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Kino - Michael Hermann
Yes we can
Die Geschichte des Delfins „Winter“, der mithilfe einer Prothese seine Schwimmfähigkeit wieder erlangt hat, ist wahr. In der Verfilmung „Mein Freund, der Delfin“ wirkt sie zu US-amerikanisch, um wahr zu sein.
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Mein Freund, der Delfin macht es dem Zuschauer zunächst ziemlich schwer, ihn nicht zu mögen. Dafür sorgen vor allem seine Darsteller. Der 12-jährige Nathan Gamble und die gleichaltrige Cozi Zuehlsdorff hinterlassen als kindliches Delfinretter-Pärchen Sawyer und Hazel einen einnehmenden Eindruck. Am anderen Ende der Alterspyramide sind die beiden Mittsiebziger Kris Kristofferson (als Hazels Opa) und Morgan Freeman für die Abteilung Weisheit zuständig.
Freeman, ohnehin fast immer eine sichere Bank, spielt in einer Art „Q“-Rolle den etwas kauzigen, aber lebensklugen Prothesen-Erfinder. Die Generationslücke dazwischen schließen Harry Connick Jr. als verwitweter Vater Hazels und Ashley Judd als alleinerziehende Mutter Sawyers. Da herrscht kein Mangel an sympathischer Ausstrahlung, und für gelegentliche humorvolle Bemerkungen und Lockerungsübungen sind in erster Linie die zwei Altstars und die beiden Kinder zuständig.
Dem Ganzen setzt erwartungsgemäß die tierische Hauptdarstellerin die Krone auf: Das durch ein Krabben-Fangnetz schwer verletzte Delfinweibchen „Winter“, das nach mehreren Fehlversuchen via Schwanzflossen-Prothese wieder schwimm- und überlebensfähig gemacht wurde, ließ es sich nicht nehmen, sich selbst zu spielen, und legt einen überzeugenden Auftritt hin.
Selbstredend steigert es die Attraktivität der Geschichte, dass die Delfin-Rekonvaleszentin und ihre Pflegeklinik in Florida, wo Mein Freund, der Delfin auch gedreht wurde, tatsächlich existieren. Das empfanden wohl auch die zahlreichen Kinder bei der Pressevorführung so, die an Winters Leidensgeschichte hörbar lebhaften Anteil nahmen.
Menschen, Tiere, Sensationen
Zu den Pluspunkten des Films zählen des Weiteren einige unterhaltsame Intermezzi. So etwa eine Szene, in der Sawyer und Hazel die Kontrolle über ihren ferngesteuerten Hubschrauber verlieren und dieser zu den Klängen des Walkürenritts durch die Meeresklinik rauscht und Tiere wie Menschen aufscheucht – es grüßt Apocalypse Now. Pelikan „Rufus“ betätigt sich einige Male hingebungsvoll als Schnabelschläger und Unruhestifter, und beim (Unter-)Wasserspiel, das Winter und Saywer veranstalten, kommen die insgesamt sparsam eingesetzten 3D-Effekte wirksam zur Geltung. So weit, so ansprechend.
Die Probleme von Dolphin Tale (Originaltitel) fangen mit der Fiktionalisierung der Geschichte um die reale Winter an. Denn dadurch erhält der Film die altbekannte, typisch US-amerikanische Grundierung und Botschaft, als deren Träger die erfundenen Figuren herhalten müssen: Family values, „Du kannst es schaffen!“, „Gib niemals auf!“ – und der liebe Gott muss in einer Szene auch noch ins Spiel gebracht werden.
Dass der verschlossene kleine Eigenbrötler Sawyer durch die Rettung des Delfins lernt, sich zu öffnen und sich für etwas (und für andere Menschen) zu interessieren, geht dabei als pädagogischer Fingerzeig ja noch in Ordnung. Dass er in einer Art Rollentausch seinem nach einem Unfall gehbehinderten und darob depressiven älteren Cousin Kyle, einem ehemaligen Schwimmstar, mit dem Spruch „Familie ist für immer“ – den Kyle Monate zuvor dem zu dieser Zeit noch ziemlich unzugänglichen Sawyer vorgetragen hatte – neuen Mut zusprechen will, ist hingegen eines dieser nun wirklich sattsam bekannten Hollywood-Handlungsversatzstücke und -Botschaftsverstärker.
Die Dramaturgie braucht einen Helden
Sawyer ist, so will es die Dramaturgie, nun einmal der „Held“ dieses Films, ergo muss er auch als solcher inszeniert werden. Und so steht am Ende eine dieser typischen Massenszenen, die ganz offensichtlich auf Rührung und Ergriffenheit aus sind und genau deswegen Abwehr hervorrufen. Der Heile-Welt-Schluss gibt sich nicht mit der Rettung von „Winter“ und der in Finanzierungsschwierigkeiten geratenen Meerestiere-Klinik zufrieden, er muss darüber hinaus ein weiteres Mal Gesinnung vermitteln und Helden zelebrieren.
Einen Gefallen tut der Film sich damit nicht. Immerhin führt Mein Freund, der Delfin im Abspann wieder in die Realität zurück, indem er die credits mit Dokumentaraufnahmen aus dem Clearwater Marine Aquarium begleitet.
Nun denn: Im Zweifelsfall entscheidet die Zielgruppe, und die dürfte diesen Film mögen. Die Erziehungsberechtigten können ihrem Nachwuchs ja im Nachgang erklären, dass er/sie die wohl klingenden Botschaften der „Du kannst alles schaffen“-Ideologie besser nicht zu ernst nehmen sollte.
P.S. Winter hat auch ’ne Webcam.
Mein Freund, der Delfin, Regie: Charles Martin Smith, mit: Mit Harry Connick Jr, Ashley Judd, Nathan Gamble u. a., USA 2011, FSK ab 0 Jahren, 113. Min., Kinostart: 15. Dezember 2011.
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