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Musik - Julia-Rebecca Riedel
Zwischen Genie und Wahnsinn
"Mir träumte, ich wäre im Rhein versunken." Zum 200. Geburtstag von Robert Schumann.
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„Mir träumte, ich wäre im Rhein ertrunken“, schreibt der am 8. Juni 1810 geborene Robert Schumann 1829 in sein Tagebuch. Am 27. Februar des Jahres 1854 stürzt er sich tatsächlich bei Düsseldorf in den Rhein; Fischer ziehen den Düsseldorfer Musikdirektor heraus. Ohne Folgen bleibt der Suizidversuch nicht. Noch eine Nacht verbringt Schumann bei seiner geliebten Clara, dann begibt er sich auf eigenen Wunsch in eine Heilanstalt nahe Bonn.
Robert Schumanns Biographen mutmaßen, er habe geahnt, wie sich seine Krankheit entwickeln würde, und wollte seiner Clara durch den Suizid den Kummer, ihn an Dunkelheit und Wahnsinn zu verlieren, ersparen. Dies ist aber nur ein Teil der Wahrheit. Der Teil einer Wahrheit, die ihn die letzten zwei Jahre seines Lebens in einem „Irrenhaus“ in Endenich dahinvegetieren lässt, augenscheinlich verlassen von seiner Clara, sich der Wahnvorstellung, vergiftet zu werden, hingebend, sterbend am 29. Juli 1856.
Eine Vereinigung von bipolarer Störung, manisch-depressiver Veranlagung, der sich in jungen Jahren zugezogenen und nie behandelten Syphilis sowie späteren Wahnvorstellungen nehmen Robert Schumann das Leben. Beigesetzt wird der Romantiker mit der außergewöhnlichen literarisch-musikalischen Doppelbegabung im engsten Familienkreis auf dem Alten Friedhof in Bonn.
1830 schreibt Robert Schumann an seine Mutter: „Folg ich meinem Genius, so weist er mich zur Kunst, und ich glaube zum rechten Weg.“ Mit ihrer Erlaubnis bricht er das 1828 in Leipzig aufgenommene und in Heidelberg fortgeführte Studium der Rechtswissenschaften ab und nimmt den ebenfalls 1828 in Leipzig begonnenen Klavierunterricht bei Friedrich Wieck (1785-1873), einem Theologen und begnadeten Musikpädagogen, wieder auf. Er wohnt einige Zeit im Hause Wieck und lernt dort seine zukünftige Frau Clara (1819-1896), Tochter des Hauses, kennen, die sich in dieser Zeit zu einer gefeierten Konzertpianistin und – wie wenige wissen – auch einer begnadeten Komponistin entwickelt.
Bis sich Robert Schumann in Friedrich Wiecks Hände begibt, darf man seine musikalische Erziehung getrost als dilettantisch bezeichnen; zwar wurde er – erzogen von einer musikalischen Mutter und einem literarisch gebildeten Vater – früh an Musik und Literatur herangeführt, nie aber in ihrer Ausübung im eigentlichen Sinne ausgebildet. Friedrich Wieck versichert Schumanns besorgter Mutter, er bereite den Sohn binnen dreier Jahre auf eine glänzende Laufbahn als Konzertpianist vor. Robert Schumann jedoch setzt eben diese Karriere durch verbissene und gesundheitsschädigende Fingerübungen aufs Spiel.
Konzertpianist wird er nicht, jedoch Komponist: Der wohl außergewöhnlichste Komponist der Romantik; ebenso geachtet wie gefürchtet. Er ist musikalisch wie literarisch „Künder eines neuen poetischen Zeitalters“. Seine melancholische Neigung, sein Abtauchen in Düsternis, spiegeln sich in seinem sensiblen Kompositionsstil.
Sein Werk umfasst Klavier- und Kammermusik, Kunstlied, symphonische und dramatische Werke. Clara Schumann, die auch nach der Heirat 1840 weiterhin auf Konzertreisen geht und die musikbegeisterte Welt, allen voran Johannes Brahms (1833-1897), mit eigenen Kompositionen überrascht, die in ihrer Komplexität kaum von denen ihres Mannes zu unterscheiden sind, nimmt nur wenige Werke ihres Mannes in ihr Repertoire auf. Ebenso Musikerfreunde, wie Franz Liszt, die es nicht wagen, dem Publikum ein Werk in der Tiefe eines Schumann zu präsentieren, wenngleich sie seine Arbeiten fassungslos staunen lassen.
Der sensible Musiker sagt über sich selbst: „Schwach will ich und darf ich nicht sein. Wenn der Mensch nur will – er kann ja ALLES“, begreift selbst kaum, was in ihm tobt, weiß nur: „Vielleicht versteht nur der Genius den Genius ganz“, und gibt sich – ganz der Romantiker – dem Gefühl ganz hin. Zwischen Klassik und Romantik stehend beeinflussen vor allem Jean Pauls und E.T.A. Hoffmanns Werke Schumann, musikalisch inspiriert ihn Franz Schubert. Zeitlebens pflegt er eine nie erwiderte Dichterliebe zu Heinrich Heine (1797-1856). Er scheint Kunst reflektierend zu komponieren: gebrochen ambivalent, immer irgendwo zwischen Genie und Wahnsinn.
