nur in Hollywood.
Die laufenden Bilder mögen noch stumm sein, still jedoch ist es um sie herum nie gewesen. In Japan zum Beispiel entwickelt sich eine Art Subkultur zum Theater, zwei Kommentatoren (benshi) sprechen die Filmdialoge beziehungsweise erklären Filmsequenzen. Im europäischen und amerikanischen Film arbeitet man zunehmend mit Unter- beziehungsweise Zwischentiteln und natürlich mit Musik.
Musik gibt es auch im Bonner Sommermärchen, vorzügliche noch dazu. International renommierte Stummfilmmusiker sorgen für ganz eigene Kinoerlebnisse. Es ist nie der Film allein, der Faszination schafft, es sind immer auch die Musik und das Ambiente und beides stimmt in Bonn. Jeder vorgeführte Film ist immer auch ein Live-Konzert improvisatorischer Natur, dem man sich kaum entziehen kann.
Verblüfft hört man unter anderem Günter Buchwald zu, wie er virtuos Flügel und Violine zugleich einsetzt, kaum nimmt man die leeren Saiten wahr, Christian Roderburgs Percussions sind ebenso aufwühlend wie anregend und an Aljoscha und Sabrina Zimmermann sowie Joachim Bärenz führt seit Jahren im Programm kein Weg vorbei. Neben Improvisationsmusik erstaunlich genau für meinen Geschmack sind immer auch speziell arrangierte Stücke zu hören, die den Film besonders reizvoll in Szene setzen.
Das Programm verblüfft. So sind neben den Stars des europäischen und amerikanischen Kinos gerade Raritäten, Exquisite aus Ländern wie Mexiko, Japan und Korea im Programm zu sehen. Vielfältiger und tiefer kann man kaum eindringen in die Filmkunst des beginnenden letzten Jahrhunderts. Es sind nicht nur die Glamourstreifen unvergessen sicherlich sondern vor allem die wiederentdeckten, die aufwendig restaurierten, die bisher kaum zeigbaren Wagnisse der Kinoleinwand, die hier im Bonner Sommermärchen zur Aufführung kommen.
So zeigen die Veranstalter neben dem bekannten italienischen, wunderschön restaurierten Groteskfilm Amor pedestre Liebe zu Fuß von Regisseur Marcel Fabre aus dem Jahr 1914 auch amerikanische Streifen wie Get out and get under Der Autonarr von Hal Roach von 1920 mit Harold Lloyd und Running wild Ausgeflippt von Gregory la Cava von 1927 mit W.C. Fields. Daneben waren auch aufwendig restaurierte, fast vergessene große Filme, wie Das Weib des Pharao, eine Ernst Lubitsch Produktion aus dem Jahr 1922 zu sehen. Das Weib des Pharao, ein Monumentalfilm, fast dokumentarisches Theater, besticht durch technische Mittel und Opulenz. Noch fehlende Szenen wurden glänzend durch den Einsatz von Originalfotos kaschiert, die dem Film noch mehr das Ambiente eines Dokumentarstreifens verliehen.
Wenn sich auch das Gefühl breit machte, das Happyend wurde erst nach 1922 erfunden (im 6. Akt des Filmes sterben alle irgendwie relevanten Personen einen grauenhaften Tod), so durfte bei dem zu Das Weib des Pharao passend gewählten Film Tutankhamen, ein Film von Raymond Dandy aus dem Jahr 1923, herzlich gelacht werden, der das Ägyptenfieber der Zeit stark ironisiert. Mit dem amerikanischen Film Stage struck - Theaterfimmel von Regisseur Allan Dwan aus dem Jahr 1925 zeigten die Veranstalter eine flotte Komödie mit der überaus komischen wie tragischen Gloria Swanson. Ein Klassiker mit zwei herrlich restaurierten, opulenten Farbsequenzen.
Am letzten Abend wurde es noch einmal monumental. Mit Der lebende Leichnam brachten die Veranstalter 3011 Meter fantastisch restauriertes Filmmaterial aus einer deutsch-sowjetischen Produktion des Jahres 1929 auf die Leinwand. Fedor Ozeps feinfühlige Milieustudie des vorrevolutionären Russlands besticht vor allem durch ihre aufwendige Montagetechnik. Der lebende Leichnam, nach einem Stück Leo Tolstois, zeigt kafkaesk das Wesentliche: Eine Abkehr, ein Negatives. Der lebende Leichnam ist der einzige wirkliche Mensch, alle anderen Menschen wirken schattenhaft, gleichgültig, wirklich stumm. Diesem Kunststück, Dichtung in Film zu übersetzen, spürte Joachim Bärenz kongenial am Flügel nach. Messianisch wirkt Der lebende Leichnam Groteske par excellence. Alles ist ins Symbolische gesteigert und damit tief erschütternd.
Das Bonner Sommerkino - in einzigartiges Erlebnis!
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