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Kino - Michael Hermann
Proll-Charme versus Boheme-Bourgeoisie
Die französische Komödie „Mein liebster Alptraum“ zieht ihren Witz aus dem Zusammenprall zweier Welten. Ihre Stars um Isabelle Huppert halten das Interesse an der Geschichte trotz einiger Schwächen und Längen aufrecht.
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Haben sich nicht mehr sehr viel zu sagen: Agathe (Isabelle Huppert) und François (André Dussolier). (Bild: Concorde Filmverleih)
Ein Gespräch über Bäume: Julie (Virginie Efira) und François (André Dussolier). (Bild: Concorde Filmverleih)
Die Matchansetzung lautet also Galeristin gegen Gelegenheitsarbeiter, und wie es den Konventionen des Genres entspricht, fangen die Gegensätze nach einer Weile ausgiebiger Kabbelei an, sich anzuziehen. Und natürlich landet der lebenslustige, auf Alkohol, Zigaretten und vollschlanken Frauen mit großen Brüsten stehende Patrick irgendwann mit dem zierlichen laufenden Meter Agathe im Bett. Gleichzeitig bricht auch François aus der längst erstarrten Beziehung mit Agathe aus und bandelt mit der naturverbundenen, deutlich jüngeren Baumkletterin Julie (Virginie Efira) an. Ihr Anbahnungsgespräch findet auf einer anderen sprachlichen Ebene statt – in Form eines double talk mit Bäumen als Phallussymbolen – und markiert den Kontrast zur direkten, unverblümten Art von Patrick.
La Huppert als Eisberg und „Beißzange“
Auf diese Weise gelingt es Regisseurin und Drehbuch-Koautorin Anne Fontaine zunächst, aus dem komischen Potenzial der Konstellation und ihrer drei Stars Huppert, Poelvoorde (zuletzt in Die Anonymen Romantiker und Nichts zu verzollen) und Dussolier (unter anderem in Micmacs – Uns gehört Paris!, Tanguy – der Nesthocker) Kapital zu schlagen. Huppert spielt hier einmal mehr eine ihrer typischen Rollen als emotionaler Eisberg mit gefrorenen Gesichtszügen (oder toughe „Beißzange“, wie Patrick sie nennt). Als Agathe sich dann endlich locker gemacht hat, dauert es nicht lange, bis Patrick zu der leicht erschrockenen Erkenntnis gelangt: „Ein bisschen verklemmt warst du mir fast lieber.“
In Entwicklung und Motivation des Personals liegen denn auch die Probleme von Mein liebster Alptraum. Die Wandlungen, die einige Figuren im weiteren Verlauf der Handlung durchlaufen (inklusive Rollen rückwärts), erscheinen wenig stimmig und motiviert. Doch selbst im Komödiengenre besteht eine gewisse Erwartungshaltung an die Glaubwürdigkeit von Charakteren, und wenn sie aus ihrer Rolle zu fallen scheinen, möchte man dies schon nachvollziehen können.
Zunächst verführt Patrick Agathe zu Alkohol und Zigaretten, einige Zeit später beschließt er, das Trinken und Rauchen einzustellen und verantwortungsbewusster zu leben. Mit Sohn Tony, an dessen Wohlergehen ihm zunächst so viel lag, kann sein plötzlicher Sinneswandel nicht viel zu tun haben, denn der gerät im Laufe des Films mehr und mehr aus dem Blickfeld. Es scheint fast so, als ob die Regisseurin in der zweiten Hälfte des Films zurücknehmen beziehungsweise geraderücken wollte, was zu Beginn noch als Ausdruck von Lebenslust und proletarischem Witz verstanden werden konnte.
Gute Darsteller, schwächelndes Drehbuch
So irren die Figuren in der letzten halben Stunde recht orientierungslos durch die Gegend und schlingert der Film auf sein Ende zu. Für das Anne Fontaine immerhin noch ein passendes Schlussbild gefunden hat: ein, wie dem Abspann zu entnehmen ist, vom Künstler selbst verunstaltetes Kunstwerk. Passend deshalb, weil die Art der Verunstaltung sich unter der Gürtellinie bewegt, also dort, wo auch (zu) viele Szenen und Dialoge angesiedelt sind.
Mein liebster Alptraum ist nicht so übermütig-überdreht wie klassische Screwball Comedies, nicht so elegant wie die Komödien Truffauts, nicht so sophisticated und satirisch wie die gemeinsamen Werke von Agnès Jaoui und Jean-Pierre Bacri. Dass er unter dem Strich trotzdem nicht durchfällt, verdankt der Film in erster Linie seinen drei gut aufgelegten Hauptdarstellern.
Mein liebster Alptraum - Regie: Anne Fontaine, mit: Isabelle Huppert, Benoît Poelvoorde, André Dussollier u. a., Frankreich 2011, 100 Min., FSK 12, Kinostart: 19. Januar 2012.
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