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Kino - Michael Hermann

Weiser Narr, was nun?

Sean Penn liefert als frühverrenteter 80er-Jahre-Popstar „Cheyenne“ eine starke Vorstellung ab, während der Film zwischen Komödie, Drama und Roadmovie mit Musikeinlagen pendelt.


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Cheyenne (Sean Penn) gibt den Damen Schminktipps. (Bild: Delphi Verleih)

David Byrne singt „This Must Be The Place“. (Bild: Delphi Verleih)

Cheyenne unterwegs in den USA. (Bild: Delphi Verleih)

Spiel, Satz und Sieg – meist für Ehefrau Jane (Frances McDormand). (Bild: Delphi Verleih)

Sean Penn muss für die Vorbereitung seiner Rolle jede Menge Folgen der Osbournes geschaut haben. Langsame, mechanische und kurze Schritte, eine schleppende, fast ausdruckslose Sprechweise – schon beim ersten Auftritt seiner Figur „Cheyenne“ ist klar, dass hier einer in seinem bewegten früheren Leben „too much of everything“ zu sich genommen hat. Ebenfalls Pate gestanden für das äußerliche Erscheinungsbild von Cheyenne haben offensichtlich die Frisur und das kalkweiß geschminkte Gesicht von Robert Smith, Sänger von The Cure.

In deren Machart bewegte sich auch die Musik, mit der der 50-jährige ehemalige Popstar einst zu Ruhm und Geld gekommen war: Düster-depressiver Gothic-/Wave-Rock für Schwarzmänner. Indes hat Cheyenne das Musikmachen längst aufgegeben und verbringt seine Tage nun damit, einen Trolley hinter sich herziehend durch die Straßen von Dublin zu gehen, meist begleitet von einem jungen Goth-Mädchen, das er vergeblich zu verkuppeln versucht. Seine patente, starke Ehefrau Jane (Frances McDormand) arbeitet bei der Feuerwehr und geht mit seinen Schrullen und Depressionen liebevoll um. So lässt sie ihn beim Pelota-Spiel im wasserlosen Pool ihrer beider Stadtvilla immer mal wieder gewinnen.


Heiter bis wolkig

In dieser ersten Dreiviertelstunde von Cheyenne – This Must Be The Place überwiegen die komischen und skurrilen Momente. So entsteht die Erwartung, die Geschichte werde nun einen ähnlichen Verlauf nehmen wie in Still Crazy (1998), einem schönen und lustigen Film über eine Glamrock-Band aus den 70ern, die in den späten 90ern ein Comeback feiert.

Dann aber bewegt sich Cheyenne – This Must Be The Place ziemlich unvermittelt in eine vollkommen andere Richtung. Cheyenne muss in die USA reisen, weil sein Vater, mit dem er seit 30 Jahren nicht gesprochen hat, im Sterben liegt. Da er unter Flugangst leidet, nimmt Cheyenne das Schiff und kommt zu spät in New York an. Im Nachlass seines Vaters findet er ein Tagebuch, aus dem hervorgeht, dass dieser sein Leben lang vergeblich den Aufseher aufzuspüren versucht hat, der ihn einst im Konzentrationslager demütigte und später in den USA untertauchte. Von diesem Moment an wird aus Cheyenne – This Must Be The Place eine Rache-, Familien- und Selbstfindungsgeschichte im Gewand eines Roadmovies.

Das ist eine Menge Holz, und Regisseur Paolo Sorrentino und seinem Ko-Drehbuchautor Umberto Contarello gelingen dabei durchaus eine Reihe starker Bilder und Einzel-Szenen, etwa beim Gastauftritt von Harry Dean Stanton. Insgesamt aber läuft der Film in seiner zweiten Hälfte nicht mehr ganz rund und zerfasert, verliert streckenweise die erzählerische Balance und den Faden. Halbwegs aufgefangen und zusammengehalten wird das Ganze durch gelegentlichen comic relief und die Figur des Cheyenne. Peu à peu erfährt man mehr über ihn, entblättern sich Schichten seines Wesens, werden Gründe dafür offenbart, wie er zu dem geworden ist, was er zu Beginn des Films darstellt.


Das letzte Wort behalten

Großes Kind, Narr und Weiser in einem, bekommt Cheyenne vom Drehbuch eine Reihe von vergnüglichen one-liners zu Szenenabschlüssen spendiert. So etwa, als er ein Tischtennisspiel mit einem Trick siegreich beendet, oder ein schnatterndes Frauengrüppchen im Fahrstuhl mit dem definitiven Schminktipp mundtot macht.

Dem passionierten Nazijäger Mordecai Midler (Judd Hirsch), der zunächst wenig Neigung zeigt, ihn bei der Suche nach dem Peiniger seines Vaters behilflich zu sein, sagt er ins Gesicht, dass sein Desinteresse wohl mit dem eher geringen PR-Wert dieses Falls zu tun habe. Und als eine junge Restaurantbedienung im Gespräch mit ihm ein resigniertes  „That’s Life“/„So ist das Leben“ fallen lässt, gibt er ihr zu verstehen, dass es falsch sei, das optimistische „So soll mein Leben sein“, mit dem jeder Mensch anfange, so schnell in das defätistische „So ist das Leben“ umkippen zu lassen.


Popstar vs. Künstler

Hinzuweisen bleibt schließlich auf das musikalische Leitmotiv des Films. This Must Be The Place ist auch der Titel eines der vielen guten Stücke, die David Byrne und die Talking Heads aufgenommen haben. Im Film werden einige Male Passagen daraus angespielt, besonders die zum Roadmovie-Charakter der Handlung passende Eröffnungszeile „Home is where I want to be“ wirkt nach.

Einmal hören und sehen Cheyenne und die Zuschauer es live in voller Länge, dargeboten von Byrne himself, der nicht nur zusammen mit Will Oldham die restliche Filmmusik komponiert hat, sondern auch in einem Cameo-Auftritt als David Byrne den alten Musiker-Freund von Cheyenne gibt. Und dieser Dialog zwischen beiden (eher ein Monolog Cheyennes) hat es in sich, denn er offenbart einiges über die tiefsitzenden, langjährigen Depressionen, mit denen Cheyenne sich herumplagt, und gipfelt in der Erkenntnis: „Das ist der Unterschied, David: Du bist ein anerkannter Künstler, ich bin ein verdammter Popstar!“

Alles in allem wirkt Cheyenne - This Must Be The Place etwas überladen und überambitioniert. Sehenswert bleibt der Film aber dank Sean Penn und einiger origineller Regie- und Drehbucheinfälle allemal. Und einen Live-Auftritt von David Byrne nimmt man immer gerne mit.


Cheyenne – This Must Be The Place, Regie: Paolo Sorrentino, mit: Sean Penn, Frances McDormand, Heinz Lieven, David Byrne, Italien, Frankreich, Irland, 2011, 118 Min., FSK o. A., Kinostart: 10. November 2011.



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