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Sonstiges - Julia-Rebecca Riedel

Nicht wohlgeordnete Freiheit, sondern „Magischer Realismus“

Zum 100. Todestag des französischen Zöllners, Kleinkriminellen und Malers Henri Julien Felix Rousseau.


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Der französische Schriftsteller André Breton beschreibt Henri Rousseaus Kunst als „magisch realistisch“, Guillaume Apollinaire nennt ihn einen „Primitiven eines neuen Zeitalters“, der der Kunst der Moderne Träume vorwegnimmt, deren Elemente, wie auf dem Theater dargestellt, die Kulisse für eine neue Kunst, eine neue Lebensweise bilden: möglichst klar und dennoch der Dechiffrierung bedürfend. Wassily Kandinsky fasziniert die große Abstraktion in Rousseaus Werk ebenso wie seine Realistik.

Pinsel wollen ihm die wenigen verbliebenen Freunde an die Pforten des Himmels tragen und Farben und Leinwand, damit er in der „geheiligten Muße des wahren Lichts“ male, so Guillaume Apollinaire (1880-1918) aus Anlass des Todes Henri Rousseaus im Jahre 1910. Den dem Surrealismus den Weg bereitenden Maler verbindet eine tiefe Freundschaft mit dem Ausnahmeschriftsteller Guillaume Apollinaire, sie pflegen eine enge Beziehung zur französischen Avantgarde und sind Vorbilder für Cézanne und Ensor. 1909 malt Rousseau eines seiner meist beachteten Werke: „La Muse inspirant le poète – Muse den Dichter inspirierend“, das den Dichter und Freund Apollinaire, dessen Lyrik ständig formale Erneuerung fordert und zu der bedeutendsten der französischen Literatur des 20. Jahrhunderts gezählt werden darf, zusammen mit der Malerin Marie Laurencin zeigt.  

Henri Julien Felix Rousseau, der am 21. Mai 1844 im Departement Bretagne geboren wird, ist ein Autodidakt. Sein Leben bestimmt zunächst die Militärmusik, er dient als Klarinettist im Infanterieregiment der französischen Armee, später in seinem Leben wird er Geigenunterricht geben, um sich etwas zu seiner Rente hinzuzuverdienen. Nach dem Militärdienst ist er von 1863 bis 1867 in einer Kanzlei, nach der Umsiedlung nach Paris 1868 als Gerichtsvollzieher und als Steuerbeamter des Finanzamtes tätig, daher sein biblisch anmutender Spitzname „Le Douanier – Der Zöllner“. Als seine Frau, Clémence Boitard, 1888 stirbt, beginnt er wohl mit der Malerei.

Seine internationale Beachtung hat Rousseau seiner Reihe von Dschungelbildern (1891-1910) zu verdanken, dessen letztes und wohl bekanntestes „Le Reve – Der Traum“ im Jahr seines Todes 1910 entsteht. Traum und Realität vermischen sich gerade in seinen exotischen Themen zu einer phantastischen Atmosphäre. 1905 stellt er erstmals im „Salon d`Automne“ aus. Man spottet über seine Werke, doch die Avantgardisten äußern sich bewundernd, rezipieren sein Werk. Um die Jahrhundertwende eröffnet er eine Kunstschule in Paris. Seit 1906 hat Henri Rousseau Zutritt zum Atelier Pablo Picassos und lernt den  Schriftsteller und Kritiker Guillaume Apollinaire kennen. Picasso und Apollinaire sind beide gleichermaßen fasziniert von dem „Naiven“.

Entdeckt wird der ständig in finanziellen Nöten steckende Vater von neun Kindern, dessen Lebensthema eher Misserfolg denn schillerndes Emporstreben ist, zunächst beim Scheckbetrug, die Strafe hierfür „malt er ab“. Seine Bedeutung als Künstler entdeckt der wie Rousseau aus Laval im Department Bretagne stammende Alfred Jarry (1873-1907), besser bekannt als „Bürgerschreck und poéte maudit“ der französischen Literaturszene des ausgehenden 19. Jahrhunderts.

Henri Rousseau wird in den Kreis des „Salons Indépendants“, der 1884 in Paris gegründet wurde, eingeführt. Dort, in der „Vereinigung unabhängiger Künstler“, wird er ausstellen – „Ein Abend im Karneval“ (1886) –, gleich wohlwollend betrachtet, wie später auch Kandinsky, Modigliani, Toulouse-Lautrec und anderen. In den folgenden Jahren wachsen sein Ansehen und Bekanntenkreis. Die Avantgarde sieht sich durch ihn erweckt, Dada- und Surrealisten sehen sich inspiriert. Und Rousseau? Der verkauft sich im Allgemeinen unter Wert, finanziell bleibt das gefeierte Maskottchen der Avantgardisten, die seine Kunst ausschlachten bis zum Letzten, erfolglos.

Henri Rousseaus Kunst: Naiv und eben auch nicht. Unverbundene Elemente, idealisiert, skizzenhaft: Bunt. Seine Bilder sind vital, lustvoll. Er ist der Maler des Anderen, des Unsagbaren. Henri Rousseau lässt keinen Duktus erkennen, lässt sich nicht nachahmen. Es geht ihm in seiner Kunst wenig um die Produktion seiner Selbst. Eitelkeit ist „Le Douanier“ fremd. Seine Figuren, seine Motive zeigen sich frontal oder streng im Profil, überraschen und faszinieren durch klare Konturen und harte Kontraste. Wie Theaterkulissen erscheinen Rousseaus Motive gezimmert, seine Vorliebe für knallige Kontaktfarben, leuchtend und ohne Schatten, unterstreicht diesen Eindruck des flachen Bildbaus. Die Unverbundenheit, das fast schon Abstrakte seiner Motive findet sich im Surrealen des beginnenden 20. Jahrhunderts wieder.

So dunkel das Leben des Finanzbeamten Rousseau anmutet, so hell und bunt sind seine Bilder. „Le Reve – Der Traum“ kennt über 50 Grüntöne. „Grau, teurer Freund, ist alle Theorie, und grün des Lebens goldner Baum“ – was Goethe seinem Mephisto auf die Zunge schreibt, ist ebenso ein Charakteristikum der Philosophie des ausgehenden 19. Jahrhunderts wie der Literatur, der Musik und nicht zuletzt der Kunst.

Wie das Angesicht der Sterne habe er, Henri Rousseau, das Bildnis Guillaume Apollinaires gezeichnet, so auf dem Epitaph, welches das Grab Rousseaus ziert. Der Maler surrealer Szenen des französischen Bürgertums und magischer Dschungelbilder, der Schöpfer idealisierter Realität, stirbt am 2. September 1910 in Paris. Seine Kunst überlebt ihn vor allem in ihrer Rezeption durch den Surrealismus.


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