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Kino - Michael Hermann

Wasser marsch, oder: Männer, die zur Pediküre gehen

„Männer im Wasser“ um die Vierzig versuchen, neben dem Synchronschwimmen diverse andere Dinge wie Midlife-Crisis oder Kindererziehung in den Griff zu kriegen. Mit überschaubarem Erfolg.


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(Bild: Pandora)

Das Synchronschwimmen ist eine Sportart, zu deren Betrachtung man sich selbst in jenen Tagen, als man noch jung und voller Ehrgeiz war, bei den Fernsehübertragungen von Olympischen Spielen  a l l e s  wegzugucken, regelrecht zwingen musste. Noch langweiliger war eigentlich nur Dressurreiten. Und ausgerechnet Synchronschwimmen ist nun also der Sport, den sich eine Gruppe schwedischer Männer im Wasser um den arbeitslosen Sportjournalisten und Anfangsvierziger Fredrik (Jonas Inde) als Ersatz für das Hallenhockeyspiel ausgeguckt haben. Denn in ihrer Halle können sie nicht mehr Hockey spielen, weil Frauenteams und behinderte Sportler dort bevorzugt Trainingszeiten erhalten müssen. Womit wir gleich bei einem der (zu) vielen Themen wären, die Regisseur Måns Herngren in seinem Film anreißt: Diskriminierung, in diesem Fall allerdings von Männern.

Denn es stellt sich als gar nicht so einfach heraus, ein Schwimmbad aufzutreiben, in dem die Ex-Hockeyspieler ihrem neuen Sport nachgehen können. Nicht zu reden von den Schwierigkeiten, das im Allgemeinen unter Frauensport laufende Synchronschwimmen zu erlernen. Welches jedoch sehr wohl historische Vorbilder aus dem Männersport kennt, wie einige vergilbte Schwarzweiß-Fotografien im Film (und ein entsprechender Eintrag bei Wikipedia) belegen, nur nannte man es Ende des 19. / Anfang des 20. Jahrhunderts noch „Reigenschwimmen“ oder Formationsschwimmen. Jedenfalls ist der Ehrgeiz der Wassermänner um Fredrik bald geweckt, an diese Tradition anzuknüpfen und Schweden bei der Synchronschwimm-WM in Berlin zu vertreten. Und da Fredriks 17-jährige Tochter Sara (Amanda Davin) das Wasserballet schon seit Jahren praktiziert, steht mit ihr direkt ein Coach bereit, um die Herren einzuweisen und auf das große Ereignis vorzubereiten.


Nach Drogen schwimmen

Den Schauspielern gebührt in jedem Fall Respekt dafür, wie sie die nicht ganz einfachen Über- und Unterwasser-Übungen gemeistert haben, handelt es sich doch bei ihnen nicht gerade um eine Gruppe von Athleten mit Astralkörpern. Das sieht mitunter durchaus elegant aus; allerdings wurden für die wirklich schwierigen Wettkampf-Choreographien professionelle Doubles eingesetzt. Überdies  gewinnt der Film seinem Thema auch hin und wieder überraschenden Witz ab, so als Fredrik den anderen vorschlägt, Figuren zu schwimmen, die an der Molekularstruktur von Drogen orientiert sind: „Wir fangen mit Nikotin an, das ist am einfachsten!“

Leider grundiert ansonsten weder ähnlich schräger noch ein gepflegt trockener Humor den Film. Abgesehen von zwei, drei weiteren launigen Einlagen arbeitet sich Måns Herngren an einer wahren Problem-Fülle ab. Da geht es neben Diskriminierung noch um Homophobie, Midlife-Crisis, Freundschaften, die auf die Probe gestellt werden, die Bedeutung von Zugehörigkeit und Zusammenhalt in einer Gruppe sowie, als zentralen Konflikt, die gestörten Beziehungen zwischen Vater und Tochter, Mutter und Tochter und den geschiedenen Erzeugern besagter Tochter. Der Regisseur will hier zu viel auf einmal in seinem Film unterbringen, mit der Folge, dass die Geschichte stellenweise bedenklich rumpelt und hakt.

Wenig glaubwürdig und ziemlich bemüht ist etwa die Hinführung zur großen Abschlussszene inklusive Moral von der Geschicht‘ (die hier natürlich nicht verraten wird): Da wäre nicht einmal ein Anruf nötig gewesen, sondern eine kurze Recherche im Internet hätte genügt, um einen folgenschweren Irrtum Fredriks bezüglich der WM-Regularien frühzeitig zu klären. Der Mann wird uns hier schließlich als Sport-Journalist vorgestellt, angeblich sogar als ein guter. Dann dürfte ihm ein solcher Lapsus aber eigentlich nicht unterlaufen.

Neben solchen offensichtlichen Ungereimtheiten ist auch ein Griff in die dramaturgische Kombikiste zu beklagen. Wie in schätzungsweise jedem zweiten Film muss ein vorübergehend verloren gegangenes Kind sich wieder einfinden und für eine dramatische Zuspitzung nebst Läuterung seines Erzeugers sorgen. (Dass ein verschwundenes Kind im wirklichen Leben für jede Menge Aufregung und Angst sorgt, ist schon klar. Allerdings dürften Kinder in ebendiesem echten Leben nicht annähernd so oft weglaufen, wie sie dies in Filmen zu tun pflegen.) Weitere Punktabzüge sind fällig, weil Herngren ein inzwischen schon ziemlich häufig ausgewalztes und nur zu bekanntes Männerbild bedient: das des ungepflegten, zu viel trinkenden, lebens- und erziehungsuntüchtigen, nicht erwachsen werden könnenden Versagers, dem die Frauen und/oder die Kinder – hier ist es die heranwachsende Tochter – auf die Sprünge helfen müssen.


Männer, pflegt euch!

Wem das alles irgendwie bekannt vorkommt: Das Tableau von Männer im Wasser erinnert in der Tat stark an Ganz oder gar nicht  (The Full Monty), erreicht aber weder den Witz noch das Tempo der britischen Vorlage. Dass Regisseur und Drehbuch-Koautor Herngren dem Archetyp des ungepflegten Verlierers wesentliche neue Nuancen hinzuzufügen vermocht hätte, lässt sich ebenfalls nicht behaupten. Mit einer Ausnahme vielleicht: Da wir es in diesem speziellen Fall mit Synchronschwimmern zu tun haben, dreht sich ein nicht unwesentlicher Teil von Handlung und Dialog um die Vorzüge der Pediküre (immerhin ohne direktes Product Placement oder die Erwähnung eines Herstellers von Fußpflegemitteln). Und es drängt sich in diesem Zusammenhang geradezu auf, die regelmäßige Entfernung von schrundiger Hornhaut auch metaphorisch zu lesen …

Aber vielleicht handelt es sich dabei ja auch nur um eine versteckte Reminiszenz an den wohl bekanntesten Fußmassagen-Dialog der Filmgeschichte, jenen zwischen John Travolta und Samuel L. Jackson in Pulp Fiction. Mit dem Männer im Wasser ansonsten wenig bis nichts zu tun hat. Und eine Wasserleiche gibt es auch nicht.

Männer im Wasser, Schweden 2008, Regie: Måns Herngren, ab 19. August in: Neue Filmbühne Beuel, Off Broadway und Cinenova in Köln.


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