Im Liederjahr 1840, Heines „Buch der Lieder“ folgend, komponiert Schumann unter anderem den Liederzyklus „Dichterliebe“, in dem er auch Heines zu Tränen rührendes „Ich hab` im Traum geweinet, Mir träumte, du lägest im Grab“ vertont. Heinrich Heine, der im selben Jahr wie Robert Schumann, 1856, stirbt, hat sich Schumann gegenüber nie zu diesem Liederzyklus geäußert, was diesen zeitlebens kränkt.
Das Komponieren von Liedern beschreibt Schumann seiner Frau Clara als „lang entbehrte Seligkeit“. Er vertont unter anderem Rückert, Eichendorff, Kerner, Geibel und Chamisso. Die den Maßstäben der romantischen Literatur entsprechenden Gedichte werden von Schumann berührend und tief, das Liebesglück in all seinen Facetten beschreibend in Töne umgesetzt. Innerhalb seiner Musik wird mehr Empfindung frei gesetzt, als das bloße Wort zu fassen vermag.
1834 gründet er unter anderem mit Friedrich Wieck die „Neue Zeitschrift für Musik“, die bis heute ununterbrochen erscheint. Robert Schumann, poetische Kritik schaffend, wendet sich bis 1854 in Essay und Kritik an seine Leser, schafft begnadeten Künstlern Existenzspielräume, so, wie er sie auch vernichtet. Im Falle des jungen Johannes Brahms aus Hamburg ist es das überbordende Lob, dass den jungen Musiker zeitlebens der Familie Schumann gegenüber verpflichtet, sich der Ehefrau Clara in Freundschaft gerade in der schweren Zeit des Schumannschen Dahinsiechens annehmen lässt, ihn bindet und zugleich schwer belastet.
„Neue Bahnen“ titelt der Artikel, der 1853 in der „Neuen Zeitschrift für Musik“ erscheint und Brahms voller Enthusiasmus lobt: „Wir wurden in immer zauberischere Kreise hineingezogen. Dazu kam ein ganz geniales Spiel, das aus dem Klavier ein Orchester von wehklagenden und lautjubelnden Stimmen machte. Es waren Sonaten, mehr verschleierte Symphonien, - Lieder, deren Poesie man, ohne die Worte zu kennen, verstehen würde, (...). Möchte ihn der höchste Genius dazu stärken, wozu die Voraussicht da ist, da ihm auch ein anderer Genius, der der Bescheidenheit, innewohnt.“
Das Lied ist ebenso Thema Robert Schumanns wie der ewig schelmisch aufblitzende Genius. Johannes Brahms bleibt der Familie Schumann in Liebe und Treue verpflichtet, nimmt sich vor allem Schumanns jüngstem Sohn – Felix Schumann – an, der Robert Schumann nur allzu ähnlich ist. Felix Schumann, Jurastudent mit einem stürmischen Drang zur Dichtung, findet sich in einigen Kompositionen Brahms` verewigt, unter anderem in „Meine Liebe ist grün wie ein Fliederbusch“.
Das umfassende Werk Robert Schumanns ist geprägt durch seine Liebe zum Lied. So entstehen im sogenannten Liederjahr 1840/41 neben der „Dichterliebe, op. 48“, einem Liederkreis aus Heinrich Heines „Buch der Lieder“, unter anderem der „Liederkreis, op. 39“, beginnend mit Joseph von Eichendorffs „Mondnacht“, und der „Liederfrühling, op. 37“ (gemeinsam mit Clara Schumann), Friedrich Rückert folgend. Neben Symphonien und zahlreichen konzertanten, kammermusikalischen und chorischen Werken sind es die „Lieder für die Jugend, op. 79“ (1849), der „Carneval, op. 9“ (1834/35) und die „Kinderszenen, op. 15“ (1838) – allen voran die Träumerei – die die gegenwärtige Rezeption bewegen.
„Der Künder des neuen poetischen Zeitalters“, der genialen Romantiker, dessen Genius allein wusste, was der Genius war, sagt über seine Musik, es sei ihm mit ihrer Hilfe möglich, Empfindungen auszudrücken, wo Worte aufhören, seine Musik sei ebenso leidenschaftlich, wie empfindsam.
Sein Leben widmet Schumann dem Ton, der ihn an den Rand der Existenz treibt, der Empfindung, die ihn in den Wahnsinn treibt, die ihn sprachlos macht und von seiner geliebten Frau Clara trennt. Was bleibt, sind die herrlich virtuosen Klavierkonzerte und Lieder, die von ihm ab 1854 sogenannten „Gehöraffektionen“, die Töne, Akkorde, ganze musikalische Stücke, die in seinem Geist toben und ihn um den Schlaf bringen.
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