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Literatur - Jürgen Hermann
Staatsmann und Überlebenskünstler
Der französische Diplomat Talleyrand gilt als Inbegriff des gewissenlosen Machtpolitikers. Johannes Willms’ Biographie relativiert dieses Bild behutsam.
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In der Geschichtswissenschaft verbindet man den Namen des mehrfachen Außenministers mit der geschmeidigen Anpassung an gravierende politische Veränderungen in seinem Heimatland, mit skrupelloser Verschlagenheit und Verrat, grenzenlosem Opportunismus, persönlicher Bereicherung und der (vermeintlichen) Loyalität zu immer neuen Staatsführern. Vierzehn Treueschwüre und Gelöbnisse, so erfährt man in dem Buch, habe der Diplomat und Politiker in seinem Leben abgelegt – und sie alle gebrochen.
Charles-Maurice de Talleyrand, 1754 in den adeligen Stand geboren, wächst nicht im Wohlstand auf. Seine Eltern gehören zum Personal des französischen Thronfolgers, und die Familie lebt mehr oder weniger „von der Hoftafel“. Da der Knabe einen Klumpfuß aufweist, ist ihm die erwünschte Karriere in den Streitkräften verwehrt. Sein Onkel, dem eine klerikale Familiendynastie vorschwebt und der es später zum Erzbischof von Reims bringen wird, erreicht, dass der Heranwachsende stattdessen den Beruf des Priesters ergreift.
Aufstieg zum Bischof von Autun
Der Klerus im damaligen Frankreich pflegt einen prachtvollen Lebensstil. Er verwendet aus den Einkünften aus dem Kirchenbesitz hohe Summen für den Bau von Lustschlössern und unterhält eine kaum überschaubare Zahl von Mätressen für das amouröse Vergnügen. Es mangelt weder an einer vielköpfigen Dienerschaft noch an opulenten Festmählern. Etliche Kirchenfürsten steigen zu Ministern oder Beratern des Königs auf. Der junge Abbé Talleyrand ist da nicht anders: Er liebt das Glücksspiel, die Finanzspekulation und die Frauen.
Politisch, so Willms, muss man Talleyrand im Vorfeld der Französischen Revolution zu den aufgeklärten Konservativen rechnen. Er zählt zu den Befürwortern der Einrichtung eines Zweikammerparlaments nach englischem Vorbild. Kurzzeitig, von 1789 bis 1791, amtiert er als Bischof von Autun und erhofft sich wohl ein Ministeramt unter König Ludwig XVI. Nach dessen Sturz passt sich Talleyrand rasch an und vertritt den Klerus in der Verfassunggebenden Nationalversammlung. Dort setzt er sich mit seinem Vorschlag durch, dass der Staat vollständig den Kirchenbesitz übernimmt und auf diese Weise den drohenden Staatsbankrott abwendet.
Mit seinem Eid auf die Verfassung verlässt Talleyrand 1791 den Klerus, und als „Deserteur seiner Kirche“ werden ihn Kritiker später bezeichnen. Er übernimmt erstmals eine diplomatische Mission, geht jedoch bereits ein Jahr später – in Paris wütet die blutigste Phase der Revolution – über England ins amerikanische Exil und rettet so sein Leben. In der Neuen Welt versucht er sich mit mäßigem Erfolg als Bodenspekulant und lebt in der Hoffnung auf die Gegenrevolution in seiner Heimat.
An der Seite Napoleons
„Die Bälle, die Schauspiele, die Feuerwerke haben die Gefängnisse und die Revolutionskomitees abgelöst, die raffiniertesten Gewänder die Lumpen des Jakobinismus, die Stutzer und die galanten Frauen die Ausgeburten der Tyrannei und des stinkenden Royalismus.“ So zitiert Willms eine zeitgenössische Quelle zur Lage im konstitutionellen Frankreich, in welches Talleyrand 1796 aus dem Exil zurückkehrt. Sein Rat ist während der Herrschaft des Direktoriums gefragt, und von 1797 bis 1799 amtiert er als Außenminister. Aber sein realer politischer Einfluss bleibt gering. Er führt parallel hierzu eine intensive Korrespondenz mit einem ruhmreichen General und entwickelt eine geradezu schwärmerische Bewunderung für ihn – Napoleon Bonaparte.
Talleyrand, der kurz vor Bonapartes Staatsstreich im November 1799 als Außenminister zurücktritt, wird von dem neuen Machthaber in dieses Amt zurückgeholt und dient dem späteren Kaiser der Franzosen bis 1807. Wiederum zeigt sich sein hohes Maß an Geschmeidigkeit bei der Anpassung an gänzlich neue politische Rahmenbedingungen. Die Ergebenheit geht so weit, dass er sich von Napoleon in eine Ehe drängen lässt.
Doch nähren die sprunghafte Diplomatie des Kaisers sowie dessen autokratisches Gebaren mit den Jahren Talleyrands Zweifel an Napoleon. Die Loyalität zu dem Machthaber zerbricht an dessen Politik der Angriffs- und Eroberungskriege. Die Kontinentalsperre gegen England wertet der Außenminister als schweren Fehler, und sein Versuch, mäßigenden Einfluss zu nehmen, scheitert. 1807 reicht Talleyrand seine Demission ein, und in der Folgezeit wird aus dem Wegbegleiter des Korsen einer seiner entschiedensten Gegner.
Der Wiener Kongress als Lebensleistung
Talleyrand befürchtet, Napoleon führe Frankreich in den Untergang, und wirkt immer stärker zugunsten der bourbonischen Restauration. Nach dem Sturz des Kaisers entsteht eine konstitutionelle Monarchie unter König Ludwig XVIII., die Napoleons erfolglosen Versuch übersteht, die Macht zurückzuerlangen. Der begnadete Politstratege Talleyrand, wiederum zum Chef der Diplomatie berufen, erreicht auf dem Wiener Kongress, dass Frankreich kaum Gebietsverluste hinnehmen muss, im Bündnis mit England und Österreich wieder Ansehen als relevanter politischer Partner gewinnt und Einfluss auf die neue Mächtekonstellation in Europa nimmt. Es wird wohl auch so gewesen sein, dass ein stark geschwächtes Frankreich von niemandem gewollt war.
Talleyrand ist nun Premier- und Außenminister – und mit Polizeiminister Joseph Fouché verbündet, der nach 1799 vorübergehend sein Rivale um Napoleons Gunst war. Es sind bewegte Zeiten mit dem ständigen Wechsel der Bündnisse und Loyalitäten. Das einflussreiche Tandem Talleyrand/Fouché ist Ludwig XVIII. indes zunehmend verhasst; es kommt zum offenen Streit.
Im September 1815 legt Talleyrand seine Ämter nieder und erreicht, dass dieser Schritt nach außen als Ausdruck der Undankbarkeit des Monarchen wirkt. Nun zieht sich der alternde Diplomat zurück, auf den „Ruf der Geschichte“ wartend, der ihn erneut in die hohe Politik führen soll. Er wird lange Zeit nicht erschallen. Talleyrand sei, so besagt eine zeitgenössische Quelle, „von der Vorstellung durchdrungen, für Frankreich und selbst für Europa unersetzlich zu sein.“
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