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Musik, Kulturarbeit - Christiane Wiegand

"Komm! Ins Offene, Freund..."

Intendantin Ilona Schmiel stellt das Programm des Beethovenfests 2010 vor. Unter dem Motto "Utopie und Freiheit in der Musik" sind Künstler aus der ganzen Welt im September in Bonn zu Gast.


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Die Idee der Utopie geht zurück auf den britischen Autor Thomas Morus, der in seinem 1519 erschienenen philosophischen Roman "Utopia" das Bild einer idealen Welt jenseits gesellschaftlicher und kultureller Zwänge und Konventionen zeichnete. Seither haben Schriftsteller, bildende Künstler und Komponisten in ihren Werken immer wieder ideale Gegenbilder zur gesellschaftlichen Realität ihrer Zeit entworfen. In seinem Gedicht "Der Gang aufs Land" rief auch Friedrich Hölderlin zum Aufbruch zu einem solchen utopischen Ort auf, an dem gesellschaftliche Konventionen überwunden und eine ideale Weltordnung hergestellt werden sollten. Die Eröffnungsverse des um 1800 entstandenen Werks hat das Team um Intendantin Ilona Schmiel als Motto für das diesjährige Beethovenfest gewählt: "Komm! Ins Offene Freund...". Das Programm des gut einen Monat andauernden Festivals stellte Schmiel am vergangenen Freitag in der Lounge des Post Towers vor.

Die Wahl des Mottos, so erklärte die Intendantin, stehe in direktem Bezug zur Künstlerpersönlichkeit Ludwig van Beethoven. Wie bei Morus und Hölderlin, so spiele auch in den Werken Beethovens die Vorstellung einer Idealgesellschaft und die Hoffnung auf sozialen und politischen Umbruch eine zentrale Rolle. Ein Bild seiner ganz persönlichen Utopie, in der gesellschaftliche Schranken überwunden und "alle Menschen Brüder" werden, entwerfe Beethoven beispielsweise in seiner 9. Symphonie.

Grenzüberschreitungen und die Erforschung neuer Wege und Formen in der Musik stehen im Zentrum des Programms des Beethovenfests 2010. Unter den insgesamt 67 Veranstaltungen an 25 Spielstätten in Bonn und dem Umland sind auch vier Uraufführungen.

Composer und Artist in Residence Peter Ruzicka bringt am 15. September in der Beethovenhalle gemeinsam mit Daniel Müller-Schott und der Kammerphilharmonie Bremen ein Konzert für Violoncello und Kammerorchester zur Aufführung. Die als Auftragswerk für das Beethovenfest entstandene Komposition trägt den Titel "... ÜBER DIE GRENZE..." und stellt laut Ruzicka eine Vorstudie zu einer geplanten mehrsprachigen Oper des Komponisten dar, in der es um Grenzerfahrungen zwischen Leben und Tod gehen soll. Ebenfalls auf dem Programm steht am 15. September das Quartett für zwei Violinen, Viola und Violoncello Nr. 11 f-moll von Ludwig von Beethoven in einer Fassung für Streichorchester von Gustav Mahler. Dass ein Komponist sich an das Werk eines anderen heranwagt, es sogar verändert und es sich auf diese Weise aneignet und gleichsam neu erfindet, sahen viele Zeitgenossen Mahlers als eine Selbstüberschätzung und Respektlosigkeit, eine Überschreitung der Grenzen zwischen dem eigenen und dem fremden Werk. Außerdem präsentieren Ruzicka und die Kammerphilharmonie eine echte Rarität: die Symphonie Es-Dur von Anton Eberl. Eberls Symphonie erklang einst bei der Uraufführung der Beethovenschen Eroica und wurde von zeitgenössischen Kritikern einstimmig als das wichtigere Werk gefeiert.

In den Bad Godesberger Kammerspielen feiert am 29. September Jan Müller-Wielands Melodram "Der Knacks" nach einem Libretto des Bonner Journalisten und Schriftstellers Roger Willemsen seine Uraufführung und an zwei Abenden bringen Sasha Waltz & Guests eine Choreographie zu Franz Schuberts "Impromptus" auf die Bühne. Mit der Arbeit der Berliner Choreographin hält am 2. und 3. Oktober erstmals der Tanz Einzug beim Bonner Beethovenfest. Auf die versprochene Neuinszenierung von Beethovens einziger Oper "Fidelio" muss das Publikum jedoch wohl noch eine Weile warten. Eine bereits eingeplante Spielstätte steht dem Beethovenfest kurzfristig nicht mehr zur Verfügung. Intendantin Ilona Schmiel zeigte sich dennoch zuversichtlich: die Fidelio-Neuinszenierung werde in den nächsten Jahren kommen, ein genaues Datum wollte sie jedoch nicht nennen.

Neben weltberühmten Stars der internationalen Klassikszene wie der Pianistin Hélène Grimaud, die 2010 Artist in Residence beim Beethovenfest sein und mehrere Konzerte gestalten wird, dem Minguet Quartett, der Cellistin Sol Gabetta oder den Dirigenten Kent Nagano und Paavo Järvi mit ihren Orchestern werden in diesem Jahr wieder viele aufstrebende Nachwuchstalente in Bonn erwartet. Neben Werken von Bach, Mozart und Schubert präsentiert beispielsweise der junge amerikanische Pianist Kit Armstrong am 7. Oktober auf Burg Wissem auch eine eigene Komposition.

Hinrich Alpers, der Gewinner der letztjährigen International Telekom Beethoven Competition Bonn, gibt am 27. September im Collegium Leoninum sein Beethovenfest-Debüt. Neben Ludwig van Beethovens Sonate für Klavier Nr. 31 As-Dur stehen bei ihm Robert Schumanns Humoreske für Klavier in B-Dur und weitere Werke des vor 200 Jahren geborenen romantischen Komponisten auf dem Programm. Der 200. Geburtstag Schumanns bildet in diesem Jahr auch beim Beethovenfest einen Programmschwerpunkt. Am 21. September sind seine selten aufgeführten "Faust-Szenen" für Soli, Chor und Orchester unter der Leitung von Helmuth Rilling in der Beethovenhalle zu hören. Zudem stehen sämtliche Schumann-Violinsonaten sowie zahlreiche Lieder wie etwa der „Liebesfrühling“ oder die "Spanischen Liebeslieder" beim Beethovenfest 2010 auf dem Programm.

Mit der Überschreitung von Genregrenzen und der Auflösung traditioneller Formen und der Konzertsituation als starrem kulturellem Ritual wird sich unter anderem der Auftritt des Multipercussionisten Martin Grubinger am 25. September in der Beethovenhalle beschäftigen. Anstatt ein übliches Frontalkonzert abzuhalten, werden sich Grubinger und seine Musiker frei im Raum verteilen und den zweiten Teil des Konzerts in Form einer "Latin Lounge" ins Foyer verlegen.

Zwar werden in diesem Jahr geringfügig weniger Karten für die Veranstaltungen zur Verfügung stehen als im Vorjahr, die Eintrittspreise bleiben jedoch trotz Wirtschaftskrise unverändert. Ermäßigungen von 50% sollen vor allem Schüler und Studenten zu den Veranstaltungen locken. Der Vorverkauf der rund 42.000 Karten beginnt am 17. April. Bereits jetzt sind detaillierte Informationen zu Künstlern und Programm auf der Internetseite des Beethovenfests zu finden.

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