Logo Kultur-in-Bonn.de
Anzeige
Sonstiges, Ausstellung - Jeanette Franza

Großbronzen unter der Lupe

Röntgenblick auf alte Römer. Ein Besuch in den Restaurierungswerkstätten des LVR-Landesmuseum Bonn.


Anzeige



Restaurierung-Grossbronzen-kib.jpg

Ein Fragment wird in den Faltenwurf einer Statue eingeordnet.
(Foto: Landesmuseum)

Das Geräusch erinnert an das eines Zahnarztbohrers. Frank Willer, Restaurator im LVR–Landesmuseum Bonn, führt einen Mikroschleifer vor, den er verwendet, um die original vergoldete Oberfläche von bronzenen Fragmenten freizulegen. „Auf diese Weise werden Spuren antiker Herstellungstechnik sichtbar“, erklärt Willer.

Neben Katia Bott von der Akademie für Bildende Künste in Stuttgart ist Frank Willer Mitglied des Restauratorenteams, das an einem von der Volkswagenstiftung im Rahmen der Förderinitiative „Forschung in Museen“ geförderten Forschungsprojekt über römische Großbronzen am UNESCO-Welterbe Limes mitwirkt. Ziel des Projektes ist es, erstmals systematisch alle Großbronzenfragmente der Provinzen Germania Inferior, Germania Superior und Raetia, einem Gebiet, das von der Schweiz bis in die Niederlande reicht, aufzuarbeiten und die Funde in einer Datenbank zu erfassen.

Doch was ist eigentlich eine Großbronze? „Der Begriff ist nicht wirklich definiert,“ erzählt Dr. Susanne Willer, Kustodin am Landesmuseum, Archäologin und zuständig für die historische Sammlung des Museums. „Sie ist das, was über die Größe einer Statuette hinausgeht, meist lebensgroß. Die meisten Figuren wurden später zerstört“, erklärt sie. Erhalten sind nur viele kleine Fragmente, die auf den ersten Blick als vernachlässigbar weil unspektakulär erscheinen.“

Ihr Mann Frank Willer stellt drei Fragmente vor, die 2007 bei Ausgrabungen eines ehemals römischen Siedlungsplatzes auf einem Acker in Groß-Gerau gefunden wurden. „Zu sehen ist der Rückenteil einer lebensgroßen römischen Statue, ein Oberschenkelfragment und Faltenreste eines Gewandes“, erklärt der Restaurator.

Durch die Analyse der Großbronzenfragmenten sollen sowohl Fragen zu antiker Herstellungstechnik - wie haben die Statuen ausgesehen? Wie haben antike Handwerker gearbeitet? Welches Material wurde zu ihrer Herstellung verwendet? Wurden einheimische Produkte oder Importe verwendet? - als auch sozialgeschichtliche Zusammenhänge beantwortet werden.

„Großbronzen haben viel eher als kleinere Statuen in einem bestimmten staatlichen Kontext gestanden,“ weiß Susanne Willer, „ihre Erforschung erklärt uns viel über den römischen Staat und gibt uns wichtige Hinweise zur Interpretation der römischen Herrschaftspolitik.“

Um die Forschungsfragen zu beantworten, verfolgt das Projekt, so Susanne Willer, einen innovativen Ansatz: „Archäologen, Restauratoren und Naturwissenschaftler arbeiten eng zusammen, da wir archäologisch-historische Methoden mit archäometrischen Analysen miteinander kombinieren.“

Die Restaurierungsarbeiten erfolgen in den Restaurierungswerkstätten des Landesmuseums Bonn in Zusammenarbeit mit der Akademie der Bildenden Künste Stuttgart. Die Arbeit dauert mehrere Wochen und erfordert viel Genauigkeit und Feingefühl. „Der Restaurator muss bei seiner Arbeit sehr vorsichtig vorgehen, um die originale Oberfläche nicht zu verletzen“, erklärt Frank Willer. Doch die Mühe lohnt sich und erste Aussagen über antike Produktionstechniken an Großbronzen lassen sich bereits treffen:

Konnten kleinere Statuen von quasi jedermann angefertigt werden, besaßen antike Handwerker, die Großbronzen herstellten, hohes technologisches Wissen und sehr gute praktische Fähigkeiten. Zudem zeichnen sich Großbronzen durch die hohe Qualität des zu ihrer Herstellung verwendeten Materials aus.

