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Literatur - Jürgen Hermann

Reif für die Insel

Elisabeth Karamat hat genug von allem, von ihrer Karriere und vom diplomatischen Parkett. Sie gibt ihr altes Leben auf und fängt in den Tropen ganz neu an.


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St. Kitts ist eine kleine westindische Insel, die mit der Nachbarinsel Nevis einen der Ministaaten in der Karibik bildet. Die pralle, üppige und exotische Natur, der lässige Lebensstil der Einheimischen, Bergketten und traumhafte Strände – so paradiesisch könnte man sich das Leben auf dem Archipel vorstellen.

Eine österreichische Karrierediplomatin wird durch eine von dort stammende Kollegin auf St. Kitts aufmerksam. Zu diesem Zeitpunkt ist die promovierte Juristin Elisabeth Karamat ein Single um die Vierzig, seit Jahren geschieden und mit drei beinahe erwachsenen, praktisch selbständigen Kindern. Sie ist müde und ausgebrannt. Ihren Berufsalltag empfindet sie als eine nicht endende Tretmühle und als „Schmerzgefängnis“.

Vom Außenministerium in Wien zur Europäischen Union nach Brüssel abgeordnet, vermisst sie Anerkennung und Lebensinhalt. Mit ihrem Chef, dem Botschafter, kommt sie nicht zurecht. Sie begibt sich in psychotherapeutische Behandlung und kultiviert ihre Wut auf die Welt. Einmal mehr zeigt sich an diesem Beispiel, wie öde die nach außen so glitzernde Welt der Diplomaten sein kann.

Derart trübsinnig gestaltet sich Karamats Leben, als sie 2007 auf Einladung der Kollegin nach St. Kitts reist und dort einen traumhaften Urlaub verbringt. Eineinhalb Jahre später kehrt sie in die Karibik zurück. Ihre Tätigkeit in Brüssel hat sie beendet. Jetzt ist sie für die Entwicklungshilfe beurlaubt und Projektleiterin eines Programms der anglikanischen Kirche auf der Insel zur Betreuung von Problemjugendlichen, das von mehreren österreichischen Stellen finanziell unterstützt wird.


Der Bienenflüsterer wird zum Liebhaber

Es ist der „Honigmann“, der ihr schon nach kurzer Zeit das karibische Leben so richtig versüßt: Kwando ist ein „Bienenflüsterer“, der sein Geld mit der sanften Beseitigung wilder Bienennester verdient, aus ihren Waben Honig gewinnt und nebenbei als Farmer und als Wunderheiler arbeitet. Durch einen Motorradunfall ist der Rasta einbeinig. Dafür kann er Kokosnüsse per Handkantenschlag öffnen und entpuppt sich als leidenschaftlicher Liebhaber. Nach siebenundsiebzig Seiten werden er und die Österreicherin „Lisuscha“ ein Paar.

Es ist allerdings nicht einfach für die beiden mit ihren so unterschiedlichen Mentalitäten. Auch die Menschen um sie herum bewerten die Beziehung kritisch, und die in Europa lebenden Kinder äußern generell Unverständnis über den Lebensweg der Mutter. Bald trennen sich beide – nicht zuletzt, da Kwando seine Aggressionen nicht unter Kontrolle halten kann. Es wird eine ganze Weile dauern, bis die Liebe siegt und Kwando und Lisuscha wieder zueinander finden.

Karamat beschreibt ausführlich, mit offenen und ungeschminkten Worten, ihr Leben auf St. Kitts, das sich vollkommen von ihrer Zeit im diplomatischen Dienst unterscheidet. Vielleicht hätte man Szenen aus beiden Leben im Verlauf des Buches einander gegenüberstellen sollen, um diesen Kontrast deutlicher herauszustellen, oder den Leser hin und wieder mit einer Rückblende in die Welt der Diplomatie nehmen können, um die Motive für die radikale Entscheidung der Autorin verständlicher zu machen.

Der Alltag auf dem Eiland wird zu einem nicht geringen Teil von Obeah beeinflusst, der regionalen Parallele zu Voodoo und Santería, an die viele Kittitians glauben. Geister, Dämonen und Hexerei sind ständig präsent im Denken und Handeln der Einheimischen. Ein Paradies, so erfährt der Leser von „Honigmann“, ist St. Kitts beileibe nicht, denn die Insel leidet unter den allzu bekannten Problemen in der Karibik: unter Arbeitslosigkeit, Armut und Jugendkriminalität, unter Alkohol, Drogen und Gewalt.

Dabei ließe sich manch ein Problem im Grunde landestypisch lösen. Etwa die Affenplage, unter der die Plantagenbesitzer leiden. Das klassische Konzept: Man kocht einen Affeneintopf. Doch da winkt der Premierminister des kleinen Staates ab. Heutzutage sei das nicht mehr möglich, die „Nachbarn im Norden“ wären ungehalten, erführen sie von einem derartigen Verstoß gegen die Tierschutzregeln. Tempora mutantur.


Elisabeth Karamat: Honigmann. 240 Seiten. edition a Verlag, Wien 2011. 19,95 Euro.


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