Anzeige
Literatur - Jana Ronzhes
Schlaflos in Chicago
Kristof Magnussons zweiter Roman „Das war ich nicht“ unterhält mit Leichtigkeit und viel Witz. Und erklärt mit Nonchalance den Börsenmarkt – sogar spannend.
Anzeige
Finanzkrise, Lebenskrise, Liebeskrise. Das sind die Probleme, mit denen die Helden von Kristof Magnusson zu kämpfen haben. Alleine und doch gemeinsam. Denn auf sonderbare Weise sind ihre Leben miteinander verwoben und ihre momentane Lebenssituation so verschieden und doch so ähnlich.
Da ist Jasper Lüdemann, aufstrebender Banker in Chicago, der einen fatalen Fehler macht; Maike Urbanski, literarische Übersetzerin, die gerade ihren langjährigen Lebensgefährten und ihre Freunde in Hamburg zurückgelassen hat und in ein einsames, heruntergekommenes Haus auf dem Land gezogen ist; und schließlich Henry LaMarck, Erfolgsautor und Pulitzerpreisträger aus Chicago, der von seinem groß angekündigten Jahrhundertsroman noch keine Seite geschrieben hat. Was können diese unterschiedlichen Charaktere gemeinsam haben?
Jasper Lüdemann hat eine steile Karriere hinter sich und will noch höher hinaus. Er will der Bank endlich beweisen, was er kann. Der 31-Jährige ist, nach drei Jahren im Back-Office, in den Händlersaal geholt worden, für Futures und Optionen zuständig ist, ein kleiner Fisch, wie er selbst weiß. An Frau und Kinder denkt er nicht – das kann warten, jetzt zählt nur der Job. Und dass, obwohl er sich nie wirklich für Börse und Banken interessiert hat, ist er da reingerutscht, weil er dachte, dass das dazugehört: die Karriere nach dem Studium.
Seit fünf Jahren wohnt oder besser gesagt: arbeitet er nun in Chicago, denn von der Stadt hat er bis jetzt nur wenig gesehen. In Chicago hat er keine Freunde und auch in Bochum ist ihm, bis auf seine Mutter, niemand geblieben. Lüdemann achtet akribisch auf sein Auftreten in der Bank: Hat stets Haar-Gel dabei, sitzt nie in der Bahn, um seinen Anzug nicht zu zerknittern, sagt seinem Spiegelbild im Aufzug jeden Morgen „Ich will Erfolg!“ An später denkt er nicht – erst, als aus 650.000 Dollar Minus in kurzer Zeit ein paar hundert Millionen Miese werden und er auch noch vom FBI gesucht wird.
Die Literatur-Übersetzerin Meike Urbanski, Anfang 30, führt seit vier Tagen ein neues Leben: Nach zehn Jahren in Hamburg hat sie ihren langjährigen Freund und ihre Freunde zurückgelassen und ist eines Nachts in ein einsames, kaltes Haus auf dem Land gezogen. Nun lebt sie das Leben auf dem Land, von dem die anderen nur reden. Geflohen ist sie weniger vor ihren Freunden, als vor dem bürgerlichen Lebensstil: Hund, Kinder, Bioprodukte und Landausflüge. Lange hatte sie es so ausgehalten, weil sie dachte, dass es zum Leben dazugehört. Bis sie gemerkt hat, dass sie selbst nicht dazugehört, dass es nicht ihre Freunde sind, dass diese Freunde, diese Wohnung, dieses Leben nicht zu ihr passen, weil sie anders ist.
Der Jahrhundertroman, der nicht kommt
Ihr einziger Halt ist Henry LaMarck, der Erfolgsautor aus Chicago, dem sie mit ihrer Übersetzung zum Ruhm in Deutschland verholfen hat, dank dem sie keine Groschenromane mehr übersetzt und der nun seinen Jahrhundertroman nicht liefert. Den Jahrhundertroman, auf den Meike alles setzt: Noch mehr Erfolg für Henry, den sie verehrt und liebt, und endlich wieder ein Gehalt für sie selbst. So beschließt sie eines Tages, nach Chicago zu reisen und sich das Manuskript von Henry selbst zu holen.
