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Musik - Julia-Rebecca Riedel

Der Unzeitgeistliche

Weltschmerzkomponist zwischen Spätromantik und Moderne: Vor 150 Jahren wurde Gustav Mahler geboren.


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Gustav Mahler (1892).

Im Todesjahr Gustav Mahlers, 1911, veröffentlicht Jakob von Hoddis sein Gedicht Weltende, der Norweger Roald Amundsen erreicht als erster Mensch eben dieses Weltende – den Südpol – und der Belgier Maurice Maeterlinck, einer der wichtigsten Vertreter des Symbolismus, dessen Thema vor allem der Mensch in seiner Hilflosigkeit gegenüber dem Tod ist, erhält den Nobelpreis für Literatur. Gustav Mahler, der wohl gefeiertste Komponist des ausgehenden 19. Jahrhunderts, der Weltschmerzkomponist zwischen Spätromantik und Moderne, wie ihn Ernst Bloch einst nannte, stirbt am 18. Mai 1911 im Alter von 51 Jahren.

Der Musikjournalist Paul Stefan berichtet über die Beisetzung Gustav Mahlers: „Morgen und Wien. Ein Chaos. Man klammert sich an Einzelheiten, die noch niemand wissen kann. Er soll auf dem kleinen Friedhof in Grinzing bestattet werden, neben dem Töchterchen. Die Leiche wird hingebracht. Der andere Morgen. Die Straße führt querfeldein zu Zypressenbäumen. Die Kapelle ist ein enger Raum, nur für den Sarg und ein paar Kränze. Die anderen umsäumen die Wege bis zum Grabe. (...) Und dann die Feier: Wir stehen vor der Kirche, als der Sarg herausgetragen wird. Es regnet. Über einen Weinbergweg kommen wir rascher an das Grab. Der Zug langt an. Der Regen hört auf. Eine Nachtigall singt, die Schollen fallen. Ein Regenbogen. Und die Hunderte schweigen.“

Jakob von Hoddis Weltende wird Mahler als ebenso verstörend empfunden haben wie sein Umfeld. Wäre ihm noch ein wenig Lebenszeit geblieben, hätte es seine Musik sicherlich gleichsam in verstörender Weise beseelt. Die Eroberung des ewigen Eises hat er ebenso wenig mit in sein Lied von der Erde aufnehmen können wie die Verse von Hoddis’. Wohl aber müssen ihn die Symbolisten, allen voran Maeterlinck, angeregt haben.

Trotz seiner Beliebtheit blieb Mahler Zeit seines Lebens als Komponist umstritten. Erst nach dem Zweiten Weltkrieg stärkten Dirigenten wie Leonard Bernstein sein Image als fulminanter Komponist und machten seinen Einfluss auf Komponisten wie Arnold Schönberg und Dimitri Schostakowitsch deutlich. Mitte des 20. Jahrhunderts erfuhr Mahlers Werk eine Renaissance, die die Konzerthäuser und ihr Publikum bis heute in Atem hält.

Gustav Mahler hat die Welt seiner Zeit fasziniert, jedoch wenig begeistert. Hochgeistig. Nervös-sensitiv komponiert und dirigiert er. Ersteres insbesondere im Sommer, in der theaterfreien Zeit. Seine Musik – irgendwo zwischen Ironie und Melancholie – steht ebenso in Kontinuität, wie in Diskontinuität zum Dekadentismus des späten 19. Jahrhunderts.

Er komponiert Lieder und Symphonien, beseelt von der Lyrik Friedrich Rückerts (1788-1866). Sein umfangreiches Oeuvre umfasst neun vollendete und eine zehnte unvollendete Symphonie, von der nur das Adagio aus der Feder Mahlers stammt, alle weiteren Sätze sind Auftragsarbeiten, die Alma Mahler nach dem Tod ihres Mannes anfertigen lies und die eher fragwürdig sind. Zum symphonischen Werk darf man auch Das Lied von der Erde zählen, das 1911 posthum aufgeführt wird und das wohl eindrucksvollste Werk Mahlers darstellt. Diese „Symphonie in Gesängen“ schuf er in der Zeit von 1908 und 1909 auf Grundlage von Nachdichtungen altchinesischer Lyrik Hans Bethges.


Mit vier am Akkordeon

Wer ahnte, dass der zweitälteste Sohn des Fuhrmanns Bernhard Mahler aus Kalischt in Böhmen, am 7. Juli 1860 geboren, einmal einer der begnadetsten und umstrittensten Musiker der anbrechenden Moderne werden sollte? Dessen Rezeptionsgeschichte eigentlich erst in den 1960er Jahren einsetzen sollte, ausgelöst durch die emphatische Wiener Rede Theodor W. Adornos anlässlich des 100. Geburtstages Mahlers im Jahre 1960. Adorno hat durch seine Rede eine regelrechte Mahler-Renaissance initiiert, die ihn dem Spielplan der großen Konzerthäuser erst zugänglich gemacht hat.

Mahlers unvergleichliche musikalische Karriere beginnt im Alter von vier Jahren am Akkordeon. Fünfzehnjährig, ab 1875, erhält er Unterricht am Konservatorium in Wien, privat studiert er bei Anton Bruckner (1824-1896), dem er durch seine Musik zeitlebens verpflichtet bleiben wird. Neben der Inspiration, die er durch Bruckner genießt, prägt ihn unter anderem die Begeisterung für das symphonische Werk Ludwig van Beethovens und das umfangreiche Liedopus Franz Schuberts.

In kompromissloser Weise verschreibt er sich der Musik. Sein Schaffen atemlos, wie berauscht scheint er von der Spätromantik. Vielleicht entspricht er in dieser epochalen Zwangszuschreibung Bloch, der in seiner Musik den Meister von Allweihnacht erkennt und damit, wie der Musikjournalist Gerhard Persché schreibt, auf Mahlers Haltung als Weltschmerz-Komponist und das soziale Engagement anspielt, das aus Mahlers Musik ablesbar ist.  Zugleich ist er aber auch – typisch für das fin de siècle – Kind der Moderne, vor allem in seiner Collage-Technik, die ihn unter Verwendung von „gesunkenem Kulturgut“ innerhalb seiner Musik Konflikte vielfacher Entfremdung aufzeigen lässt.

1877 immatrikuliert sich Gustav Mahler an der Wiener Universität, wo er Vorlesungen zu Philosophie und Bildender Kunst ebenso wie zur Harmonielehre besucht. 1877, im Jahr der Uraufführung von Richard Wagners Parsifal, wird Mahler Mitglied im Wiener Akademischen Wagner-Verein; eine unbestimmte Hingerissenheit vom Werk Wagners kann wohl auch Mahler nicht abgesprochen werden. Obwohl der Einfluss Wagner ganz eigenwillig – seiner Zeit widerwillig entgegentretend – spürbar ist. 1880 schließt er die Ausbildung am Konservatorium mit Auszeichnung ab, nimmt unterschiedliche Tätigkeiten als Kapellmeister an und beginnt sein grandioses kompositorisches Werk.

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