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Kulturarbeit - Wolfgang Guting
"Es wird so getan, als sei das Festspielhaus bereits abgemachte Sache"
Kommunalwahl (III): Interview mit Jürgen Repschläger, parteiloser Kandidat auf der Liste der Partei "Die Linke" für den Bonner Stadtrat.
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Die Kommunalwahl steht vor der Tür. Was haben die im Bonner Rat vertretenen Parteien und Gruppen in der lokalen Kulturpolitik vor? Was tun sie zur Stärkung des Kulturstandortes Bonn und wie ist ihre Stellung zum Festspielhaus?
Kultur-in-Bonn.de hat dazu fünf Fragen formuliert und die Politiker um Stellungnahme gebeten. In den nächsten Wochen veröffentlichen wir jeweils donnerstags hier die Antworten. Diese Woche beantwortet Jürgen Repschläger, parteiloser Kandidat auf der Liste der Partei "Die Linke" für den Bonner Stadtrat, die Fragen.
Kultur-in-Bonn.de: Was sind die konkreten Schwerpunkte der lokalen Kulturpolitik Ihrer Partei?
Jürgen Repschläger: Lassen Sie mich hier sinngemäß mit Bertolt Brecht sagen: Alle Bemühungen um die Kultur, seien sie literarischer, musikalischer oder anderer Art, haben zur Voraussetzung ihrer Wirksamkeit, dass sie alle betreffen, das heißt alle Menschen, die im Bezirk ihrer Wirksamkeit da sind. Es geht bei unserer Kulturpolitik also in erster Linie um die Menschen in Bonn und der näheren Umgebung und weniger um das zahlungskräftige Publikum von außerhalb. Ein zweiter Schwerpunkt ist die Thematisierung des Zusammenhangs zwischen Kultur, Bildung und der jeweiligen ökonomischen Situation vor allem in den Familien. Das berührt die Frage, wer hat überhaupt die Möglichkeit, am kulturellen Leben teilzunehmen? Was ist notwendig, um erst einmal Interesse und Verständnis für Kultur zu wecken. In einem buchlosen Haushalt ist es schwer, Interesse an Literatur zu entdecken. In einer Familie ohne Bücher oder Instrumente ist die Verführung zum sinnentleerten Computerspiel wahrscheinlich größer als die Chance, eine verborgene Neigung zur Musik zu verspüren. Alleine um zu merken, ob jemand musikalisch begabt ist, bedarf es der Bildung und einer bestimmten ökonomischen Situation. Teil unserer Kulturpolitik wird also sein, nicht abzuwarten, ob die Menschen zu einer kulturellen Veranstaltung gehen oder nicht, sondern Konzepte zu entwickeln, wie die Kultur zu den Menschen kommt. Ein Streichquartett des Beethovenorchesters, das Schulklassen im Musikunterricht besucht, ist genauso vorstellbar wie Theaterleute, die auf Stadtteilfesten spielen und ihre Arbeit vorstellen. Ebenso sollten Ensembles regelmäßig in Jugend- und Stadtteilzentren auftreten. Diese auf gesellschaftliche Breite angelegte Kulturpolitik ist eine linke Alternative zu gigantischen und teueren Großprojekten, die von vorneherein auf diejenigen zielen, die sich aufgrund ihrer Stellung in der Gesellschaft diese auch leisten können.
Kultur-in-Bonn.de: Was tun Sie zur Stärkung des Kulturstandortes Bonn?
Jürgen Repschläger: Natürlich soll das vielfältige Kulturangebot der Stadt Bonn erhalten, ausgebaut und an Punkten ergänzt werden. Mich graust es allerdings immer häufiger, wenn ich das Wort Standort höre. Die Standortdebatten laufen in die falsche Richtung. Es werden Löhne gesenkt und gewerkschaftlich erkämpfte Rechte abgebaut, um den Industriestandort Deutschland zu stärken. Kommunen senken die Gewerbesteuer, um sich für den Handel interessanter zu machen. Die Politik kommt der Industrie mit Subventionen entgegen, damit sie nicht den Standort wechselt. Es werden unverantwortliche Großprojekte hochgezogen usw. usw. Standortlogik sieht sich immer in Konkurrenz zu Anderen. Es wird nur das Eigene gesehen, nicht das Ganze. Genau so, wie es Berlins Bürgermeister Wowereit bei seinem Besuch beim Bonner SPD-OB-Kandidaten Nimptsch ausgedrückt hat: "Jeder kämpft für seine Stadt." Die Bonner LINKE widersetzt sich dieser so verstandenen Standortlogik und setzt auf überregionale Zusammenarbeit, das heißt Kommunikation und Koordination mit den Nachbarkommunen. Ziel könnte so etwas wie ein rheinischer Kulturverbund sein, in dem sich die kulturellen Angebote der Kommunen ergänzen. Doch das ist Zukunftsmusik. Konkret geht es darum, sich von der Fixierung auf Oper, Festspielhaus und Museumsmeile zu verabschieden und zu einem umfassenderen Kulturbegriff zu kommen, denn neben der sogenannten freien und alternativen Kultur geht es auch um Sprache, Literatur, Bildung, Architektur, Denkmalschutz, Sport, Geschichte, Erinnerungskultur und, ganz wichtig, um interkulturelle Begegnung und Zusammenarbeit. Ein komplettes Versagen der Stadt, wie beim Metropol, darf sich nicht wiederholen. Schon vor Jahren beim sporthistorisch und damit kulturell wichtigen Poststadion in der Bonner Nordstadt hat die Stadt ihr Vorkaufsrecht vergeigt und diese altehrwürdige Arena dem Abriss preisgegeben. Aktuell steht das bereits beschlossene Haus der Bildung wieder zur Disposition. Interkulturelle Projekte, die für das solidarische Zusammenleben von Menschen unterschiedlichster Herkunft eminent wichtig sind, klagen über zu geringe finanzielle Unterstützung. All dies geschieht im Schatten der Großprojekte, auch wenn die anderen Parteien immer wieder betonen, wie wichtig ihnen auch das Andere ist. Ein weiterer wichtiger Aspekt ist die Alltagskultur, die von der Kulturpolitik so gut wie nie wahrgenommen wird. Dazu gehören schlicht und ergreifend Räume und Plätze, wo sich Menschen treffen können. Ich denke dabei aktuell an die Diskussion um den Frankenbad-Vorplatz, auf dem sich vor allem im Sommer bis weit über 100 Menschen aus den umliegenden Vierteln aufhalten. Sollte dieser, wie es die GRÜNEN wollen, kommerzialisiert werden, geht wieder ein Stück Alltagskultur verloren. Also wenn schon Stärkung des Standortes, dann durch eine Kulturpolitik, die alle Bereiche des menschlichen Lebens umfasst, denn nichts anderes ist Kultur.
