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Kino - Michael Hermann
Zwischen Sexarbeit und Studium
Der österreichische Spielfilm „Tag und Nacht“ schildert das Leben zweier Studentinnen, deren einträglicher Nebenjob im Rotlichtgewerbe nicht ohne Auswirkungen auf ihr Alltagsleben bleibt.
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Die Freundinnen Lea (Anna Rot) und Hanna (Magdalena Kronschläger) wohnen und studieren zusammen in Wien. Da das Geld hinten und vorne nicht reicht, heuern sie gemeinsam bei einem Escort-Service an. Und lernen gleich, dass auch in dieser Branche die „Corporate Identity“ großgeschrieben wird: Die Mitarbeiterinnen sind angehalten, bei ihren Außendienst-Einsätzen alle das gleiche Parfum zu benutzen.
Im Laufe ihrer Prostituierten-Karriere erwartet sie eine mal mehr, mal weniger skurrile Galerie von Freiern: Als da wären der gutsituierte ältere Herr, der Damenunterwäsche trägt und zum Vorspiel Gedichte rezitiert, um sein Blut in Wallung zu bringen, der Familienunternehmer in vierter Generation, der darauf steht, beschimpft zu werden und ansonsten zwischen neurotisch und treuherzig-harmlos pendelt, der smarte, koksende Geschäftsmann von Welt (Martin Brambach), der es mit beiden gleichzeitig treibt und mitten im Verkehr von einem nächtlichen geschäftlichen Anruf gestört wird – den er wie selbstverständlich professionell erledigt.
Komik und Drastik
In manchen dieser Passagen entwickelt Tag und Nacht eine beträchtliche Komik, zumal es sich bei den daran jeweils beteiligten Männern nicht um komplette Unsympathen handelt. Aber der Job ist eben keiner wie jeder andere und hat mitunter auch seine hässlichen Seiten, was in mehreren recht drastischen Szenen deutlich wird, die dem schauspielernden Personal einiges abverlangen. Rot und Kronschläger machen das wirklich gut und ziehen den Zuschauer in die Geschichte hinein – nur was diese Geschichte genau ist, und wo sie hinführen könnte, wird nicht recht klar.
Der Job fordert seinen Tribut, als Hannas Freund Harald (Adrian Topol) herauskriegt, um welche Art Arbeit es sich bei ihrer Nebenbeschäftigung handelt. Dem universitären Vorankommen von Lea und Hanna ist die Prostitution auch nicht unbedingt förderlich. Besonders Lea scheint nicht zu wissen, was sie eigentlich (studieren) will – oder geht es ihr eher darum, ihrem Freund beziehungsweise gelegentlichen Sexpartner Claus (Manuel Rubey) eins auswischen, der zielsicher auf eine Anwaltskarriere zusteuert und ihr genau vorrechnet, was er nach wie vielen Jahren verdienen und wann er Partner mit Gewinnbeteiligung sein wird.
Unentschlossen sind die beiden Protagonistinnen, und etwas unentschlossen wirken streckenweise auch Drehbuch und Regie von Sabine Derflinger. Ein Porträt einer Freundschaft zwischen zwei jungen Frauen, eine Studie einer zwielichtigen Branche, die scheinbar wie jedes andere Geschäft gewissen professionellen Usancen folgt, ein Film über die (Selbst-)Ausbeutung von Vertreterinnen einer prekären Generation? Tag und Nacht hat von allem etwas, hinterlässt jedoch insgesamt einen zwiespältigen, diffusen Eindruck – bei teilweise starken Einzelszenen und Schauspieler/inne/n, die im Gedächtnis haften bleiben werden.
Tag und Nacht - Regie: Sabine Derflinger, mit: Anna Rot, Magdalena Kronschläger, Adrian Topol u. a., Österreich 2010, FSK ab 16, Kinostart: 19. Januar 2012.
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