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Literatur - Julia-Rebecca Riedel

Ehrengast voller Temperament

Zwischen Gaucholiteratur und Tango: Argentinien ist Ehrengast der Frankfurter Buchmesse. Friedenspreis für David Grossman.


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(Bild: Buchmesse)

Vom 6. bis 10. Oktober 2010 ist Frankfurt zum 62. Mal Schauplatz der wohl wichtigsten Messe rund um das Medium Buch. Ehrengast 2010 ist Argentinien, das in diesem Jahr den 200. Jahrestag seiner Unabhängigkeit feiert. DAS Novum der Messe: die Frankfurt Hot Spots!

Die Frankfurt Hot Spots sind thematisch ausgerichtet, in fünf verschiedenen Messehallen der Frankfurter Buchmesse zu finden und Teil von Frankfurt SPARKS, der digitalen Initiative der Frankfurter Buchmesse. Allen Ausstellern soll an den sogenannten Hot Spots unter anderem ein Stand mit Internetanschluss, Café-Bar, Servicetheke, Lounge-Bereich für Geschäftstermine zur Verfügung stehen.

Die Frankfurter Buchmesse ist die weltweit älteste Messe. 1240 gewährte Kaiser Friedrich der II. Frankfurt Messeprivilegien.1485 fand hier die erste Buchmesse statt. 300.000 Besucher werden in diesem Jahr erwartet, unter ihnen tummeln sich tausende Journalisten und Autoren, sowie etwa 7.300 Aussteller aus 100 Ländern, darunter Ehrengast Argentinien.

Fünf Tage lang stehen das Buch, aber auch Multimedia und Kommunikation im Mittelpunkt der Buchmesse. Begleitet wird die Ausstellung von einem vielfältigen Ausstellungs-, Konzert- und Kunstprogramm der Stadt Frankfurt, das ein eindrucksvolles und exotisches Bild Argentiniens zeichnet. Höhepunkt der Messe in der Mainmetropole ist die Verleihung des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels in der historieschwangeren Atmosphäre der Paulskirche.

Die Paulskirche in Frankfurt ist die „Wiege der Deutschen Demokratie“ und das nationale Symbol für Freiheit und Demokratie in der Bundesrepublik Deutschland. 1848 trat hier die erste frei gewählte Nationalversammlung zusammen, 1944 brannte die Kirche nach einem Bombenangriff vollkommen aus, zum 100. Gedenktag des Zusammentritts der ersten Nationalversammlung wurde sie am 18. Mai 1948 als Haus aller Deutschen feierlich wiedereröffnet. Die Festansprache – eine kritische Bilanz der vorangegangenen Jahre – hielt Fritz von Unruh. Die ersten beiden Frankfurter Buchmessen fanden in die Jahren 1949 und 1950 in der Paulskirche statt, danach wurden sie auf das Messegelände verlegt. Gibt es einen würdigeren Platz, um den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels zu verleihen?

Seit 1950 wird der mit 25.000 Euro dotierte, vom Börsenverein des Deutschen Buchhandels gestiftete Friedenspreis während der Buchmesse in der Paulskirche verliehen. Widmungszweck des Preises ist die Verwirklichung des Friedensgedankens in Literatur, Wissenschaft und Kunst. Unter anderem gehören Albert Schweitzer, Theodor Heuss und Susan Sontag zu den Preisträgern des Friedenspreises.

In diesem Jahr erhält der israelische Schriftsteller David Grossman die Auszeichnung. Er setzt sich aktiv für die Aussöhnung zwischen Israelis und Palästinensern ein. Seine Bücher, so der Stiftungsrat des Preises, zeigten, dass die Spirale von Gewalt, Hass und Vertreibung im Nahen Osten nur durch Zuhören, Zurückhaltung und die Kraft des Wortes beendet werden könne. Die Verleihung findet zum Abschluss der Buchmesse in der Paulskirche statt und wird ab 11 Uhr live in der ARD übertragen.

Der aus Jerusalem stammende David Grossman zählt zu den einflussreichsten israelischen Journalisten, in seinen Romane und Erzählungen setzt er sich vor allem mit dem andauernden israelisch-palästinensischen Konflikt, sowie der Identität seines Landes, des israelischen Staates auseinander. Mit seiner Reportagesammlung über das Verhältnis zwischen Israelis und Arabern „Der gelbe Wind“ (1987) wird er weltweit bekannt und erregt Aufsehen. Seine Essaysammlung „Diesen Krieg kann keiner gewinnen“ (2003) macht eindrucksvoll seine Enttäuschung über den immer noch ungelösten Konflikt zwischen Israelis und Palästinensern deutlich. David Grossmann wurde für sein Werk bislang unter anderem mit dem Nelly-Sachs-Preis (1991) und dem Geschwister-Scholl-Preis (2008) ausgezeichnet.

Neben der Verleihung von Friedenspreis und Jugendliteraturpreis widmet sich die Frankfurter Buchmesse in jedem Jahr einem Land, seiner Literatur, seiner Buch- und Verlagskultur in besonderem Maße. Während im vergangenen Jahr der Fokus der Messe auf China lag, ist es in diesem Jahr Argentinien.

Bis 1816 war das Land Teil des spanischen Kolonialreiches. In diesem Jahr feiert Argentinien den 200. Jahrestag der Mai-Revolution, die den Beginn der Unabhängigkeit des südamerikanischen Staates markiert. Das Land, das mit der Befreiung von der spanischen Kolonialmacht bis 1983 vor allem durch die Unruhen, die wechselnde Militärregime mit sich bringen, erschüttert wurde. Argentinien – Land der Gaucholiteratur und des Tango.

Etwa 60 argentinische Autoren werden pünktlich zur Messe in Frankfurt erwartet. Über 200 argentinische Werke wurden für die diesjährige Messe übersetzt, der Schwerpunkt der literarischen Auseinandersetzung liegt auf den Themen Militärregime und politischer Umsturz.

Argentinien zeichne sich durch eine große literarische Tradition und eine faszinierend lebendige Kulturszene aus, so die Buchmesse, Aushängeschilder argentinischer Literatur im Ausland sind Jorge Luis Borges (1899-1986) und Julio Cortázar (1914-1984).

Jürgen Boos, Direktor der Frankfurter Buchmesse, spricht von lateinamerikanischer Literatur als einem "Gütesiegel" - die deutschen Leser erwarte magischer Realismus und epische Breite, ausgebreitet vor einem zeitgeschichtlichen Hintergrund. Und weiter: Viel verbinde Deutschland, gerade aus der Erinnerung an eine Diktatur, mit dem temperamentvollen Ehrengast.

Frankfurter Buchmesse 2010
Ausstellungsort: Messe Frankfurt
Öffnungszeiten für Fachbesucher u. Presse:
Mi. bis Sa. 9-18.30, So. 9-17.30 Uhr
Öffnungszeiten für Privatbesucher:
Sa. 9-18.30 Uhr, So. 9-17.30 Uhr
Eintrittspreise für Privatbesucher (Tageskasse): Tageskarte: € 14

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