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Theater - Christiane Wiegand

To dance is to survive

Les Grands Ballets Canadiens de Montréal begeistern bei ihrem Gastspiel in der Bonner Oper mit Ohad Naharins „Minus One“. Ein mitreißender Abend zwischen Tradition und Innovation.


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Les Grands Ballets Canadiens de Montréal

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... tanzen Ohad Naharins "Minus One" (Fotos: Theater Bonn)

Noch ist das Licht im Zuschauerraum nicht erloschen, die Stimmen zahlreicher Theaterbesucher auf der Suche nach ihren Sitzplätzen übertönen die gedämpfte Musik. Auf der Bühne steht ein einzelner Mann im schwarzen Anzug – und tanzt. Er tanzt, ganz gedankenverloren, in sich versunken, als ob die vielen Menschen im Parkett und in den Rängen gar nicht existierten. Er tanzt nicht für sie oder ihren Applaus, sondern für sich selbst, die Bewegung wie selbstverständlich Ausdruck innigsten Gefühls.


Es ist diese Selbstverständlichkeit, die Leichtigkeit und die emotionale Tiefe, die Ohad Naharins Choreographie „Minus One“ zu einem Erlebnis machen. Zum Abschluss ihres Gastspiel in der Bonner Oper präsentierte die renommierte kanadische Tanzcompagnie Les Grands Ballets Canadiens de Montréal das 2002 uraufgeführte Werk des israelischen Coreographen. Aus sieben Einzelchoreographien hat Naharin ein beeindruckendes „Best of“ seiner bisherigen Arbeit geschaffen, ohne dabei jedoch die Gesamtwirkung des Werkes aus den Augen zu verlieren. „Minus One“ ist keine Nummernrevue aus zusammenhanglosen Versatzstücken, sondern ein in sich geschlossenes Gesamtkunstwerk in dessen Mittelpunkt die Beziehung des Menschen zum Tanzen steht.


Der Tanz hat bei Naharin nichts vom hochartifiziellen, weltfremden Charakter des klassischen Balletts, sondern ist zu jeder Zeit ganz nah an der Realität, ganz nah am Menschen. Der Choreograph zeigt das Tanzen als elementares Bedürfnis, als natürliche, kulturübergreifende menschliche Ausdrucksform. „Minus One“ ist eine gelungene Mischung aus intimen solistischen Einlagen und mitreißenden Massenchoreographien zu Musik, die von traditionellen israelischen Klängen über moderne Kompositionen wie Arvo Pärts „Fratres“ oder Paul Smadbecks „Etude No 3 for Marimba“ bis hin zu Bearbeitungen bekannter Evergreens wie „Somewhere Over the Rainbow“ oder „Que Sera“ reicht.


In einem anrührende Pas de deux zum englischen Volkslied „Greensleeves“ verbindet die Choreographie Elemente des klassischen Balletts mit Formen des modernen Ausdruckstanzes; zu einer rockigen Version des traditionellen jüdischen Festtagslieds „Ehad Mi Yodea“, die mit ihren stampfenden Rhythmen zum Mitklatschen einlädt, vollführt die gesamte Compagnie in einem Halbkreis aus Stühlen mit atemberaubender Synchronität immer wieder eine Bewegungsfolge zwischen Akrobatik und La Ola-Welle. Dass einzelne Tänzer sich bei genauerem Hinsehen der Synchronität der Masse verweigern und im wahrsten Sinne des Wortes aus der Reihe tanzen, macht den besonderen Reiz der Szene aus.


Zu lateinamerikanischen Klängen schwärmen die Tänzer schließlich in den Zuschauerraum aus und entführen einige Theaterbesucher als Tanzpartner auf die Bühne. Die Idee ist nicht neu, aber unterhaltsam und im Kontext von Naharins Choreographie äußerst passend und effektiv: um Tanzen zu können, braucht man kein ausgebildeter Tänzer zu sein, denn der Tanz ist ein elementarer Teil der menschlichen Identität. Kaum verwunderlich also, dass sich auch die Laientänzer in kürzester Zeit auf der Bühne wie zuhause zu fühlen scheinen und ihren professionellen Partnern in Sachen Rhythmusgefühl und Bewegungsfreude kaum nachstehen.


Bevor der Abend mit einer schwungvollen Ensemblechoreographie zum Gassenhauer „Que Sera“ endet, lässt Naharin die Tänzer selbst zu Wort kommen: zu kurzen solistischen Improvisationen schildern Mitglieder der Compagnie aus dem Off ihr ganz persönliches Verhältnis zum Tanz. Ihre Geschichten sind mal anrührend, mal komisch, in jedem Fall aber zutiefst menschlich. „Minus One“ inszeniert den Tänzer nicht als unnahbare, beinahe entmenschlichte Kunstfigur, sondern lässt den Zuschauer ganz nah an den Künstler heran. Ohad Naharins Choreographie ist beste Unterhaltung mit Tiefgang. Und den ein oder anderen verstohlenen Tanzschritt kann man sich beim Verlassen des Theaters nicht verkneifen.

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