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Kino - Michael Hermann

Out of the Past

David Finchers Verfilmung von Stieg Larssons Welt-Bestseller „Verblendung“ bietet auch dem Kenner der Romanvorlage spannende Unterhaltung, kann deren düstere Abgründe allerdings nur ansatzweise ausloten.


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Reporter Mikael Blomkvist (Daniel Craig) muss sich selbst unangenehmen Fragen stellen. (Bild: © 2011 Sony Pictures Releasing GmbH)

Henrik Vanger (Christopher Plummer) engagiert Mikael Blomkvist (Daniel Craig), um ein 40 Jahre altes Rätsel zu lösen. (Bild: © 2011 Sony Pictures Releasing GmbH)

Lisbeth Salander (Rooney Mara) im Einsatz. (Bild: © 2011 Sony Pictures Releasing GmbH)

Lisbeth Salander (Rooney Mara) zeigt dem sadistischen Anwalt Nils Bjurman (Yorick van Wageningen) die Grenzen auf. (Bild: © 2011 Sony Pictures Releasing GmbH)

Akribische Ermittlungsarbeit: Lisbeth Salander (Rooney Mara) und Mikael Blomkvist (Daniel Craig). (Bild: © 2011 Sony Pictures Releasing GmbH)

Lisbeth Salander (Rooney Mara) kommt dem Geheimnis auf die Spur. (Bild: © 2011 Sony Pictures Releasing GmbH)

Lisbeth (Rooney Mara) muss Mikael (Daniel Craig) wieder zusammenflicken. (Bild: © 2011 Sony Pictures Releasing GmbH)

Die angemessene Form für einen fast 700 Taschenbuchseiten starken Thriller wie Stieg Larssons Verblendung mit seinen zahlreichen Charakteren und Handlungssträngen bleibt der Fernseh-Mehrteiler oder die Serie. Ein auf zweieinhalb Stunden verdichteter Kinofilm muss sich notgedrungen auf den Hauptstrang und die dazugehörigen Figuren konzentrieren. Das gelingt David Finchers Drehbuchautor Steve Zaillian (Oscar für das Skript zu Schindlers Liste) im Großen und Ganzen gut, auch wenn er mitunter ziemlich atemlos durch den Plot hetzt. Wer den Roman nicht kennt, dürfte so an zwei, drei Stellen Schwierigkeiten haben, The Girl With the Dragon Tattoo (Originaltitel) zu folgen.

Macht aber nichts. Die Geschichte um den Stockholmer Journalisten Mikael Blomkvist (Daniel Craig), der zusammen mit der Computerhackerin Lisbeth Salander (Rooney Mara) ein vierzig Jahre altes Rätsel um eine verschwundene Frau löst und damit dazu beiträgt, einen immer noch aktiven Serienmörder unschädlich zu machen, entfaltet auch auf der Leinwand schnell ihre Sogwirkung.


Das Goth-Model und der Schnüffler

Craig gibt seiner Figur des Enthüllungsjournalisten, der nach einem verlorenen Prozess gegen einen zwielichtigen Industriemagnaten seine berufliche Ehre wiederherstellen muss, eine deutlich entschlossenere Note als Mikael Nyqvist in der 2009 in die Kinos gekommenen Fassung von Verblendung (Män som hatar kvinnor), in der Blomkvist seltsam passiv und blass wirkt – was allerdings auch damit zu tun hat, dass es sich hierbei um die gekürzte Version eines 180-minütigen, fürs Fernsehen produzierten Zweiteilers handelte.

Christopher Plummer als alter Familienpatriarch Henrik Vanger, der endlich herausfinden will, was vier Jahrzehnte zuvor mit seiner Nichte Harriet geschah, und Stellan Skarsgård als Harriets Bruder Martin liefern ebenso kraftvolle wie subtile Vorstellungen ab. Angesichts des recht umfangreichen Vanger-Clans wäre für den Zuschauer gelegentlich ein Personenverzeichnis wie in russischen Romanen des 19. Jahrhunderts hilfreich.

Eigentliche Hauptfigur bleibt indes Lisbeth Salander, die Privatermittlerin mit dem fotografischen Gedächtnis und der Lizenz zum Hacken. Die Hintergründe zu Lisbeths eigenwilliger Persönlichkeit, ihre traumatische Kindheit und Jugend, bleiben weitgehend ausgespart. Nichtsdestotrotz bildet ihre verstörende Präsenz das Zentrum des Films, und Rooney Maras Leistung hält Schritt mit Noomi Rapaces zu Recht viel gelobter Darstellung in der 2009er-Version. Streckenweise scheint sie gar näher dran zu sein an der verschlossenen, abweisenden Roman-Lisbeth als ihre schwedische Kollegin.


Kein Spannungsabfall

Obwohl die zahlreichen finsteren Abgründe nur ansatzweise ausgelotet werden, kommt angesichts des vollgepackten Plots keine Langeweile auf. Dafür ist Fincher ein zu routinierter Thriller-Regisseur (Panic Room, Fight Club, The Game, Seven). Er weiß, wie man bedrohliche Atmosphäre kreiert und eine Grundspannung aufbaut, die anhält. Und er weiß, dass man brutale Gewaltszenen gut dosiert verteilt und sie am wirkungsvollsten in einer Mischung aus Zeigen, Andeuten und Auslassen inszeniert. Das alles ist in angemessen düsteren, teils metallisch kalten Farben gehalten, die von den gleichfalls metallisch-düsteren Klangfarben des vorwiegend elektronischen score von Trent Reznor (Nine Inch Nails) und Atticus Ross unterstützt werden.

So ist Fincher ein effektvoller Spannungsfilm gelungen, der kein Remake der 2009er-Version liefert, sondern auf einer eigenständigen Adaption des Romans beruht, mit allen unvermeidlichen Abänderungen und Auslassungen. The Girl With the Dragon Tattoo sieht aus wie ein Hollywood-Thriller, Män som hatar kvinnor wie ein ZDF-Schwedenkrimi (und das ist keineswegs abwertend gemeint). Beide können vor dem Auge des Betrachters bestehen – an das Lektüre-Erlebnis reicht freilich weder die eine noch die andere Verfilmung heran.

Und trotzdem wird man sich als von den Büchern angefixter Salander/Blomkvist-Fan natürlich anschauen, was Fincher (oder seinem Nachfolger auf dem Regiestuhl) für die fest geplanten Verfilmungen der Teile zwei und drei von Stieg Larssons Millenium-Trilogie, Verdammnis und Vergebung, so alles einfällt.

Verblendung - Regie: David Fincher, mit: Daniel Craig, Rooney Mara, Christopher Plummer u. a., USA, Großbritanien, Schweden, Deutschland, 2011, 158 Min., FSK ab 16 Jahren, Kinostart: 12. Januar 2012.


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