Neben dem zur Freilegung der Oberfläche verwendeten Mikroschleifer werden eine Reihe weiterer Instrumente verwendet: „Die Restauration hat schon immer die Entwicklung in der Medizin zu nutzen gewusst", erläutert Frank Willer. Seit den 70er Jahren werden Röntgenaufnahmen verwendet, um einen Einblick in das Innere der Objekte zu erhalten. So werden antike Reparaturstellen und Gussfehler sichtbar gemacht, die bislang nicht zu erkennen waren.

Aber auch 3D-Scans zur Rekonstruktion der Statuen sowie Guss-Simulationsverfahren, um die Arbeitsabläufe antiker Gießprozesse zu rekonstruieren, kommen zur Anwendung. Die gesammelten Fundstücke sollen am Ende des Projektes der Öffentlichkeit in einer Internetdatenbank zugänglich gemacht werden. Zudem ist ein internationales Kolloquium in Bonn geplant, in dessen Rahmen die Ergebnisse präsentiert werden sollen.

Bei den von Frank Willer vorgestellten Fragmenten handelt es sich übrigens um das Kultbild einer römischen Gottheit, das in einem Tempel aufgestellt war. Dieses wurde später zerstört und zerschlagen. Teile des wertvollen Metalls wurden von Alemannen nach Groß-Gerau verschleppt und dort als Metalldepot vergraben.


Diesen Artikel bookmarken:  
twitter.com  facebook.com  Mister Wong  LinkaARENA  StudiVZ.de  MySpace.com  Technorati  oneview  del.icio.us  google.com  YahooMyWeb  live.com  digg.com  MyLink.de  Webnews  YiggIt  Folkd  stumbleupon.com  Reddit  

Artikel per eMail weiterempfehlen
Anzeige

Tagestipps Donnerstag, 09.02.12

Alle Termine einer Veranstaltungsreihe:
Kalenderübersicht >>      Ticketshop >>
Anzeige

Nachrichten

Musik - 08.02.12
"bonn hoeren" ein Ort im "Land der Ideen"
Erwin_Stache_04.jpg
Die künstlerische Auseinandersetzung mit Klang im städtischen Alltag wird ausgezeichnet. Projekt der Stadtklangkünstler in Bonn.

Theater - 07.02.12
Offenes Werkstattgespräch zum Londoner Erdbeben
KIB_IMG_8618_241_22.jpg
Nach der letzten Aufführung des Stücks zur Klimadebatte am Freitag ist Chefdramaturgin Stephanie Gräve im Gespräch mit Johannes Sabel und Axel von Dobbeler.

Ausstellung, Sonstiges - 06.02.12
Karneval ins Museum
Viele Museen in der Bundesstadt haben auch an Karneval geöffnet. Eine Übersicht der Öffnungszeiten von Ausstellungshäusern und Bonner Bädern.

Musik, Sonstiges - 03.02.12
Orchestercampus ist eine der besten Ideen
Logo_mit_Wortmarke-kib_17.jpg
Das Projekt von Deutscher Welle und Beethovenfest Bonn gehört zu den Preisträgern im Wettbewerb „365 Orte im Land der Ideen“ 2011. Internationale Jugendorchester sind beispielhaft für Kulturaustausch und die Förderung hochtalentierter Musiker.

Anzeige

Magazin

Themen, Kritiken & Berichte
Kritik: Kino
Der Besessene
Wäre „positiv verrückt“ nicht eine durch inflationären Gebrauch im Sportsprech verbrannte Phrase, könnte man sie auf den Baseball-Manager und sportlichen Revolutionär anwenden, den Brad Pitt in „Moneyball – Die Kunst zu gewinnen“ spielt.

Kritik: Kino
Vampire Weekend
Kate Beckinsale geht als lacklederne Actionheldin in „Underworld: Awakening“ erneut auf Werwolfjagd. Eher etwas für Fans der Underworld-Streifen.

Thema: Sonstiges
Karneval auf der Straße
Bereits am 5. Februar beginnt der Bonner Straßenkarneval. Neuer Zugweg in Kessenich und Beuel. Eine Übersicht der Züge im Stadtgebiet.

Kritik: Literatur
Rückkehr nach 1Q84
Murakami-Buch3-cover-kib.jpg
Haruki Murakami entführt seine Leser noch einmal in die Parallelwelt 1Q84 und lässt die Hauptfiguren Aomame und Tengo zueinander finden.

Kritik: Kino
Zeit zum Innehalten
In Alexander Paynes Drama „Familie und andere Angelegenheiten (The Descendants)“ muss ein gegen sein Rollenklischee besetzter George Clooney familiäre Verantwortung übernehmen und wichtige Entscheidungen treffen.

Anzeige
Anzeige