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Kino - Michael Hermann

Schöner scheitern mit dem „Fußball-Mozart“

„Tom Meets Zizou – kein Sommermärchen“: Aljoscha Pauses Langzeitdokumentation über den Profifußballer Thomas Broich ist ein herausragender Sportfilm.


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Ein Ausnahmespieler, der kein Anführer sein wollte. (Bild:
mindjazz pictures)

Mit seinen 135 Minuten ist Tom Meets Zizou – kein Sommermärchen ungefähr so lang, wie ein Fußballspiel mit Verlängerung und Elfmeterschießen netto andauert. Und es ist alles drin, was ein packendes Spiel ebenso wie einen spannenden Film ausmacht: Dramatische Höhepunkte, krisenhafte Zuspitzungen, Auf und Ab, Hin und Her und ein Ausgang, den man für die Hauptperson als vorläufiges glückliches Ende betrachten kann – oder als verdienten Sieg des Protagonisten über sich selbst. Was der Film darüber hinaus über das Geschäft Fußball offenbart, steht auf einem anderen Blatt.

Thomas Broich galt vor rund zehn Jahren als einer der größten „Hoffnungsträger“ des deutschen Fußballs und stand bald auf dem Sprung in die Nationalelf. Ein technisch exzellenter, äußerst talentierter Spielgestalter mit Drang zum Tor wie sein Vorbild Zinedine „Zizou“ Zidane.

Darüber hinaus machte Abiturient Broich durch literarische Interessen und musikalische Fähigkeiten auf sich aufmerksam und wurde so schnell zum Medienliebling. Schwankend zwischen jugendlicher Eitelkeit/Arroganz und Selbstzweifeln, machte er die mediale Inszenierung zum „Fußball-Mozart“ letztlich mit, musste aber auch am eigenen Leib erfahren, wie schnell jemand von Zeitungen wieder heruntergeschrieben werden kann, der zuvor von ihnen auf den Schild gehoben worden war. Im täglichen Fußballbetrieb eckte er mit seiner unkonventionellen Art ebenfalls oft genug an.


Karriereknicks und tolle Tore

Von 2003 bis 2011 beobachtete Regisseur Aljoscha Pause die Karriere des Hochbegabten und – zumindest in der Bundesliga – Unvollendeten. Einige Verletzungen werfen ihn zurück, und in Nürnberg steht er 2009 kurz vor der Depression und dem vorzeitigen Karriere-Aus. Erst als Broich im Jahr darauf ans andere Ende der Welt zu den „Brisbane Roar“ in die australische Liga wechselt, findet er neben dem sportlichen Erfolg den verloren gegangenen inneren Kompass wieder.

Der Sport kommt in dieser hervorragend strukturierten Dokumentation auch nicht zu kurz. Im Mittelpunkt stehen indes Auszüge aus den Interviews, die Pause über acht Jahre mit dem ebenso eloquenten wie selbstironischen Broich sowie zahlreichen seiner Weggefährten und Trainer führte. Im Wechsel damit fassen Off-Kommentare weitere Ereignisse und Entwicklungen zusammen.

Immer wieder eingestreut sind spektakuläre Spielszenen, wodurch der Film einen perfekten Rhythmus erhält. Effektiv und spannungssteigernd „inszeniert“ Pause beispielsweise das australische Playoff-Finale mit einigen Zwischentiteln, die über Vorgeschichte und Verlauf informieren. Kurz vor Schluss scheint das Spiel für die „Brisbane Roar“ schon fast verloren, als Broich mit zwei Torvorlagen die Wende einleitet. Großes Kino – in echt.

Auch ein weiteres sportliches Schmankerl wird dem Zuschauer nicht vorenthalten. Die Fans von „Roarcelona“ wählen eines von Thomas Broichs Toren zum schönsten der Vereinsgeschichte. Ein Kunstschuss, in etwa vergleichbar mit Andreas Brehmes 2:0 gegen die Niederlande im berühmten WM-Achtelfinale 1990: Broich dribbelt ein paar Schritte am (von ihm aus gesehen) linken Strafraumeck, fintiert, nimmt Maß und zirkelt den Ball in die lange Ecke, genau ins Dreieck. Für den künstlerischen Ausdruck ist eine höhere B-Note als bei Brehme fällig, da der Ball eine noch steilere Flugkurve nimmt, bevor er im Winkel einschlägt.


