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Literatur - Jürgen Hermann

Präsident aller Deutschen

Richard von Weizsäcker wirkte fast schon wie die Idealbesetzung als deutsches Staatsoberhaupt. Gunter Hofmann widmet ihm eine porträtierende Biografie.


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Man möchte meinen, dass dieser Politiker wie kaum ein Zweiter für das Amt des Bundespräsidenten prädestiniert, es ihm „gleichsam auf den Leib geschneidert war“: die adelige Herkunft, das seriöse Auftreten, seine Glaubwürdigkeit und sein Renommee. Heute gehört Richard von Weizsäcker ebenso wie Helmut Schmidt zum „politischen Inventar“ unserer Republik, er ist die moralische Instanz, und sein hohes, über die Parteigrenzen hinweg bestehendes Ansehen wurde vor kurzem, an seinem 90. Geburtstags, wieder deutlich.

Gunter Hofmann, Journalist und langjähriger Chefkorrespondent der „Zeit“, hat seine Biografie über Weizsäcker erkennbar aus einer Grundhaltung des Respekts, wenn nicht sogar der Bewunderung geschrieben und sich entschlossen, das Buch nur bedingt entlang einer strengen Chronologisierung anzulegen. Vielmehr zeichnet er in längeren Kapiteln einzelne Lebensphasen nach, bettet sie in den Gesamtzusammenhang ein und fügt porträtierende Elemente hinzu. Ein Schreibstil, den der Leser zu schätzen lernt, wenngleich ein betont kritisch-investigativer Ansatz bei Hofmann nicht erkennbar ist.

Die Vita ist bekannt. Geboren wird Richard von Weizsäcker 1920 im Stuttgarter Neuen Schloss als Enkel des vorletzten Ministerpräsidenten des Königreichs Württemberg. Die Familie blickt auf eine Historie als Müller und Theologen, später als hohe Beamte, Professoren und Abgeordnete zurück, und Richards Bruder Carl Friedrich wird zu einem weltbekannten Physiker, Atomwissenschaftler und Friedensforscher. Der spätere Bundespräsident dient im Zweiten Weltkrieg als Offizier in der Wehrmacht, erlebt den Soldatentod des Bruders Heinrich und schließt eine lebenslange Freundschaft mit Axel von dem Bussche, der zu den aktiven Männern des Widerstands zählen und ein Selbstmordattentat auf Hitler planen wird.

Problematisch ist die Figur des Vaters Ernst von Weizsäcker, des Monarchisten, Marineoffiziers, Diplomaten, SS-Mitglieds und Staatssekretärs im Auswärtigen Amt zur Zeit des Nationalsozialismus. Der Sohn gehört, noch als Jurastudent, im „Wilhelmstraßenprozess“ nach Kriegsende zu den Verteidigern des Vaters, als die Alliierten Anklage wegen Kriegsverbrechen erheben. Richard von Weizsäcker wird für diese Verteidigung immer wieder Kritik erfahren, betont jedoch, dass sich sein Vater ab 1939 vom Regime innerlich distanzierte und später als Botschafter in den Vatikan versetzen ließ. Zu den Gegnern des Dritten Reiches wird man den NS-Politiker indes kaum zählen. Hofmann erkennt und unterstreicht die Bedeutung dieser Bezugsperson für das Leben Richard von Weizsäckers sowie den Einfluss der Kriegs- und Nachkriegsereignisse auf das spätere Handeln des Sohnes.

Der weitere Werdegang führt Richard von Weizsäcker – den Gedanken verwerfend, Diplomat oder Historiker zu werden – über Tätigkeiten in der Wirtschaft und als Kirchentagspräsident in den Bundestag und schließlich in das Amt des Regierenden Bürgermeisters von West-Berlin. Nur in den knapp drei Jahren im Rathaus Schöneberg, so sagt er später, habe er exekutive Machtbefugnisse gehabt; ansonsten sei er doch eher „ein Zeitungsleser“ gewesen. Als Bundestagsabgeordneter distanziert er sich mehr als einmal von der Fraktionsmehrheit, vor allem, da er sich mit seiner positiven Grundhaltung zur Ostpolitik von Willy Brandt nicht unterordnen mag. Überhaupt hebt er unermüdlich die Bedeutung Polens für Europa hervor.

1984 erfolgt die Wahl Richard von Weizsäckers zum Bundespräsidenten als Kandidat der Regierungskoalition und mit großer Stimmenmehrheit. Es wird eine politische Präsidentschaft sein, und Hofmann verweist darauf, dass es Weizsäcker in diesem Amt gelingt, „nicht im Schatten Helmut Kohls unterzugehen“. Am 8. Mai 1985 hält er vor dem Bundestag seine Rede zum 40. Jahrestag der Beendigung des Zweiten Weltkriegs – die Rede schlechthin, seine, wie er selbst betont, politischste und zugleich persönlichste Ansprache, in der er mit aller Klarheit formuliert: „Der 8. Mai [1945] war ein Tag der Befreiung. Er hat uns alle befreit von dem menschenverachtenden System der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft.“

Diese Rede prägt sein Ansehen im In- und Ausland für alle Zeiten und zeigt, mit welchem Format Weizsäcker sein Amt auszufüllen vermag. Für Gunter Hofmann wandert die geistig-moralische Führung in dieser Zeit „tendenziell“ vom Kanzleramt in die Villa Hammerschmidt ab. Das Verhältnis des Bundespräsidenten zu Helmut Kohl, schon damals kühl, wird in der Folgezeit erkalten, obwohl beide Politiker durch den Mauerfall zu den höchsten Repräsentanten des wiedervereinigten Deutschlands werden. Zu unterschiedlich sind wohl die Charaktere und das Verständnis über die jeweilige Amtsführung. Im Grunde, so Hofmann, sei Weizsäcker stets überparteilich geblieben, seinem Naturell komme dies ohnehin entgegen.

Der Autor legt ein lesenswertes Buch vor, das auch die achtziger Jahre in Erinnerung ruft als „ein einzigartiges Jahrzehnt, das zwischen Verschärfung des Kalten Krieges und Gorbatschows Perestroika, zwischen Aufrüstungsrunden und Friedensbewegung, Entspannungspolitik und Drohgebärden bis zum Finale von 1989 oszillierte“.

Die Lektüre stören indes Ungenauigkeiten und mangelnde Sorgfalt im Detail. Von „Francois Mitterand“ mag man nicht lesen, auch nicht von „Constantin von Neurath“ oder von „Nikita Chruschtow“. Nicht vom „Fürstentum Hohelohe“ oder von Atomprotesten in „Whyl“, nicht vom „8. Mai 1845“, wenn erkennbar auf das Ende des Zweiten Weltkriegs Bezug genommen wird. Rudolf Heß starb nicht „wenige Wochen“ nach dem Dezember 1985, sondern 20 Monate später; Hans-Dietrich Genscher mahnte am 1. Februar 1987 in Davos, die Reformpolitik Michail Gorbatschows müsse ernst genommen werden, und nicht „im Januar 1997“; Willy Brandts Tod lag, bezogen auf 1994, zwei und nicht drei Jahre zurück. All dies sollte nicht sein, ist aber für spätere Auflagen behebbar.

Gunter Hofmann: Richard von Weizsäcker. Ein deutsches Leben. 295 Seiten mit 24 Abbildungen. Verlag C.H.Beck, München 2010. 19,95 Euro.


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