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Theater - Almut Stärk
Stallatmosphäre im Ballsaal
Premiere der amerikanischen Inszenierung von „Strider“ nach Lew Tolstoi.
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Fünfzehn Schauspieler stehen bewegungslos auf der Bühne, während sich das Publikum auf seinen Plätzen niederlässt. Eine Stimme spricht aus dem Off. Die Schauspieler beginnen zu wiehern, zu schnauben, beißen sich gegenseitig, springen herum, reiben die Köpfe aneinander – sie sind Pferde.
„Strider“, in der deutschen Übersetzung „Der Leinwandmesser“, ist ursprünglich eine allegorische Erzählung des russischen Schriftstellers Lew Tolstoi (1828-1910), die sich gegen die gesellschaftlichen Zustände im Russland des 19. Jahrhunderts richtet. Bei dem Stück, das im Ballsaal zu sehen ist, handelt es sich um eine englische Bühnenbearbeitung mit Musical- und Ballettelementen von Robert Kalfin und Steve Brown.
Das pferdische Verhalten der jungen Schauspieler ist so gekonnt, dass sie keine aufwendigen Kostüme brauchen - einziges Pferdeaccessoire ist ein unauffälliger Schweif. Problemlos findet sich der Zuschauer in die Handlung ein, die im Stall eines russischen Grafen beginnt. In der Mitte der Bühne steht Strider, ein geschecktes Pferd, das es fürchterlich juckt. Der Graf gibt Anweisung, dem alten, kranken Tier die Kehle durchzuschneiden. Doch zuvor erfährt der Zuschauer die Geschichte seines Lebens.
Gespielt wird das Stück von amerikanischen Theaterstudenten der Loyola Marymount University in Los Angeles, die das Projekt mit der Unterstützung der Akademie für Internationale Bildung (AIB) in Bonn realisiert haben. Die vergangenen vier Monate haben sie in Deutschland und Russland verbracht und sich intensiv mit berühmten Dramatikern aus den beiden Ländern beschäftigt, insbesondere mit Bertolt Brecht und Anton Tschechow. Mit „Strider“ zeigen sie nun, was sie bei ihrem Auslandsaufenthalt gelernt haben.
Die Geschichte ist nicht zum Lachen. Auch wenn die Menschen Strider immer wieder mit Nachdruck als „a fine horse“ bezeichnen und seinen Stammbaum loben, leidet er unter seiner ungewöhnlichen Fellzeichnung: Seine Erfolge als Rennpferd bringen ihm zwar Anerkennung ein, aber keine Zuneigung. Er fasziniert, aber stößt auch ab – sowohl die Menschen, als auch die anderen Pferde. Immer wieder wird er Opfer menschlicher und tierischer Grausamkeit.
Die Inszenierung ist frisch und lebendig: Zum einen durch Gesang und Tanz, die die Schauspieler genauso beherrschen wie die szenische Umsetzung. Zum anderen durch die ungewöhnlichen Mittel, die die Inszenierung einsetzt: Mehrmals werden Szenen wie im Film in Zeitlupe dargestellt, mit besonderem Erfolg ein großes Pferderennen.
Wirkungsvoll bringen die Schauspieler die ungestüme Kraft und den Freiheitsdrang der Pferde zum Ausdruck, die sich nur schwer von der Herrschaft der Menschen unterdrücken lassen. Die gesamte Inszenierung strotzt vor Energie, es wird geschrien, gestampft und gegen die Wand gesprungen.
„Strider“ beeindruckt und ist kein Stück, das man am nächsten Morgen vergessen hat. Mit wenigen Requisiten und viel Enthusiasmus schaffen die jungen Schauspieler eine energiegeladene Inszenierung in gelungener Stallatmosphäre.
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