Geist und Geschäft

Genug geschwelgt. Dass der Film über seine komplette Laufzeit interessant bleibt, hat weitaus mehr mit Broichs außersportlichen Qualitäten wie Nachdenklichkeit und Humor zu tun. So lautet etwa seine Auskunft auf die Frage nach einem eventuellen Vereinswechsel: „Es gab Anfragen aus den Ausland, das war geil. Von Real.“ (Kurze Kunstpause). „Von Villareal.“ Und als er an einer Stelle bemerkt, dass er über sich selbst gerade in der dritten Person gesprochen hat („Das war der Thomas Broich, den ich kenne, der schon fast verschollen war.“), bricht er ab und kommentiert: „Auwei, das klingt ja wie Lothar Matthäus. Das müssen wir anders machen.“ (Nicht zu toppen ist allerdings, was Loddar himself einmal zu diesem Thema gesagt hat: „Ein Lothar Matthäus braucht keine dritte Person. Er kommt sehr gut allein zurecht.")

Tom Meets Zizou wirft ein erhellendes Schlaglicht auf das Bundesliga-Business und kommt gerade richtig, um zum Start der neuen Saison ein wenig Luft aus diesem über die Maßen aufgeblasenen Geschäft abzulassen. Die Geschichte des eigenwilligen, nicht-stromlinienförmigen Profis liefert darüber hinaus ein Spiegelbild von Wirtschaft und Gesellschaft, in der die Bereitschaft zu Anpassung und Unterordnung nach wie vor die besten Karrierechancen eröffnet.

So kam Broich mit dem humorlosen Holländer Dick Advocaat als Trainer in Mönchengladbach ebenso wenig zurecht wie später mit dem großen Motivator Christoph Daum in Köln, dessen Übungseinheiten im Stadion bisweilen einem „Gottesdienst“ geähnelt hätten. Die Parallelmontage der separat geführten Interviews mit Daum und Broich gehört zu den aufschlussreichsten Stellen des Films, zeigt sie doch in aller Deutlichkeit, dass hier ein Coach und ein Spieler aufeinander prallen, die definitiv nicht miteinander können.


Der tägliche Spagat im Haifischbecken

Wie bittere Ironie muss es da wirken, dass Broich ausgerechnet in seiner Zeit beim 1.FC Nürnberg bei Michael Oenning, dem Trainer, mit dem er sich am besten verstand, seinen sportlichen Tiefpunkt erlebte. Oennings Aussagen im Interview fassen den ständigen Zwang zum kompromisslerischen Spagat zusammen, dem die Angestellten dieses Geschäfts ausgesetzt sind: Zwar teile er die Vorbehalte und Abneigungen Thomas Broichs gegen so manche Dinge im Bundesliga-Business. Wer jedoch darin überleben wolle, dem bleibe keine andere Wahl, als sich mit den Usancen des Geschäfts zu arrangieren, wie sie sich seit Mitte der Neunziger Jahre entwickelt hätten.

Ein nachdenklicher Mensch wie Broich weiß indes, dass ihm sportliche Meriten und das „absurd viele Geld“ auch nicht weiterhelfen, wenn innen alles leer und ausgebrannt ist. Insofern erscheint seine Entscheidung, seit 2010 für kleineres Geld am anderen Ende der Welt zu kicken, nur konsequent. Da Broich mit mittlerweile 30 noch im besten Fußballeralter ist, kann seine Karriere durchaus noch die eine oder andere überraschende Wendung nehmen und Stoff für eine weitere illustrative Dokumentation liefern. Wie sagt seine Mutter an einer Stelle des Films: „Der Bub is so g’scheit, und jetzt spielt er Fußball.“ Passt scho.


Tom Meets Zizou, Regie: Aljoscha Pause, Deutschland 2011, 133 Min., nächste Vorstellungen: Neue Filmbühne: Mittwoch, 03.08., 21 Uhr,  Rex: Sonntag, 07.08., 14:15 Uhr.


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