Kultur-in-Bonn.de: Was muss Ihrer Meinung nach konkret zur Förderung freier und alternativer Kulturprojekte vorgenommen werden?
Jürgen Repschläger: Ich kann mit den Begriffen freie und alternative Kultur relativ wenig anfangen. Wo beginnt Kultur unfrei zu werden und wo ist die Grenze zwischen etabliert und alternativ? Definieren das die Kulturschaffenden selbst oder gibt es objektive Kriterien? Meine Unterscheidung ist nicht die zwischen etablierter und alternativer Kultur, sondern zwischen kommerzieller und nicht-kommerzieller. Mit anderen Worten, ist ein Kulturgut Ware, die sich am Markt behaupten muss, oder geht es um den reinen Gebrauchswert, halt die Kultur um der Kulturwillen? Ganz klar, nicht-kommerzielle Kulturprojekte, die aus Spaß an der Freud und für die Kunst um der Kunst willen kulturell arbeiten, müssen unterstützt werden. Das beginnt bei Orten und Räumlichkeiten, in denen Kunst und Kultur jenseits hoher Mieten überhaupt stattfinden können. Wir brauchen mehr und vor allem selbstverwaltete Stadtteil- und Jugendzentren. Die zivile Nutzung der Ermekeilkaserne in der Südstadt, ihre Umwandlung in ein interkulturelles Begegnungszentrum wäre ein wichtiger Schritt. Ebenso ist das Gebäude der Volkshochschule in der Bonner Altstadt nach dem Umzug der VHS in das Haus der Bildung ein interessantes Objekt für ein Zentrum mit Probe- und Atelierräumen. Das soll nicht heißen, dass ich gegen die bisherige Förderung der sogenannten freien und alternativen Theater, Spielstätten und Projekte bin. Im Gegenteil, weitere Kürzungen müssen verhindert werden. Es muss ein konkreter und unantastbarer Finanz- und Förderplan aufgestellt werden. Ohne Planungssicherheit können die Projekte nicht arbeiten. Was wir aber, wie bei den anderen Fragen auch, auf jeden Fall brauchen, ist eine kulturtheoretische Auseinandersetzung, die sich mit der ganzen Bandbreite dessen, was Kultur ist, beschäftigt. Kultureliten haben wir schon zu viele.
Kultur-in-Bonn.de: Wie ist Ihre Stellung zum Festspielhaus?
Jürgen Repschläger: Nicht der Rat der Stadt Bonn sollte über ein Festspielhaus entscheiden und schon gar nicht die politisch kaum zu kontrollierenden DAX-Unternehmen. Einzig und alleine die Bonner Bürgerinnen und Bürger sollten in einer direkten Abstimmung darüber bestimmen, ob Bonn so ein Festspielhaus haben soll oder nicht. Um sich aber entscheiden zu können, bedarf es genauester und verlässlicher Informationen über Bau, Programm, die Finanzierung und vor allem über die langfristige Finanzierung des Spielbetriebs. Was kostet es die Stadt Bonn? Woher soll das Geld kommen? Was könnte mit diesem Geld in anderen Bereichen, vor allem im sozialen Bereich, alternativ gemacht werden? Gibt es vor dem Hintergrund steigender Kinderarmut nicht andere Notwendigkeiten? All diese Fragen dürfen nicht isoliert voneinander diskutiert werden. Sie bilden eine kultur- und sozialpolitische Einheit. Bisher ist die Informationspolitik der Stadt ein einziges Chaos. Genauestens wird über Architektur und Akustik berichtet, aber wenn es ums Geld geht ... Man müsste, man könnte, das Land, der Bund, eine Stiftung oder vielleicht die Wirtschaft ...? Nichts ist klar, aber es wird so getan, als sei das Festspielhaus bereits abgemachte Sache und es wird weiter geplant. Die Position der LINKEN ist: Ohne umfassende Information und ohne einen BürgerInnenentscheid kein Festspielhaus!
Kultur-in-Bonn.de: Welche kulturelle Veranstaltung haben Sie zuletzt in Bonn besucht?
Jürgen Repschläger: Die Rheinkultur, die ich 1983 als Mitglied der "Initiative für ein autonomes Jugend- und Kulturzentrum" in Bad Godesberg und als späterer Vorsitzender des "Vereins Bonner Rockmusiker" miterfunden habe. Seitdem habe ich, mit einer Ausnahme, jedes Jahr auf der Rheinkultur gearbeitet.
Das Interview führte Wolfgang Guting.
Lesen Sie nächste Woche das Interview mit Barbara Wrany, Kultursprecherin der FDP-Fraktion.
Diskutieren Sie mit: Bonner Kulturpolitiker im Interview
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