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Kino - Michael Hermann
Vaterschaftstest
„Ich reise allein“ ist ein lustiger und bewegender Film über einen 25-jährigen Teilzeit-Papa wider Willen, der ebenso wie alle anderen Filmfiguren dem unaufdringlichen Charme seiner 7-jährigen Tochter erliegt.
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Nicht unbedingt das, was man unter guter Kinderstube versteht: Jarles Studentenbude. (Bild: Neue Visionen)
Lotte (Amina Eleonora Bergrem) und ihr Papa (Rolf Kristian Larsen) können noch nicht so viel miteinander anfangen. (Bild: Neue Visionen)
Inzwischen 25, lebt und studiert der aufstrebende Literaturwissenschaftsstudent mit Spezialgebiet Proust und Onomastik (Namenforschung) in Bergen, ist gerade mit der blonden Herdis verbandelt und liebt weiterhin das Dolce Vita mit Wein, Weib, Gesang und Kommilitonen. Da erreicht ihn ein Brief von Anette, in dem sie ihm mitteilt, dass er eine knapp siebenjährige Tochter habe, um die er sich jetzt einmal ein paar Wochen kümmern müsse. Nachdem ein Arzt ihm die Vaterschaft bestätigt und Jarle in einer weiteren Szene mit Comedy-Anmutung in der „Welt der Erwachsenen“ willkommen geheißen hat, bleibt dem Proust-Kenner nichts anderes übrig, als seine ihm unbekannte Tochter vom Flughafen abzuholen.
Alle Kitsch-Fallen souverän umschifft
Natürlich kommt von da an vieles so, wie man es bei einer solchen Konstellation erwartet. Natürlich entwickelt Jarle gegen seinen Willen so etwas wie Vatergefühle, denn natürlich ist die kleine Charlotte Isabel, genannt Lotte, unwiderstehlich. Doch alles, was bei dieser filmischen Anordnung schief gehen könnte, gelingt, wirkt glaubwürdig und echt. Es mag unter anderem daran liegen, dass ausschließlich hierzulande unbekannte und unverbrauchte Gesichter auf der Leinwand zu sehen sind. Vor allem aber überzeugen die Dialoge, die sie zum Besten geben und deren Qualität streckenweise ihresgleichen sucht.
Weder zynisch noch rührselig, sondern mit trockenem bis schrägem Humor und Lebensklugheit wird diese Vater-Tochter-Geschichte erzählt. Nachdem Jarle am ersten Abend des Besuchs seiner Tochter schwer betrunken spät nach Hause gekommen ist, fragt sie ihn am nächsten Morgen: „Fällst du immer hin und übergibst dich?“ – womit die Sache für Jarle allerdings noch nicht ausgestanden ist, denn er fängt sich für die Folgen seiner Saufeskapade, die das Kind mitbekommen hat, auch eine handgreifliche Schelte seiner Nachbarin ein. Die allerdings weiß, was sich gehört: „Entschuldige die Ohrfeige, ich bin eigentlich Pazifistin.“
„Dekonstruktivistischer Wichser!“
Zu den komischen Höhepunkten gehört ein weiterer angetrunkener Auftritt Jarles, als er herausfindet, dass Herdis ein Verhältnis mit ihrem schwedischen Uni-Dozenten Robert hat. Da kommt sofort die alte Norweger-Schweden-Rivalität hoch, doch nach einigen wüsten und rustikalen Schmähungen besinnt sich Jarle auf seinen Status als Studiosus und beschimpft Robert als „dekonstruktivistischen Wichser“. Das universitäre und (pop-)kulturelle Zeitkolorit der 90er Jahre ist mithin ebenfalls gut eingefangen, Musikstücke von Pixies, Pulp, The Sundays und anderen inklusive.
Etwas konstruiert wird der Tod von Prinzessin Diana im August 1997 in die Rahmenhandlung eingebaut und dessen Symbolik bemüht: Aus Lotte soll nur ja kein unglückliches Prinzesschen werden. Vollkommen unangestrengt und gar nicht geschauspielert wirkt hingegen das Kostümfest zu ihrem Geburtstag, bei dem alle – Akademiker und Nichtakademiker, Nachbarn, Hausfrauen und Kinder sowie Lottes Mutter Anette – in Jarles Wohnung zusammenkommen und eine gute Zeit haben. Dass die Partyszene unter anderem mit Pulps Common People musikalisch unterlegt ist, eröffnet angesichts des Liedtextes einen gewissen Interpretationsspielraum. So ganz ist dem schichtenübergreifenden Frieden nicht zu trauen …
Unter dem Strich ist Ich reise allein eine Entwicklungsgeschichte, in deren Verlauf Jarle mit Hilfe von Lotte lernt, sich nicht mehr kühl, zynisch und arrogant auf die sicheren Gestade seiner akademischen Bildung zurückzuziehen, wenn ihm das Leben in Form von anderen Menschen zwingt, Farbe zu bekennen und sich zu kümmern. Dieser Prozess kommt ohne aufdringlichen Zeigefinger aus, wird eher spielerisch als belehrend vermittelt. Mit Ausnahme einer Szene, in der das in der zweiten Hälfte der 90er Jahre sehr populäre Tamagotchi-Spielzeug als symbolischer Verstärker für Jarles Reifung herhalten muss. Diesen dem Zeitkolorit geschuldeten Schlenker hätte Regisseur Stian Kristiansen sich auch sparen können.
Verlorene Zeit bekommt man nicht wieder
Glücklicherweise verzichtet der Film auf eindeutige moralische Positionierungen in Sachen Familie und Erziehung. Weder stimmt er das in vielen Hollywoodfilmen unverzichtbare Loblied auf die traditionelle Familie an, noch preist er andere Formen des Zusammenlebens wie die Patchwork-Familie als ultimatives Gegenstück. Wie es sich gehört, bleibt das Ende offen. Alle haben sich ausgesprochen, miteinander gerungen und miteinander gelacht – was sie nun daraus machen, ist ihre bzw. jedes einzelnen Sache.
So sehr man es nach den 90 Minuten bedauert, den Figuren Lebewohl zu sagen, so stimmig ist der Abschluss, den der Film für seine Geschichte findet: In der letzten Szene sitzt jemand mit Tränen in den Augen im Bus und hält ein Exemplar jenes weltberühmten Buchs in der Hand, das den Titel trägt: Auf der Suche nach der verlorenen Zeit. Genügend Stoff für eine Fortsetzung böte Ich reise allein indes allemal.
Ich reise allein - Regie: Stian Kristiansen, mit: Rolf Kristian Larsen, Amina Eleonora Bergrem, Pål Sverre Valheim Hagen, Ingrid Bolsø Berdal u. a., 93 Min. Norwegen 2011, FSK 0 Jahre, Kinostart: 29. Dezember 2011.
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