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Ausstellung - Julia-Rebecca Riedel

Kunst, die über die Haut läuft

Einander Leben ansehen: Cony Theis mit "see me 2" im Rheinischen Landesmuseum.


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Cony Theis: "Peter: Prozess XII". (Foto: Landesmuseum)

Arbeit im Prozess: Für „see me 2“ entstand Cony Theis´ Lebensgeschichte „Zeit bahnen“, die jetzt im Rheinischen Landesmuseum zu sehen ist. Ein Auswahlleben auf zwölf raumhohen Pergamienbahnen - Pergament affinitas zur Haut, das kontrastreich hinter- und durchleuchtet werden kann. Zwölf Bahnen, von denen immer zwei zusammengenommen sich zu einer Lebensdekade fügen. Ein Auswahlleben - welches Material würde schon ein ganzes Leben fassen -, das Selbstoffenbarung der Künstlerin und Anstoß für den Betrachter ist. „Zeit bahnen“ wirkt zunächst skizzenhaft, fragmentarisch hingeworfen und offenbart Selbstverletzung und Fremderlebnis gleichermaßen.

Dem Werk der Meisterschülerin von Prof. Crummenauer (Kunstakademie Düsseldorf) kann man sich sowohl konzeptionell wie auch sinnlich annähren. Ihr Material: Pergament, Haut, Papier. Sie fotografiert und installiert. Ihr Interesse betrifft ebenso die Oberfläche wie die Persönlichkeit des Abzubildenden. Dabei reizt sie Grenzen aus, thematisiert die eigene Haut und das Darinstecken ebenso wie die fremde Haut. Es geht darum, sich selbst wiederzufinden innerhalb des Stoffes.

„Zeit bahnen“ - mehr ein Zeitstrahl, sich durch das Planetensystem stehlend - speist sich aus einer Fülle von Lebenserinnerungen; es sei, so Theis, eine Hin- und Herreflexion: Pony- und Elfantenreiten, Familienurlaub und die vom Flugzeugfenster aus zu betrachtende immer kleiner werdende Welt, ebenso wie Lebenszyklisches: Geburt und Tod, vor allem aber Portraits: Selbstportraits und Fremdportraits.

In der mittleren Lebensphase sind vor allem die Fremdportraits spürbar beherrschend. Cony Theis zeigt hier eine Fülle an Zeichnungen, die sie als Gerichtsillustratorin angefertigt hat. Die Collage verweist auf sich selbst und auf das Leben dahinter. „Zeit bahnen“ ist ein sich erinnerndes Kunstwerk, das nicht loslässt und Anknüpfung zu suchen scheint. Noch während der Betrachter die „Zeit“ der Künstlerin sich einen Weg durch seinen Geist „bahnen“ lässt, sucht er seinerseits Anknüpfung, entwirft er sozusagen als Doppelcollage sein Leben darunter.

„See me 2“ zeigt deutlich den Drang der in Köln lebenden und arbeitenden Künstlerin, der Realität verpflichtet wahrzunehmen und auszudrücken. Theis sieht. Sie tritt der Welt mit weit geöffneten Augen gegenüber und bildet ab, was sie sieht. Nicht mehr und nicht weniger?

Es ist eine sehr sensible, zarte Kunst, die die Künstlerin - die vor allem mit ihren akkurat aufgeschlagenen Betonkissen bekannt geworden ist - im Rheinischen Landesmuseum zeigt. Ihr Material – Pergament – ist dünnhäutig, lässt das Durchblicken zu. Es ist ein verletzliches Material, das ebenso wie die menschliche Haut rauen Umgang übel nimmt. Es ist also die Oberfläche, die Theis förmlich scannt und abbildet, dies jedoch so sensibel, dass es schwer fällt, zu glauben, dass Sehen nicht auch Fühlen und Sehnen bedeutet.

Das Hauptwerk „Zeit bahnen“ verweist auf anderes und lässt den Betrachter die Ausstellung differenziert wahrnehmen. Eindrücklich im Zentrum steht der Mensch und sein Abbild. Die Fragen, die die Künstlerin an sich stellt, stellt sie immer auch dem Betrachter. Entsprechend wundert es nicht, dass sie in ihren neuen Arbeiten die Porträtierten einlädt, sich aktiv am Prozess der Kunst zu beteiligen. Diesen Ansatz zeigt unter anderem die Arbeit „Tat Ort Kopf“ deutlich, in der Lebensläufe, geschrieben von Menschen zwischen sieben und neunzig Jahren, und gemalte Porträts kombiniert sind.

Das Porträt, so Theis, kann immer nur die Oberfläche abbilden, es entsteht im Zeichnen eine tiefe Diskrepanz von Oberfläche und Persönlichkeit, die durch das Sich-Einbringen der zu Porträtierenden überbrückt werden kann. Es geht weniger um ein Sich-Preisgeben als um gegenseitige Spiegelung. Nicht nur zeigen, sondern auch gezeigt bekommen.

D a s   Theis-Thema „Schichten“ kommt immer wieder vor. Von den „Zeit bahnen“ bahnt sich der Betrachter einen Weg zum selbsttätigen Porträt. „Peter: Prozess XII“ und Fotographien, die in der JVA Dietz entstanden, gehören dabei zu den interessantesten und vielschichtigsten Zeit- und Lebensentwürfen.

Schichten bedeutet auch zitieren. So finden sich innerhalb der Werke vor allem Goya-Zitate, die der Liebe zum Tiefsehen und Fernsehen geschuldet sind, Techniken, die Theis beherrscht, variiert und neu interpretiert.

Es scheint ein unübersichtlicher Psychodschungel - Speed-Dating mit Tiefgang -, in den der Betrachter gedrängt wird und über den er nicht Herr zu werden vermag. Es ist ein heftiges Kopfkino, dem er ausgesetzt ist. Cony Theis verblüfft, macht aber nicht sprachlos. Ständig wird vom Objekt nach sich, nach dem Betrachter, gefragt. Eine absolute Herausforderung, an der zu wachsen er spätestens bereit ist, wenn er die traumhaft mit „Wasserfarbe“ inszenierten Brautselbstporträts für sich entdeckt hat. Zwischen tiefstem emotionalem Schwarz und märchenhaft wattigem Weiß hat Cony Theis alles im Repertoire. Und also antwortet der Betrachter.

Nach dem Gang durch die Ausstellung steht eines fest: Leicht ist sie nicht, die Kunst von Cony Theis. Betonschwer jedoch auch nicht mehr. Sie hat einen Weg gefunden, mit dem Betrachter auf Tuchfühlung zu gehen: Hautnah mit der Tendenz zur Gänsehaut. Keine leichte Ausstellung. Im Gegenteil: Die Bilder greifen an und machen Lust auf mehr.

Cony Theis: see me 2 – bis 1. November 2009, Rheinisches Landesmuseum.

Während der Ausstellung finden zwei Gespräche an der Ufo-Bar auf der Dachterrasse statt: Mittwoch, 30. September, 19 bis 20 Uhr mit der Künstlerin und Alexandra Käss; Mittwoch, 14. Oktober, 19 bis 20 Uhr mit der Künstlerin und Museumsdirektorin Dr. Gabriele Uelsberg.



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