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Musik - Anina Valle Thiele
MACHT. MUSIK Facetten eines politischen Beethovenfestes
Vom 29. August bis 28. September findet das Bonner Beethovenfest statt. Das Motto: Macht. Musik. Der Ausgangspunkt: Beethovens politisches Vermächtnis.
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Dazu sollen die ideologische Vereinnahmung und Ausgrenzung von Komponisten und ihrer Werke im 20. Jahrhundert als zentrales Motiv die zahlreichen Veranstaltungen wie ein roter Faden durchziehen.
Nichts eignet sich als Ausgangspunkt hierfür besser als Beethovens 9. Symphonie und ihr Weg bis hin zur Europahymne. Denn keines seiner Stücke entfaltete solch eine politische Sprengkraft. Vor dem Hintergrund der Ideale der Französischen Revolution Aufklärung und Humanismus entstanden, wurde sie weltweit und zahlreich interpretiert und für unterschiedliche Zwecke instrumentalisiert: Von Friedrich Engels als ursprüngliche Internationale vorgesehen, 1927 von den US-Amerikanern als Hymne für weltweiten Frieden auserkoren, erfuhr sie während des Nationalsozialismus eine Konjunktur und avancierte schließlich zur meistgespielten Symphonie Beethovens.
So wurden die von Reichsminister Joseph Goebbels proklamierten Zehn Grundsätze deutschen Musikschaffens im Abschlusskonzert der Berliner Philharmoniker mit Beethovens Neunter pompös bekräftigt. Schließlich erklang sie an Hitlers Geburtstag 1937 als Konzert der Berliner Philharmoniker unter Leitung von Wilhelm Furtwängler. Aber auch die Nachricht über Hitlers Tod wurde im Radio seinerzeit begleitet von "der Neunten".
In Leipzig ist es seit den 1980er Jahren zum Ritual geworden, sie jährlich an Sylvester zu spielen. Kurt Masur setzte diese Tradition fort und dirigierte unter anderem ein legendäres Konzert an Sylvester 1988.
Breit ist der Interpretationsspielraum von Beethovens Werk, so wie es selbst keinesfalls kohärent ist. Die noch im Geiste der Revolution entstandenen Bühnen-Stücke Die Geschöpfe des Prometheus, Egmont und Fidelio werden beim diesjährigen Beethovenfest einerseits Kompositionen wie Hanns Eislers Deutsche Sinfonie, andererseits den Werken verfemter Komponisten sowie Stücken, die im Kontext von Exil und Verfolgung stehen und entstanden sind, gegenübergestellt.
Eisler konzipierte seine Deutsche Sinfonie in den 30er Jahren basierend auf Texten von Bertold Brecht, Julius Bittner und Ignazio Silone. Als Gegner des Nationalsozialismus flüchtete er 1933 aus Berlin ins europäische Exil und später in die USA, wo er auch zahlreiche Liederzyklen schuf. Zwischen die elf Sätze werden bei der Aufführung der Deutschen Sinfonie in der Beethovenhalle politische Werke anderer Komponisten montiert: so Beethovens Arie des Florestan, Kurt Weills zynischer Marsch aus dem Berliner Requiem und HK Grubers Österreichisches Journal (31.8.,18.00 Uhr, Beethovenhalle). Claudia Barainsky gestaltet zusammen mit Eric Schneider einen Abend mit Liedern aus Eislers Hollywood Liederbuch und solchen von Beethoven, Alban Berg und Olivier Messiaen (2.9., 20.00 Uhr, Beethovenhaus).
"Musik war Hoffnung"
Die Musik von Verfolgten und Opfern des Nationalsozialismus ist ebenfalls Thema eines Konzerts des Geigers Daniel Hope im Alten Wasserwerk. Unter dem Titel Musik war Hoffnung werden Texte und Musik ehemals Internierter des Konzentrationslagers Terezin (Theresienstadt) rezitiert und gesungen (20.9., 20.00 Uhr, Altes Wasserwerk).
Andrej Hermlin, Leiter des Berliner Swing Dance Orchestras, zeichnet bei Jews in Jazz die Bedeutung jüdischer Musiker und Komponisten für die Entwicklung des Jazz im 20. Jahrhundert nach (12.9., 20.00 Uhr, Kursaal Bad Honnef).
Die Macht der Musik und ihr politischer Miss- und Gebrauch werden aber auch in musikalisch-literarischen Konzerten thematisiert. Der Dirigent Furtwängler wie die fiktive Figur des Komponisten Adrian Leverkühn aus Thomas Manns Doktor Faustus stehen exemplarisch für die Konfrontation von Musik und ihrer Instrumentalisierung unter politischem Zwang. So lesen Esther Schweins und Hanns Zischler aus Doktor Faustus sowie Texte von Ingeborg Bachmann, Wilhelm Furtwängler und anderen (27.9., 20.00 Uhr, Stadtmuseum Siegburg).
Das Haus der Geschichte schließlich zeigt eine vierteilige Filmreihe zur Verknüpfung von Macht und Musik, so auch den Dokumentarfilm zu Beethovens Neunter von Pierre-Henry Salfati (4.9., 19.30 Uhr).
Das Musikleben in und nach dem Nationalsozialismus ist Gegenstand der beiden Filme Taking Sides Der Fall Furtwängler von István Szabo (15.9., 19.30 Uhr) und Das Reichsorchester von Enrique Sánchez Lansch (18.9., 19.30 Uhr).
Kurt Weills Ausspruch Die Musik ist nicht mehr eine Sache der Wenigen aus dem Jahre 1928 ist am 17.09. das Motto eines Symposiums im Haus der Geschichte, auf dem über die Wechselwirkung zwischen Medien und Musik im 20. Jahrhundert als Machtinstrument und Massenphänomen diskutiert wird.
Ein Highlight dürfte Kurt Masur mit seinem Orchestre National de France werden. Masur dirigiert einen kompletten Beethoven-Symphoniezyklus, d. h. alle neun Symphonien an vier Abenden (6. bis 10.9.). Das Konzert am 10. September wird zudem live auf einer Großbildleinwand auf dem Bonner Marktplatz übertragen. Erklingen werden in diesem Public Viewing die Symphonie Nr. 8 und natürlich Beethovens Neunte.
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