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Musik - Christiane Wiegand
Wider den tierischen Ernst
Das Beethoven Orchester verabschiedet sich bei der 2. Klassik um 11 mit einem Augenzwinkern. Orchester und Solisten begeistern mit Werken von Haydn und Mozart auf hohem musikalischen Niveau.
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Der Cellist nimmt den Hut und verschwindet durch den Hinterausgang. Die zweite Geige legt noch schnell Schlips und Jackett ab, bevor sie sich durch den Zuschauerraum auf den Weg in Richtung Tür macht. Und der Oboist kramt hastig Badmintonschläger und Sonnenbrille unter seinem Stuhl hervor und verlässt dann winkend den Saal. Kein Wunder, dass auch der Dirigenten ob der kollektiven Flucht seiner Musiker schließlich verzweifelt und die letzten beiden verbliebenen Violinen ihrem einsamen Schicksal und den letzten, verklingenden Tönen überlässt.
Das Beethoven Orchester in Aufbruchsstimmung. Oder sollte man sagen „Abschiedsstimmung“? Denn schließlich spielte das Orchester an diesem Sonntagmorgen nicht irgendeine Sinfonie. Die Sinfonie Nr. 45 fis-moll von Joseph Haydn ist nicht ohne Grund als „Abschiedssinfonie“ in die Musikgeschichte eingegangen. Zahlreiche Legenden ranken sich um die Entstehung dieses in jeder Hinsicht ungewöhnlichen Musikstücks. Als Protest gegen Stellenabbau in der fürstlichen Kapelle oder als musikalisches Urlaubsgesuch der von der langen Saison erschöpften Musiker soll Haydn die Sinfonie geschrieben haben. Entgegen den Konventionen seiner Zeit in einer Molltonart verfasst, verblüfft vor allem der letzte Satz, der so gar nichts von einem klassischen Sinfoniesatz hat. Statt eines fulminanten Finales mit Pauken und Trompeten verstummt ein Instrument nach dem anderen nach kurzer solistischer Verbeugung, bis letztendlich nur noch zwei einsame Violinen übrig bleiben. Das Beethoven Orchester nahm Haydns musikalische Anweisung beim Wort und sorgte so für einen augenzwinkernden Abschluss des zweiten Matineekonzerts in der Reihe „Klassik um 11“ am vergangenen Sonntag in der Beethovenhalle.
Zuvor hatte das Orchester unter Leitung des niederländischen Dirigenten Jos van Veldhoven den Zuhörern Werke des „Haydn-Verehrers“ Mozart präsentiert. Van Veldhoven, ein Spezialist für alte Musik, der dem Bonner Publikum vor allem durch seine eindrucksvolle Mitarbeit an Dietrich Hilsdorfs Händel-Zyklus an der Oper in Erinnerung geblieben sein dürfte, stellte am Pult des Beethoven Orchester unter Beweis, dass er auch in der Welt der Wiener Klassik durchaus zuhause ist. Gleiches darf man auch von den Solisten des Konzerts behaupten.
Sopranistin Dominique Labelle eröffnete die Matinee mit einer nahezu perfekten Interpretation der Mozart-Motette „Exsultate, jubilate“. Spielerisch leicht meisterte die Kanadierin mit strahlender Sopranstimme Spitzentöne ebenso wie die virtuosen Koloraturen des Werkes, das der 17-jährige Mozart einst dem Kastraten Venanzio Rauzzini auf den Leib oder vielmehr auf die Stimme schrieb. Mit der souveränen Unterstützung des Beethoven Orchesters gelang vor allem das abschließende „Alleluja“ zu einer wahren musikalischen Glanzleistung.
Der niederländische Pianist Ronald Brautigam, ein Mann, der mit seiner ungebändigten weißen Haarpracht ein wenig an den gealterten Franz Liszt erinnerte, präsentierte Mozarts Klavierkonzert C-Dur mit einer unprätentiösen Virtuosität, die man so nur sehr selten findet. Sein Spiel schien stellenweise gleichsam mit dem Orchester zu verschmelzen, nur um im nächsten Moment umso strahlender hervorzutreten. Brautigam verstand es auf beeindruckende Weise, technische Perfektion mit tiefer Emotionalität zu verbinden. Das Publikum dankte es ihm mit tosendem Applaus und Bravorufen.
Dank der abschließende Darbietung der Haydnschen „Abschiedssinfonie“ wird die 2. Klassik um 11 nicht nur wegen ihrer überaus überzeugenden musikalischen Seite in Erinnerung bleiben. Die Zuschauer erlebten auch eines der unterhaltsamsten Konzerte der laufenden Saison. Und während Jos van Veldhoven seine Musiker per Mobiltelefon zur Zugabe zurück auf die Bühne rief, kam man nicht umhin, sich mehr Konzerte dieser Art zu wünschen. Mehr Beweise, dass Klassik keine aussterbende Form der Seniorenunterhaltung ist, sondern durchaus eine Menge Spaß versteht. Dass klassische Musik äußerst lebendige, dynamische Kultur ist. Wenn man sie nur lässt!
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