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Literatur - Julia-Rebecca Riedel
Realistischer Idealist
Er wusste, auf was sich das Kratzen seiner Feder einlässt: Leo Tolstoi zum 100. Todestag.
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„Alle glücklichen Familien gleichen einander, jede unglückliche Familie ist auf ihre eigene Weise unglücklich“, heißt es an prominenter Stelle in einem von Tolstois Hauptwerken Anna Karenina. Ein Statement, das dem adeligen Bauernfreund vorauseilen und sich als wahr erweisen soll.
Im Jahr 1910 ist Lew Nikolajewitsch Tolstoi auf der Flucht: vor seiner Familie und zugleich auf seiner letzten Reise nach Süden. Er will nach Konstantinopel, vor allem aber will er, wie es scheint, weg von seiner Frau Sofja, die den Verzicht auf die gemeinsamen Besitztümer zu Gunsten der Bauern ablehnt. Mit ihm reist seine jüngste Tochter Sascha, die nach seinem Tod in einen erbitterten Streit mit Sofja Tolstaja um die Urheberrechte an den Schriften des Vaters verfallen wird.
Auf der Reise erkrankt Leo Tolstoi an einer Lungenentzündung, am 20. November 1910 stirbt der ewig widerspenstige Quergeist, 82-jährig auf einer Bahnhofsstation in Astapovo, umringt von der Weltpresse, einen alles andere als friedlichen Tod. Begraben wird er zwei Tage später in Jasnaja Poljana, in heimischer, doch nicht in geweihter Erde. Und mit seinem Ende fängt seine Geschichte erst an.
Neben Iwan Sergejewitsch Turgenew (1818-1883) ist Lew Nikolajewitsch – Leo – Tolstoi einer der bedeutendsten Schriftsteller des russischen Realismus. Sein Anliegen ist es, die fassbare Welt nach allen Regeln der Kunst objektiv zu beschreiben. Realistische Literatur, wie Tolstoi sie erschafft, bildet aber nicht nur Wirklichkeit ab, sondern sie bietet kunstvoll gestaltet Möglichkeiten zum Wirklichkeitsverständnis, will dabei immer klar und deutlich sein.
Tolstoi hat eine Fülle von solch kunstvoll ungekünstelten Werken wie Krieg und Frieden (1868) und Anna Karenina (1877) hinterlassen, allesamt Weltliteratur. Seinem Tagebuch vertraut er an, der Ruhm sei etwas, dass er noch mehr liebte als das Gute.
Neben Tolstoi hat kein zweiter Schriftsteller es verstanden, den russischen Geist der Aristokratie, der orthodoxen Kirche und zugleich den der Arbeiter und Bauern präziser zu erfassen und mit seinen Beschreibungen den Nerv der Zeit derart empfindlich zu treffen, ihn so zu überreizen, dass viele seiner monumental-opulenten Werke in Russland nur zensiert oder gar nicht erscheinen durften und er selbst, wie auch seine Familie, immer mit Repressalien zu rechnen hatten. Dabei hat der russische Realist Tolstoi immer ganz genau gewusst, auf was sich das Kratzen seiner Feder einlässt, auch wenn man bis heute über seinen Geisteszustand kontrovers diskutieren mag.
Fähnrich bei der Artillerie
Leo Tolstoi, am 9. September 1828 südlich von Moskau in Jasnaja Poljana geboren, wird mit neun Jahren Vollwaise und wächst bei seiner Tante in Moskau auf, die ihm eine in der Tendenz eher modern-europäische Bildung durch deutsche und französische Hauslehrer zuteil werden lässt. 1844 beginnt er Orientalische Sprachen an der Universität von Kasan zu studieren, wechselt in die Juristerei und bricht das Studium 1847 ab, um die Lage der leibeigenen Bauern auf dem geerbten väterlichen Besitz in Jasnaja Poljana zu verbessern.
Dabei verbessert er zunächst herzlich wenig, denn hohe Spielschulden zwingen ihn, seines Vaters Anwesen zu veräußern. Später wird er im selben Ort ein anderes Anwesen erwerben, auf dem er bis zu seiner „Flucht“ 1910 mit einigen kurzen Unterbrechungen lebt.
1849 treibt es den jungen Tolstoi nach St. Petersburg, 1851 tritt er in die zaristische Armee ein; zunächst zieht er als Fähnrich bei der Artillerie in den Kaukasuskrieg, später in den Krimkrieg. Er bekommt am eigenen Leib die Entbehrungen des Soldaten im Krieg zu spüren, aber lernt ebenso die der überrannten Bevölkerung, auf deren Land und in deren Leben sich der Krieg abspielt, kennen.
Seine realistischen Berichte aus dieser Zeit, etwa über den Stellungskrieg in der Festung Sewastopol (1855/56), sichern ihm erste schriftstellerische Anerkennung. Er beschreibt den sich vollziehenden Wandel: Die Hoffnung auf eine bessere Zukunft scheint begraben zu liegen irgendwo zwischen den Toten der vergangen Aufstände und Kriege, die Betrachtung der Gegenwart ist abgeklärt: Er beschreibt nicht das Leben, wie es sein sollte, sondern wie es ist, und rührt damit Geist und Herz seiner Leser. Letztlich bedeutet aber etwas zu beschreiben, wie es ist, auch zu schreiben, wie es sein sollte.
Tolstoi ein realistischer Idealist? Er ist ein Schriftsteller mit Ambitionen und Visionen. Aus jeder Zeile seiner Werke liest man heraus, es muss noch etwas anderes, etwas besseres geben: Wie kann man leben – gut leben?
Pädagogische Reformbewegungen
Zwischen 1857 und 1860/61 reist er nach Westeuropa, verspielt sein Geld und kommt in finanzielle Bedrängnis und knüpft zugleich Kontakt zu Schriftstellern und Künstlern Europas, kommt in Kontakt mit reformpädagogischen Bestrebungen. Zurück in Jasnaja Poljana eröffnet er im Geiste Rousseaus (1712-1778) eine Dorfschule, deren Anliegen es ist, die Selbsttätigkeit der Schüler zu fördern.
Zwar wird die Schule durch die zaristische Verwaltung geschlossen, doch setzt Tolstoi seine pädagogischen Ideen weiter um, schreibt Kinder- und Schulbücher, die vor allem „moralisch Richtiges“ vermitteln sollen und beteiligt sich an den Reformbewegungen freier Schulen. Überall in Europa werden erlebnispädagogische Konzepte entwickelt, demokratisch soll unterrichtet werden in freiem Gespräch und Lernen durch Handeln. Turgenew schreibt über die Frage der pädagogischen Autorität, des westlichen Nihilismus und der des liberalen Slawophilismus in seinem wohl bekanntesten Werk Väter und Söhne (1861) und Tolstoi ist beeindruckt.
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