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Kino - Michael Hermann
Tourette ist, wenn man trotzdem lacht
Nach dem letztjährigen Überraschungserfolg von „Vincent will Meer“ nimmt sich mit Andi Rogenhagens „Ein Tick anders“ erneut ein Spielfilm der nervösen Störung an.
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Teenager Eva (Jasna Fritzi Bauer) hat Tourette, führt aber abgesehen davon ein recht glückliches Leben. Ihre Familie hat sich an ihre Tics gewöhnt, und Eva hat sich an die seltsamen Eigenschaften der anderen Familienmitglieder gewöhnt: den ewig erfolglosen Rock’n Roller Onkel Bernie (Stefan Kurt), die kaufsüchtige Mutter (Victoria Trauttmansdorff) und die Oma mit ihrer Vorliebe für Böller und Luftgewehr (Renate Delfs).
Abgesehen davon hat Eva ja noch ihren geliebten Rückzugsraum im Wald. Stadt und Schule sind dagegen eher weniger etwas für sie. Dann aber muss der Vater (Waldemar Kobus) die Arbeitsstelle wechseln, womit ein Umzug der Familie nach Berlin verbunden ist. Was Eva nun so gar nicht passt. Also versucht sie, selbst Arbeit zu bekommen – und als das nicht klappt, schnell an viel Geld zu kommen. Der zwielichtige örtliche Bankdirektor (Falk Rockstroh) bringt Eva auf eine Idee ...
Schluckauf im Hirn sorgt für Situationskomik
Im Mittelpunkt von Ein Tick anders steht das Tourette-Syndrom, und dabei speziell die Koprolalie. Nach den zu Rate gezogenen Lexikondefinitionen handelt es sich dabei um vulgäres, sozial unangemessenes und obszönes Reden in Verbindung mit einer Ticstörung, die zwanghafte Neigung, sich in geradezu salvenartig herausschießenden Wörtern der Fäkalsprache zu bedienen. Oder, wie Eva es nennt, den „Schluckauf im Gehirn“.
Der führt zu jenen ungewollt komischen Situationen, denen ein als Komödie mit ernsthaftem Hintergrund angelegter Film nicht widerstehen kann – und sollte. Schließlich gilt im komödiantischen Fach der Leitspruch „Jeder hat das Recht, verarscht zu werden“. Dabei ist nicht Eva das Objekt von Spott oder Lachen, sondern die Situation, die ihr Tic verursacht. Situationskomik eben, so wie in einer Szene während ihrer Arbeitssuche, die sie in ein riesiges Reifenlager führt. Dort entbietet sie dem Angestellten zur Begrüßung ein „Heil Hitler“, worauf dieser (mit einem an Loriot-Figuren erinnernden „Ah ja!“) erwidert: „Ah ja, eine junge Nationalsozialistin. Würden Sie bitte unsere Räume verlassen?“ Der Reifenlagerist erkennt dann Evas Störung und gibt sich als ehemaliger Medizinstudent zu erkennen, was Eva wiederum ein „Versager!“ herausrutschen lässt.
Nicht minder drastisch fällt gelegentlich die Wortwahl nicht-behinderter in Bezug auf behinderte Personen aus. Das zeigt der Gastauftritt Nora Tschirners als Personalverantwortliche eines Unternehmens, die Eva über ihre bereits erfüllte Behindertenquote aufklärt: „Wir haben eine, die ist behindert, aber überall. Also schon fast tot.“ Also auch hier kein (Arbeits-)Platz für Eva. Ein weiterer erfolgloser, aber komischer Versuch, an Arbeit bzw. schnelles Geld zu kommen, führt Eva vor die Jury einer Castingshow, wo sie den von Onkel Bernie komponierten Song „Arschlicht“ zum Besten gibt.
Gutes Ensemble, herausragende Hauptdarstellerin
Im Großen und Ganzen hält Ein Tick anders über die 85 Minuten seiner Laufzeit eine angemessene Balance zwischen Exzentrik und Bodenhaftung. Sein Witz ist dem Thema entsprechend schräg, doch sind seine Figuren nicht permanent auf überdreht, schrill und lustig gemacht, einschließlich des kleinkriminellen Altrockers Bernie, aus dem in einer durchschnittlichen Komödie vermutlich eine komplette Knallcharge geworden wäre.
Der Film ist recht flott inszeniert, auch wenn ihm nach knapp einer Stunde Luft und Witz spürbar ausgehen und die „Krimihandlung“ in den Vordergrund rückt. Weitere Punktabzüge sind für die allzu versöhnliche, Ecken und Kanten abschleifende Schlussauflösung fällig. Dies wird aufgewogen durch das gute Spiel des Ensembles, aus dem Jasna Fritzi Bauers Leistung in ihrer ersten Kino-Hauptrolle herausragt. Ihr ist gleichwohl eine glückliche Hand bei der künftigen Rollenauswahl zu wünschen, sonst wird sie schnell auf den Typ Freak/gestörte Frau festgelegt.
Ein Tick anders, Deutschland 2011, Regie: Andi Rogenhagen, Kinostart: 7. Juli 2011.
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