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Kino - Michael Hermann
Paradise Lost
In Woody Allens Zeitreise-Komödie „Midnight in Paris“ taucht ein von Owen Wilson gespielter typischer Allen-Held ins Paris der Zwanzigerjahre ein.
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Für Woody Allen steht seit Mitte der Neunzigerjahre eine ganze Reihe von ziemlich schwachen Filmen zu Buche. Seitdem er dazu übergegangen ist, sich selbst als Darsteller zurückzunehmen und jüngeren Stellvertretern die typischen Allen-Rollen zu überlassen, scheint die Formkurve wieder nach oben zu zeigen. Midnight in Paris bestätigt diesen Trend, ohne allerdings an den Witz früherer komödiantischer Großtaten anknüpfen zu können.
Zu den Referenzpunkten, an denen der Film andockt, zählen etwa Zelig (1983) und mehr noch The Purple Rose of Cairo (1985), beides Komödien mit Fantasy-Prämissen: Während Leonard Zelig wie ein Chamäleon sein äußerliches Erscheinungsbild und seine mentale Verfassung der jeweiligen Umgebung anpasst, steigt in Purple Rose of Cairo die Hauptfigur eines Films aus der Leinwand in den Kinosaal und versucht sich im „richtigen Leben“.
Diese Ausgangsideen hatte Allen seinerzeit wahrlich meisterhaft ausgearbeitet und umgesetzt. (Nebenbei bemerkt, sollte man allerdings Filme, die einen in einem bestimmten Alter besonders ge- oder missfallen haben, zwecks Überprüfung des eigenen Urteils ungefähr alle zehn Jahre noch einmal schauen. Dabei kann man hin und wieder sein blaues Wunder erleben.)
„Roaring Twenties“ in Paris
Alle Vergleiche beiseite geschoben, ist Midnight in Paris im Großen und Ganzen ein passabler Film geworden, sieht man von den ersten fünf Minuten ab, in denen zu einem Zwanzigerjahre-Musikstück mit immer aufdringlicher klingenden Blasinstrumenten postkartenartige Impressionen von Paris aneinander gereiht werden. Immerhin macht der bislang eher aus derberen Comedy-Streifen bekannte Owen Wilson seine Sache als Allen-Stellvertreter ganz ordentlich.
Er spielt den Drehbuchautor und Schriftsteller Gil Pender, der sich mit seiner Verlobten Inez und deren Eltern in Paris aufhält. Während der potenzielle Schwiegervater (ein überzeugter US-Amerikaner und Republikaner-Wähler, wie er im Klischeebuch steht) aus geschäftlichen Gründen in Paris weilt, sucht Gil Kultur und Inspiration für seinen ersten Roman. Er schwärmt für das Paris der Zwanzigerjahre mit seinen Künstlern und Literaten, unter denen sich viele US-Emigranten der berühmten „Lost Generation“ tummelten.
Und die wird Gil nun auch alle treffen, denn Punkt Mitternacht geht’s in den Zeittunnel zurück in die Roaring Twenties: Als er eines Abends alleine durch die Stadt spaziert, hält ein „Oldtimer“ [in Ermangelung einer passenderen Bezeichnung], dessen Insassen ihn zu sich winken und mitnehmen. So lernt Gil F. Scott Fitzgerald und seine Frau Zelda kennen, das Traumpaar der damaligen literarischen Society, hört und sieht in Nachtclubs Cole Porter singen und Klavier spielen und Josephine Baker tanzen. Auch mit Picasso, Buñuel und Man Ray macht er Bekanntschaft. Ernest Hemingway wird zu seinem literarischen Ansprechpartner und stellt ihn Gertrude Stein (Kathy Bates) vor, die zusagt, sein Romanmanuskript zu lesen.
„Belle Époque“ noch schöner?
So gehen die Nächte herum – und morgens ist Gil wieder in der Jetztzeit, wo er sich unter anderem mit dem unaufdringlich aufdringlichen Kultur-Besserwisser Paul (Michael Sheen) herumplagen muss, einem Freund seiner Verlobten aus Studientagen. Da sich zudem Inez’ Anteilnahme an Gils literarischen Interessen und seiner Paris-Begeisterung in überschaubaren Grenzen hält, dauert es nicht lange, bis er am liebsten für immer in die Zwanziger zurück möchte, zumal er dort die zwar nicht berühmte, aber dafür charmante Adriana (Marion Cotillard) kennenlernt. Die allerdings schwärmt von der Belle Époque der 1890er Jahre – und wird sie zusammen mit Gil in einer weiteren Zeitreise-Runde auch noch „live“ erleben, Toulouse-Lautrec & Co. inklusive.
Die Zeitreise-Szenen hat Allen mit leichter Hand inszeniert, man kauft ihm das Märchen ab, das dem Film zugrunde liegt. Seine historischen Figuren hatten eben in ihren realen Leben die eine oder andere erinnerungswürdige Sentenz und/oder inzwischen kanonisierte Meisterwerke hinterlassen. Man muss sie nicht erst umständlich erklären oder einführen; sie sind per se interessant.
Kriegsteilnehmer und Frauenheld Hemingway erklärt Gil, wie das, was man in Frankreich „la petite mort“ nennt, die Todesangst überwinden und – allen bereits erlebten Kriegsgräueln zum Trotz – neuen Mut auf dem Schlachtfeld zu finden hilft. Wenn er zu viel getrunken hat, fordert er gerne zu einer Prügelei auf, dass er sich obendrein für den besten Schriftsteller der Welt hält, ist eh klar. Und natürlich erkennt der alte Macho eine Ungereimtheit in Gils dem „wirklichen Leben“ seines Autors nachempfundenen Roman, welche mit der Art des Verhältnisses zwischen zwei Figuren zu tun hat, die auf Inez und Paul basieren.
Romantic Comedy trifft Bildungsroman
Mancher Witz ist absehbar. Man ahnt, was kommt, wenn Gil mit den Surrealisten Salvador Dalí (Cameo-Auftritt Adrien Brody), Luis Buñuel und Man Ray zusammensitzt und ihnen erzählt, dass er ein Zeitreisender aus dem Jahr 2010 sei: Das finden die drei natürlich vollkommen normal. Und es wird auch bald klar, worauf die Geschichte hinauslaufen und welche Erkenntnis ihre Hauptfigur letztlich aus den Zeitreisen mitnehmen wird.
Gils Sehnsucht gilt ebenso wie Adrianas einer untergegangenen Epoche, deren Glanz in literarischen und künstlerischen Zeugnissen konserviert, aber nicht wiederzubeleben oder nachzubilden ist. Vereinbar sind ihre Sehnsüchte nicht – eher schon die von Gil und einer jungen Antiquitätenhändlerin, die er im Paris der Jetztzeit kennenlernt. So hat die Entwicklung der Hauptfigur etwas von einem auf wenige Tage reduzierten (und gleichzeitig rund 120 Jahre umfassenden) Bildungsroman, aus dem der Held als ein anderer, klügerer Mensch hervorgeht.
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