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Literatur - Jürgen Hermann
Rückkehr nach 1Q84
Haruki Murakami entführt seine Leser noch einmal in die Parallelwelt 1Q84 und lässt die Hauptfiguren Aomame und Tengo zueinander finden.
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Man greift nach dem ersten Band – in ihm sind Buch 1 und 2 enthalten – mit großen Erwartungen zu Buch 3, einem 571 Seiten umfassenden Epos mit einem grünmetallic schimmernden Einband und dem Buchtitel auf dem seitlichen Schnitt. Wer meint, er könne die mehr als 1000 Seiten des ersten Bandes weglassen und nachträglich in Murakamis surrealistische Handlung einsteigen, ist schlecht beraten. Denn wesentliche inhaltliche Elemente erschließen sich nur nachhaltig, wenn man von Anfang an dabei ist.
Dann folgt die Ernüchterung: Das Lesevergnügen von Buch 1 und 2 mag sich in Buch 3 nur zögerlich einstellen. Die im vorigen Band so fesselnde Handlung tritt über Kapitel hinweg merkwürdig träge auf der Stelle. In die Länge gezogene Gedankengänge und Reflexionen reihen sich aneinander. Die bekannten Protagonisten Tengo und Aomame umkreisen sich mit ihren Alltagszyklen, obwohl sie unwissentlich nur wenige Straßen voneinander entfernt leben. Zur Fortsetzung der zarten Liebe aus Schülertagen mag es (zunächst) nicht kommen.
Murakami lässt neben Aomame und Tengo eine dritte Hauptfigur auftreten. Bei Ushikawa handelt es sich um einen äußerlich wenig attraktiven privaten Ermittler, der im Auftrag der Sekte den Tod von dessen Anführer aufklären soll. Dass Aomame die Tat begangen hat, ist den Beteiligten klar – bloß bleibt die junge Frau wie vom Erdboden verschluckt.
Während Ushikawa ermittelt, versteckt sich Aomame in einer Wohnung, und Tengo kümmert sich vorwiegend um seinen kranken Vater. So geht es Seite für Seite, Kapitel für Kapitel. Man erfährt allerdings einige Details, die Fragen aus dem ersten Band beantworten. So ergeben sich Erklärungen über die Identität der alten Dame, von der Aomame den Mordauftrag erhielt, sowie über Fukaeri, die jugendliche Bestsellerautorin.
Im Schlussteil nimmt die Handlung dann doch an Spannung zu, als sich das Aufeinandertreffen der plötzlich schwangeren Aomame mit Tengo abzeichnet, während die Tätigkeit Ushikawas – der irgendwann auch die beiden Monde am Himmel sieht, den bekannten und zusätzlich einen kleinen, moosgrünen Mond – ein abruptes Ende findet. Manches ist erklärt, anderes bleibt rätselhaft, wenn man das Buch nach vollendeter Lektüre zuklappt.
Ein Meister der surrealistischen Erzählkunst
Bei Murakami fließt wenig oder gar kein Blut, wenn ein Mensch getötet wird, und ein Kind zeugt man schon einmal per Gedankenübertragung und gänzlich ohne Zärtlichkeit und sexuelle Aktivität. Denn immer geht es auch um Einsamkeit und Isolation in einer weitgehend gefühllosen Welt. Bezüglich seines Stils bleibt sich der japanische Autor treu. „1Q84“, diese „Kulttrilogie“ (The Guardian), ist eine Mischung aus Liebesgeschichte und Kriminalroman mit Fantasy-Elementen. Manchmal wird es geradezu poetisch: „Der Mond, der nimmermüde die Flut an den Strand zog, sacht auf dem Fell der Tiere schimmerte und die nächtlichen Reisenden mit seinem schützenden Schein umfing. Der Mond, der mitunter als scharfe Sichel die Haut der Seele ritzte oder als Neumond der Erde lautlos seine dunklen Tropfen der Einsamkeit einflößte.“
Doch vor allem geht es in Buch 3 so rätselhaft zu, wie man es von Murakami gewohnt ist. Von neuem treten die mysteriösen Little People in Erscheinung: „Sie waren alle etwa fünf Zentimeter groß und trugen putzige kleine Kleider am Leib. Einer nach dem andern wanderten sie über Ushikawas grün bemooste Zunge und kletterten über seine unreinlichen Zähne hinaus ins Freie. Sie begannen sich zu schütteln, denn die Little People konnten ihre Körpergröße nach Bedarf ändern.“
Wundersame Dinge ereignen sich fortlaufend, und auch die Puppen aus Luft tauchen wieder auf. Aomame reflektiert schließlich über ihr Hinübergleiten in die Parallelwelt 1Q84: „Ehe ich michs versah, war ich hier. Auf dieser Welt, in der es Little People und zwei Monde gibt. Und die zwar einen Ein-, aber keinen Ausgang hat.“ Kumi Adachi, eine Krankenschwester und Bekannte Tengos, war sogar schon einmal tot und berichtet: „Ich erinnere mich nur an den Moment des Sterbens. Jemand hat mich erwürgt. Ein Mann, den ich noch nie zuvor gesehen hatte.“
Anerkennung gebührt Ursula Gräfe, die alle drei Bände von „1Q84“ flüssig und gut lesbar aus dem Japanischen ins Deutsche übersetzt hat. „Das japanische Schriftsystem“, so Gräfe in einem früheren Interview, „besitzt durch seine Vielschichtigkeit künstlerische Ausdrucksmöglichkeiten, die mit unserem simplen, sehr praktischen Alphabet nicht einzuholen sind. Die kreativen und auch dekorativen Möglichkeiten in der Verschränkung von Sprache und Schrift sind riesig.“ Zeitweise hatte man die Bücher des noch wenig bekannten Haruki Murakami für den hiesigen Markt aus der englischen Übersetzung übernommen. Viele Stilelemente dürften mit diesem Umweg verloren gegangen sein.
Es hat den Anschein, so konstatiert man am Schluss des dritten Buches, als habe der Japaner seine Geschichte nun zu Ende erzählt, und es ist charakteristisch für den Autor, dass einige Fragen offen bleiben. Vielleicht kommt ja irgendwann doch ein viertes Buch. Was ist schon vorhersehbar bei Herrn Murakami mit seinen lesenswerten und zugleich reichlich mysteriösen Geschichten?
Haruki Murakami: 1Q84. Buch 3. Roman. Aus dem Japanischen von Ursula Gräfe. 571 Seiten. DuMont Buchverlag, Köln 2011. 24 Euro.
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