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Kino - Michael Hermann
Zeit des Erwachens
Im Mittelpunkt des ausgezeichnet besetzten Dramas „The Help“ stehen die Lebensgeschichten von schwarzen Haushaltshilfen in der von rassistischem Dünkel geprägten US-Südstaaten-Society der 1960er Jahre.
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Die mutige Nachwuchsautorin (Emma Stone, r.) und ihre beiden ersten Informantinnen Minny (Octavia Spencer, l.) und Aibileen (Viola Davis, M.). (Bild: DreamWorks II Distribution Co., LLC)
Die Damen von Jackson/Mississippi bei ihrer Lieblingsbeschäftigung. (Bild: DreamWorks II Distribution Co., LLC)
Celia (Jessica Chastain) hat’s schwer in Jackson/Mississippi. (Bild: DreamWorks II Distribution Co., LLC)
Unterdrückung hat hier weniger mit Geschlechtszugehörigkeit als mit Hautfarbe zu tun, und dementsprechend nimmt Tate Taylors Verfilmung von Kathryn Stocketts Bestsellerroman die zu Beginn der 1960er Jahre noch weit verbreitete Sklavenhalter/-innen-Mentalität der weißen Herrschaftsschicht in den US-Südstaaten aufs Korn: Die junge weiße Journalistin Eugenia, genannt „Skeeter“ (Emma Stone), schreibt in Jackson/Mississippi ein Buch über die Lebens- und Leidensgeschichten schwarzer Haushaltshilfen und sorgt damit für einen Skandal – und die beginnende Emanzipation derer, denen sie mit dem Buch eine Stimme gibt.
The Help steht in der Tradition von Filmen wie Mississippi Burning und Die Farbe Lila, streift allerdings das Thema Bürgerrechtsbewegung nur am Rande. Sein Zentrum bilden die persönlichen Schicksale der Haushaltshilfen Minny (Octavia Spencer) und Aibileen (Viola Davis), sein Thema ist das, nun ja, langsame Erwachen der Unterdrückten. Um es noch etwas hochgestochener zu formulieren: Es geht darum, wie Menschen anfangen, sich aus ihrer selbst verschuldeten Unmündigkeit zu befreien. Im wahrsten Sinne des Wortes, lernen sie doch tatsächlich, den Mund aufzumachen.
Das bringt ein gewisses Maß an – Achtung, unvermeidbarer Kalauer – Schwarzweißmalerei mit sich. Die dürfte allerdings der damaligen Zeit nur zu gut entsprechen, wenn man sich Fernsehdokumentationen aus den frühen 1960ern in Erinnerung ruft und damalige Originaltöne weißer Südstaatler/-innen, die mit vollkommener Selbstverständlichkeit von angeblich spezifischen Unterschieden zwischen Schwarzen und Weißen und der daraus folgenden Notwendigkeit der Rassentrennung reden. Dieser Zeitkolorit ist in The Help eingefangen und immer spürbar, nicht nur wegen der sorgfältigen, detailgetreuen Ausstattung inklusive Frisuren und Bekleidung. Rassistische Vorurteile sind jederzeit präsent und prägen Atmosphäre und Stimmung.
White Trash – Black Power
Hart am Rande zur Karikatur kommen die weißen Oberschichts-Frauenfiguren daher: Bemalte Kleiderständer, Sprech- und Lächelpuppen, deren Zeitvertreib hauptsächlich aus Karten spielen, Nörgeln und Lästern besteht. Ihr affektiertes Gerede und Getue erinnert an Die Frauen von Stepford. Dagegen wirken Doris Days Miss-Sauberfrau-Charaktere aus ihren 1960er-Komödien regelrecht fortschrittlich.
In The Help halten die konservativen Bilderbuchexemplare öffentliche Wohltätigkeitsveranstaltungen für die Schwarzen ab und bestehen zuhause darauf, dass ihre schwarzen Helfer separate Toiletten benutzen, denn die hätten ja schließlich ganz spezielle Krankheiten, welche übertragen werden könnten. Dass dieselben Haushaltshilfen ihren Kindern jeden Tag die Windeln wechseln, wenn sie klein sind, sie später erziehen und quasi als Mutterersatz bzw. „Nanny“ wirken, stellt für die seltsamen weißen Südstaatenmamas keinen Widerspruch dar. Und es hindert sie auch nicht daran, sich ihnen gegenüber wie Dreck zu benehmen – wofür allerdings in einer sehr komischen Szene quasi mit gleicher Münze heimgezahlt wird.
Immerhin gibt es neben der mutigen Nachwuchsautorin Skeeter mit der Außenseiterin Celia (Jessica Chastain) noch eine weitere rühmliche weiße Ausnahme, die von den anderen Frauen aus Jackson als white trash bezeichnet, geschnitten und gehasst wird, weil sie ihnen als Auswärtige den feschen Einheimischen Johnny (Mike Vogel) weggeschnappt hat. Die schwarzen Ladies Aibileen und Minny sind ohnehin von anderem Kaliber: leidgeprüft, aber ungebrochen.
Nahezu perfektes Emotionskino
Wenn man etwas kritisieren wollte an The Help, dann diese ein wenig zu einseitig wirkende Gut-Böse-Verteilung. Manchem werden außerdem die zweieinviertel Stunden Spielzeit zu lang vorkommen – dem Rezensenten nicht: Der Film funktioniert als Emotionskino nahezu perfekt, hat genügend Witz und wartet mit einer Reihe von bemerkenswerten Schauspielerinnen auf.
Neben Viola Davis und Octavia Spencer brilliert Bryce Dallas Howard als stockkonservative Klischee-Hausfrau und Ober-Unsympathin, Jessica Chastain liefert als vermeintliches blondes Dummchen, das sich unter der Obhut von Minny langsam entwickelt (und gewissermaßen ebenfalls anfängt, sich aus ihrer Unmündigkeit zu befreien), eine ebenso überzeugende Vorstellung.
Den Vogel schießt Emma Stones Skeeter ab: Die Figur zum Sich-Vergucken, pretty and smart, wie sie im Buche steht. An The Help stimmt so gut wie alles, bis hin zur Musik, die kein geringerer als Thomas Newman (American Beauty) beigesteuert hat.
The Help - Drehbuch u. Regie: Tate Taylor, mit: Emma Stone, Bryce Dallas Howard, Jessica Chastain, Mary Steenburgen, Allison Janney, Mike Vogel, Viola Davis, Sissy Spacek, USA 2011, 146 Min., ohne Altersbeschränkung, Kinostart: 8. Dezember 2011.
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