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Sonstiges - Julia-Rebecca Riedel

Mythos Caravaggio

Heilige Ereignisse als Alltagserfahrungen: Vor vierhundert Jahren starb der Überwinder des Manierismus – und Inbegriff des verruchten Künstlers.


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Caravaggio, posthumes Porträt
von Ottavio Leoni (um 1614).

London, 1986: Entlang der Themse in verlassenen Lagerhäusern dreht Darek Jarman den Kultfilm Caravaggio. Jarman treibt den Mythos dessen, der seine biblischen Szenerien selbst gerne ins 17. Jahrhundert verlegte, im grellen Neonlicht des 20. Jahrhunderts umher. Caravaggio ist ein Film, der der schillernden Künstlerpersönlichkeit und der Faszination des wohl umstrittensten Malers des Frühbarock und den Spekulationen um seine Person bewundernswert unprätentiös gerecht wird.

Im Film sterbend Rückblick haltend ist es gerade der Tod Caravaggios, der am 18. Juli 1610 einen unsterblichen Mythos gebiert, der bis heute nicht nur die Kunstwelt in Atem hält. Malaria oder Mord, Caravaggios Lebenswandel lässt Raum für Spekulationen. Gestorben in Porto Ercole, am Monte Argentario, mit nicht einmal 39 Jahren, hinterlässt er der Kunstwelt geschätzt 67 Meisterwerke aus eigener Hand.

Caravaggio gilt als der Inbegriff eines verruchten Künstlers. Seinen biblischen Szenerien stehen nur allzu oft Prostituierte und Stricher Modell. Auch wenn es die Kunsthistoriker inzwischen besser wissen sollten – die ersten Biographien Caravaggios werden vor allem von denen geschrieben, die ihn totsagen wollen –, der Mythos des bisexuellen Cholerikers und Mörders hält sich hartnäckig und macht Caravaggio bis heute zum Kassenschlager.

Caravaggio, schlicht der elterlichen Heimat nach benannt, eigentlich Michelangelo Merisi da Caravaggio, wird am 29. Septemer 1571 in Mailand geboren. 1576 flieht seine Familie vor der in Mailand wütenden Pest nach Caravaggio. Der durch die Folgen der Pestepidemie vaterlos gewordene Michelangelo tritt 1584 in Mailand in die Werkstatt Simone Peterzanos (1540-1596) ein, einem Schüler Tizians, und lässt sich in der Malerei ausbilden.

Spätestens 1592 zieht Caravaggio mittellos nach Rom und lässt sich dort nieder. Er arbeitet in verschiedenen Werkstätten, so auch im Atelier von Giuseppe Cesari (1568-1640), dem von Papst Clemens VIII. favorisierten Maler. Hier freundet er sich auch mit Prospero Orsi an, einem Groteskenmaler, der sein Vertrauter und Fürsprecher wird. Caravaggio, der in der Werkstatt Cesaris zunächst unter anderem für Blumendekors zuständig ist, lernt, wie man seine Kunst aufstiegsorientiert vermarktet.

Und nicht nur das. Durch die Freundschaft zu Onori Longhi – einem Dichter, Juristen und Architekten, vor allem jedoch der Polizei wohlbekannten Randalierer – gerät er auch auf die schiefe Bahn. 1598 entsteht hier das vielleicht erschreckendste wie faszinierendste Werk: Die Medusa. Ebenfalls aus den frühen römischen Jahren Judith und Holofernes (1598/99), das Abendmahl in Emmaus (1601), die Gefangennahme Christi (1602) und Der ungläubige Thomas (1603).

Mithilfe Prospero Orsis tritt Caravaggio einige Jahre später der Bruderschaft der Maler bei und gründet eine eigene Werkstatt, arbeitet ungewöhnlicherweise überwiegend alleine und hat keine Schüler. Er avanciert zum gefragtesten Künstler Mailands. Gönner wie der Nepot Papst Pauls des V., Kardinal Scipione Borghese, Gründer der Villa Borghese, werden auf ihn aufmerksam und verschaffen ihm lukrative Aufträge.

In dieser Zeit schafft er unter anderem für die Capella Contarelli in der Kirche San Luigi di Francesi einen Altar um die Figur des Apostels und Evangelisten Matthäus. Die beiden Seitenflügel zeigen die Berufung und das Martyrium des Matthäus, der Altar das Bild Matthäus und der Engel (1599-1601). Um 1604 entsteht für die Capella Cavaletti in der Kirche Sant’Agostino die sogenannte Pilger-Madonna. 1606 entsteht als letztes römisches Werk Der Heilige Hieronymus für Kardinal Scipione Borghese, das bis heute in der 1605 gegründeten Galleria Borghese in Rom zu sehen ist. In Folge einer gewalttätigen Auseinandersetzung mit Todesfolge – Caravaggios Rolle in dieser Affäre ist umstritten – flieht Caravaggio 1606 aus Rom und findet zunächst Unterschlupf in Neapel.


Flucht von Malta

Hier avanciert der inzwischen aus Rom Gebannte innerhalb weniger Monate zum bekanntesten und produktivsten Künstler des spanischen Königreiches Neapel. 1607 kehrt Caravaggio aller Beliebtheit zum Trotz Neapel den Rücken und wendet sich Malta zu, wo er nicht nur als Künstler gefeiert, sondern auch am 14. Juli 1608 in den Maltesterorden aufgenommen wird, was einer Ausnahmegenehmigung des Papstes bedarf, auch wenn Malta spanisch ist.

Auf Malta entsteht das wohl bekannteste Werk Caravaggios Die Enthauptung Johannes’ des Täufers (1608). Während der Enthüllung des Gemäldes aber saß Caravaggio einmal mehr gefangen, da er einen Ritter tätlich angegriffen haben sollte. Am 6. Oktober 1608 flieht er aus dem Gefängnis auf Malta nach Sizilien und wird am ersten Dezember aus dem Malteserorden ausgeschlossen. Über Syrakus und Messina kehrt Caravaggio nach Neapel zurück. Auf einer Reise nach Rom wollte er im spanischen Porto Ercole auf seine Begnadigung aus Rom warten, starb jedoch, bevor sie ihn erreichte. 

Der italienische Maler des Frühbarock gilt, wie auch Annibale Carracci (1560-1609), als Überwinder des Manierismus und des damit verbundenen pathetisch-schwülstigen Sujets. Caravaggio bettet nicht nur das Heilige in das Profane, integriert nicht nur „die fromme Devotion in die Sphäre des Sinnlichen“, er versucht vor allem eine unidealisierte Wirklichkeit darzustellen, in die der Betrachter hineingezogen wird. So erweitert er den Bildraum nach vorne und zerrt den Betrachter förmlich in die Szenerie hinein. Sein dramatischer Einsatz des Chiaroscuro (Hell-Dunkel-Malerei), seine Vorliebe für schräg einfallendes, streuungsfreies Schlaglicht, evoziert Räumlichkeit, in der die Figuren in ungewohnter Lebenswirklichkeit erscheinen.

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