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Literatur - Jürgen Hermann
Tod im Waldsee
Karin Fossum schickt ihre Leser in „Böser Wille“ einmal mehr in die norwegische Provinz, wo nicht alles so heimelig ist, wie es scheint.
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Die Romane der skandinavischen Erfolgsautorin und ehemaligen Krankenschwester in der Psychiatrie zeichnen sich durch einen vom Üblichen abweichenden Handlungsverlauf aus. Die Psychologie ist immer von großer Bedeutung, und es kommt schon mal vor, dass im Buch das Psychogramm des Täters dominiert und die polizeiliche Ermittlung in den Hintergrund tritt.
Eines von Fossums besten und zugleich ungewöhnlichsten Büchern ist „Der Mord an Harriet Krohn“. Die alte Dame wird bei einem Raubüberfall getötet, wobei es der Täter nur auf die Wertsachen abgesehen hatte, um seiner halbwüchsigen Tochter Geschenke machen zu können. Das Buch handelt nur am Rande von der Polizeiarbeit. Vielmehr stehen das Denken des in einer Lebenskrise gefangenen Täters, seine Rechtfertigung für die Tat und die quälende Schuld im Mittelpunkt. Ein fesselndes und lesenswertes Psychogramm und so ganz anders als „konventionelle“ Kriminalromane.
Groß und hager, nicht mehr ganz jung und sehr korrekt ist er: Konrad Sejer, der ermittelnde Kommissar in Fossums Büchern. Er ist verwitwet, seinem Hund ein liebevolles Herrchen und beim Blick in den Spiegel irritiert: „Ich sehe dort einen älteren Mann, der mich anstarrt. Etwas an diesem Mann stört mich. Ich habe große Lust, ihn vor die Tür zu setzen.“ Natürlich hat Sejer ein Leben abseits des Berufs und seine privaten Probleme, doch sind sie immer deutlich der kriminalistischen Haupthandlung untergeordnet.
Die fatale Verkettung von Ereignissen
In „Böser Wille“ verschwindet ein junger Mann, Jon, während eines gemeinsamen Wochenendes mit zwei Freunden und wird tot aus dem Waldsee geborgen. Alles sieht nach einem Suizid aus, zumal Jon in psychiatrischer Behandlung war und unter Depressionen litt. Aber: Der Leser weiß bereits ab den ersten Seiten, dass die Dinge anders verlaufen sind, als die beiden Freunde sie schildern. Bloß kennt er nicht den Hintergrund.
Hier baut Fossum bereits klug ein Spannungselement ein. Denn die beiden – Axel und Reilly – sind ja keine „professionellen Lügner“; vielmehr verstricken sie sich rasch in Widersprüche und nähren Zweifel an ihrer Version. Bei Sejer verstärkt sich der Verdacht, dass Jons Suizid keiner war. Dann taucht ein Tagebuch auf, in dem Jon ein „schreckliches Ereignis“ in der Vergangenheit andeutet; zur gleichen Zeit wird die Leiche eines jungen Vietnamesen gefunden.
Es dauert nicht lange, bis sich diese Handlungslinien zusammenfügen. Am Ende stehen drei Tote und die Erkenntnis, mit welcher Intensität unbedachtes Agieren eine Kette tragischer Ereignisse nach sich ziehen kann. Darüber hinaus finden zwei sehr unterschiedliche Mütter in der Trauer um ihre Söhne zueinander. Der Schluss dieses Kriminalromans der etwas anderen Art kommt recht plötzlich und führt das Ganze zu einem zynischen Höhepunkt.
Karin Fossum legt ein weiteres psychologisch durchdachtes Buch vor, in dessen Mittelpunkt das schwierige Verhältnis der Freunde Axel und Reilly sowie die Aspekte Schuld und Moral stehen. Mit dieser Schuld kann der psychisch labile Jon nicht leben. Axel ist der geschickte Schauspieler, der in der Werbebranche arbeitet und ein tolles Auto fährt, die rhetorisch begabte und zugleich unmoralische Figur. Reilly hingegen agiert ängstlich, flüchtet sich in Drogen und findet in einer jungen Katze eigentlich den besseren Freund. Ach ja: Der süße kleine Kater ist das vierte Todesopfer des Romans.
Karin Fossum: Böser Wille. Roman. Aus dem Norwegischen von Gabriele Haefs. 223 Seiten. Piper Verlag, München 2011. 9,95 Euro.
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