Henry LaMarck flieht vor der Überraschungsfeier zu seinem sechzigsten Geburtstag. Er flieht in ein Luxus Hotel, weil er es in seiner Wohnung nicht mehr aushält, weil er sich dort nicht wohl, sondern einsam fühlt. Er flieht vor der Blamage, dass er seinen groß angekündigten Roman nicht mal angefangen hat. Aber am meisten flieht er vor dem Alter und der Einsamkeit. Ihm fehlt die Inspiration, und seit er vor einigen Monaten einen Brief bekommen hat, in dem sämtliche von ihm in seinen Romanen begangenen Fehler aufgelistet sind, ist er endgültig am Boden.
Bis er in der Zeitung ein Bild von einem verzweifelt aussehenden Banker entdeckt und sich von ihm auf unerklärliche Weise angezogen fühlt. Nun hat er nur ein Ziel: diesen „Business-Boy“ zu finden. Für sein Leben schreibt er Szenen; da er seit über einem Jahr nichts geschrieben hat, ist sein Leben leerer denn je. Beflügelt von seiner neuen Inspiration, macht er sich auf den Weg, ohne zu wissen, dass ihn dieser Weg nicht von seinen Problemen befreit, sondern ihm diese umso herzloser vor Augen führt. Bis er merkt, dass er sich verliebt hat.
In diesem wundervollen Roman von Kristof Magnusson treffen sich drei Charaktere zufällig in einer Millionenstadt, obwohl alle drei auf der Flucht sind: Flucht vor der Arbeit, Flucht vor dem Leben, Flucht vor dem Alter. Flucht und Furcht verschleiern ihnen den Blick für das Wesentliche und lassen sie oft an ihrem eigentlichen Ziel, an ihrem eigentlichen Glück vorbeilaufen.
Diese, auf den ersten Blick so unterschiedlichen Personen haben viel mehr gemeinsam, als sie wahr haben wollen: Alle drei geben vor, ein zufriedenes schönes Leben zu führen, alle drei sind auf der Suche nach etwas, was ihnen keine Ruhe gibt, alle drei suchen Bedeutung und wollen sich und anderen etwas beweisen: dass sie glücklich sind.
Diesen Artikel bookmarken:
Artikel per eMail weiterempfehlen
Artikel per eMail weiterempfehlen
Anzeige
Anzeige
Theater, Musik - 09.03.10
Kanadische Elite-Ensembles zu Gast in Bonn
Ausstellung - 09.03.10
Vier Seiten eines Blocks
Kabarett, Musik - 09.03.10
Klassentreffen – Ganz Schön Feist
Kinder, Kino - 09.03.10
Hodder, der NachtschwärmerDer erfolgreiche dänische Kinderfilm läuft im Woki als Kinderfilm des Monats März. Anschließend wieder Mitmachaktion.
Sonstiges - 08.03.10
Natur am Scheideweg
Anzeige
Kritik: Musik
Let there be DiskursrockDie Diskursrock-Maschine läuft und lebt weiter. Tocotronic zeigen auch im 17. Jahr ihres Bestehens, wie's geht.
Kritik: Literatur
Mensch und Mythos
Thema: Musik, Kulturarbeit
"Komm! Ins Offene, Freund..."
Kritik: Musik
Wider den tierischen Ernst
Kritik: Musik
Die andere Seite des SpiegelsPremiere des Films "Hommage an Robert Schumann". Auf der gefühlvollen Suche nach den Schwierigkeiten der Existenz.
Anzeige
Häufige Schlagworte:
Beethoven
Beuel
Bibliothek
Buch
Dieckmann
Festival
Film
Jugend
Konzert
Landesmuseum
Museum
Musikschule
Pantheon
Preis
Schule
Theater
Universität
VHS
Wettbewerb
Workshop
Anzeige



