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Sonstiges, Literatur - Julia-Rebecca Riedel
Ein "verkannter Niemand"
Subjektiver Idealismus: Zum 150. Todestag des misanthropischen Philosophen Arthur Schopenhauer.
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Friedrich Nietzsche, Richard Wagner, Samuel Beckett, Kurt Tucholsky, Wilhelm Busch, Leo Tolstoi, Thomas Mann, Albert Einstein, … - er, Arthur Schopenhauer, hat sie fasziniert, begeistert und beeinflusst. Sie fühlten sich ebenso abgestoßen wie angezogen von dem 1788 geborenen Wahl-Frankfurter.
Wilhelm Busch karikierte den im wahrsten Sinn des Wortes wirren Kopf Arthur Schopenhauer abgewandt, zeichnet eine Rückenansicht, die zugleich Statement dessen ist, was man in Frankfurt über den Zeitgenossen denkt. Der Einzelgänger gilt als „verkannter Niemand“.
Leo Tolstoi hingegen wird 1869 über den längst Verstorbenen schreiben: „Ich weiß nicht, ob ich meine Meinung einmal ändern werde, jetzt jedenfalls bin ich überzeugt, dass Schopenhauer der genialste aller Menschen ist (…). Wenn ich ihn lese, ist mir unbegreiflich, weshalb sein Name unbekannt bleiben konnte. Es gibt höchstens eine Erklärung (…), nämlich dass es auf dieser Welt fast nur Idioten gibt.“
1788 in eine Danziger Kaufmannsfamilie hineingeboren, beginnt Arthur Schopenhauer 1804 ebenfalls eine Kaufmannslehre, die er jedoch nach dem mysteriösen Unfalltod des Vaters 1805 zugunsten des Gymnasiums abbricht. Er folgt der Mutter und seiner Schwester Adele nach Weimar, wo die Mutter einen literarischen Salon unterhält und ihn unter anderem mit Johann Wolfgang von Goethe bekannt macht, der sich von dem jungen Quertreiber zunächst begeistert zeigt. Von 1809 an studiert Schopenhauer in Göttingen Medizin, ab 1811 widmet er sich in Berlin der Philosophie, promoviert 1813 in Jena. Er hält sich für überragend, seine Zeitgenossen halten ihn für arrogant. Seine Studenten hören lieber bei Hegel, der zugänglicher ist.
Schopenhauer, Schüler Immanuel Kants, den kategorischen Imperativ verwerfend, wettert gegen den verehrten Lehrer Schleiermacher ebenso wie gegen Hegel, gegen den auch Sören Kierkegaard polemisiert. Er macht sich unbeliebt. Schopenhauer nutzt die „Tagesphilosophie“, um sich über sie zu erheben, sie zugleich zu verwerfen und macht sich damit zum ungeliebten Zeitgenossen, der weder besondere Anerkennung erfährt noch sich wissenschaftlich etabliert. Zwei Versuche unternimmt er, eine Professur zu erlangen, beide Male scheitert er.
Bis zu seinem Tod im Jahr 1860 bleibt der Philosoph, der uns heute als richtungsweisend für die moderne Psychoanalyse nach C. G. Jung und die moderne Lebensphilosophie gilt, Privatgelehrter und Schriftsteller mit mäßigem Erfolg. Einer, der in Gedanken versunken durch Frankfurt am Main spaziert, den unvermeidlichen Pudel an der Leine. Er wendet seiner Zeit und ihren Genossen den Rücken zu, eben so, wie sie ihm.
"Der wächst uns allen über den Kopf"
Dabei begann die Karriere des jungen Schopenhauer recht vielversprechend. Goethe äußert sich, nach Lektüre der 1813 erschienen Dissertation „Über die vierfache Wurzel des Satzes vom zureichenden Grunde“, zunächst beeindruckt: „Der wächst uns noch einmal allen über den Kopf.“ Wie Recht er haben würde, wird ihm wohl über die Zusammenarbeit an der Farbenlehre bewusst, denn bald schon bricht Goethe den Kontakt ab: „Trüge gern noch des Lehrers Bürden,/ wenn Schüler nicht gleich Lehrer würden.“ Arthur Schopenhauer ist zweifelsohne ein Genius seiner Zeit, doch vollkommen unzugänglich, schroff und verzogen, was den Umgang und das Gespräch betrifft. Ein vollkommener Misanthrop. Aus dem Genius seiner Zeit wird ein Ausgegrenzter. Ein Ausgegrenzter, der sich jedoch immer wieder ins Gespräch zu bringen weiß.
Dass man Arthur Schopenhauer durchaus ambivalent betrachtet hat, machen Friedrich Nietzsche und Richard Wagner deutlich, die sich durch seine Philosophie inspiriert zeigen. So äußert Nietzsche über Schopenhauer, er sei ein letztes wahrlich europäisches Ereignis, gleich Goethe oder Hegel – beiden dürfte ein solcher Vergleich mehr als missfallen haben. Für einen Psychologen sei sein „bösartig genialer Versuch, zugunsten einer nihilistischen Gesamtabwertung des Lebens gerade die Gegeninstanz dessen, die große Selbstbejahung des Willens zum Leben, …, in’s Feld zu führen“ ein herrlicher Fall.
Nun ist Arthur Schopenhauer tatsächlich ein herrlicher Fall für die Psychologie geworden. Allerdings weniger sein wirrer Geist, vor dem die Zeitgenossen schauderten, als viel mehr seine pessimistisch fundierte Willensmetaphysik, die die Gesamtheit der menschlichen Lebenswirklichkeit vom Willen her erfasst und Intellekt und Vernunft zu Vollzugsorganen des triebgesteuerten Handelns depotenziert. Die Psychoanalyse Sigmund Freuds wie auch die C. G. Jungs musste sich an den Maßstäben von Schopenhauers subjektivem Idealismus messen lassen.
Die Welt als Wille und Vorstellung
Grundsätzlich geht es in Schopenhauers Philosophie immer wieder um den „Satz vom zureichenden Grund“, der wenig mehr bedeutet als „Nichts ist ohne Grund, warum es sei“. Schon seine Dissertation stellt diese Grund-Folge-Beziehung in den Mittelpunkt. Sein philosophisches Hauptwerk „Die Welt als Wille und Vorstellung“ erscheint ab 1818 in vier Bänden, beschäftigt sich mit Ethik, Metaphysik und Ästhetik. Es ist eine pessimistische Philosophie, die irrationalerweise ihre Erfüllung in der Auslöschung sucht und sich vier Kategorien zu Eigen macht: Werden – Erkennen – Sein – Handeln.
Die Notwendigkeit des Erkennens ist für Schopenhauer grundlegend: Die Welt ist meine Vorstellung und mein Wille, dabei ist es allein das Kunstgenie, das Erlösung schaffen kann. Diese Philosophie, die die Genialität zur vollkommensten Objektivität erklärt, beeinflusst vor allem die Musik und die Musikphilosophie des 19. Jahrhunderts, insbesondere Richard Wagner. Wagner lässt ihm, dem Verehrten, 1851 seine Dichtung „Der Ring des Nibelungen“ überreichen.
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