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Musik - Michael Hermann
One hell of a groove
Das Doppelalbum "Kraan Live" gehört zu den "amtlichen" Scheiben hiesiger Rock- und Popmusik. Im Kölner Yard club demonstrierte die wiedervereinigte Band 35 Jahre danach ungebrochene Spielfreude auf höchstem Niveau.
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Es müsste eigentlich eine neurobiologische Erklärung dafür geben, warum ein elektrischer Bass solch unwiderstehliche Schwingungen aussenden und unmittelbar auf den Bewegungsapparat eines Zuhörers einwirken kann. Allerdings sind Erklärungen vollkommen überflüssig, wenn das Instrument von Helmut Hattler gespielt wird. Der Großmeister des E-Basses erzeugte schon in den 1970ern, als die meisten Rock- und Popbassisten kaum mehr als ein dumpfes Wummern zum Klangbild ihrer Gruppen beitrugen (Ausnahmen wie John Entwistle von The Who bestätigten die Regel), mit seinem virtuosen Plektrum-Spiel einen unglaublich druckvollen, hellen und funky klingenden Bass-Sound, lange bevor das Slappen mit dem Daumen in den 80er und 90er Jahren seuchenähnliche Ausmaße annahm.
Kraans Musik war schon damals aus der Zeit gefallen. Ihre ganz spezielle Mischung aus Rock, Jazz, Funk und Pop mit vereinzelten orientalischen Spurenelementen haben die Kraaner früher gerne als „Wintrup-Musik“ bezeichnet, benannt nach dem Landgut im Teutoburger Wald, auf dem die Band einige Jahre lebte und arbeitete. Beschreiben wir die Wintrup-Musik zum besseren Verständnis als eine Art von Groove-Musik, dann kommen wir der Sache schon näher: Eingängige bis komplexe Riffs beziehungsweise Patterns von Helmut Hattlers Bass bilden meist die melodische und rhythmische Grundlage der Stücke, werden im Verein mit Peter Wolbrandts Gitarre und Jan Fride Wolbrandts Schlagzeug wiederholt, variiert, gerne auch einmal perkussiv verdichtet und als Grundlage für Solo-Exkusionen und Live-Improvisationen genutzt, oder auch nach Breaks in ganz andere Richtungen vorangetrieben. Gelegentlich setzen sie noch ein paar Nonsens-Texte (wie in Hallo ja ja, I don't know) auf ihren eindeutig von den Instrumenten dominierten Kraan-Klang drauf.
Höhepunkt der ersten Kraan-Phase war sicher ihr 1975 erschienenes Live-Doppelalbum, von dem der Rezensent ganz stolz ein Vinyl-Exemplar sein eigen nennt. Kraan Live ist ein auch heute noch beeindruckendes Zeugnis des ungeheuren Potenzials und der enormen Spielfreude der Band. Was lag also näher, als nun die Gelegenheit im Kölner Yard club zu nutzen und zu überprüfen, ob das auch 35 Jahre später noch gilt?
It's electric
Und wie es gilt! Zwar entschleunigten Kraan nach uptempo-Start mit dem alten Hit Andy Nogger einen Tick, um ruhigeren, getrageneren Stücken aus der jüngsten Schaffensphase wie Club 20 und Silver Buildings Raum zu geben. Dramaturgisch geschickt streuten sie dabei mit Jerk of Life sowie einem ausgedehnten Holiday am Marterhorn weitere Klassiker aus ihrem Repertoire ein, die die Spannung hoch hielten. Doch spätestens als Helmut Hattlers E-Bass ungefähr nach einem Drittel des Sets volle Fahrt aufzunehmen begann, war jene Groove-Stimmung im Publikum zu verspüren, die man in Ermangelung eines besseren Wortes als des abgenutzten Vergleichs mit der Stromquelle des Bassklangs eben nur als „elektrisiert“ bezeichnen kann.
Da gaben sie – im Anschluss an einen kurzen, schnellen, aber freundschaftlichen Gitarre-Bass-Contest ohne Schlagzeugbegleitung – eines der Paradebeispiele für den Kraan-Groove zum Besten, das furiose Vollgas Ahoi (Einen 2009 mitgeschnittenen Live-Clip dieses Stücks finden Sie hier). Der Titel stammt aus dem Jahr 1977 und mithin aus einer Zeit, als vom Ende der fossilen Brennstoffe nur die wenigsten eine Vorstellung hatten und Fahr'n Fahr'n Fahr'n auf der Autobahn noch als Spaß galt. Es wäre nun aber auch zu viel verlangt, anno 2010 die Benamsung an die veränderten Zeitläufte anzupassen. „Hybridantrieb Ahoi“ klänge nicht wirklich prickelnd.
Das sind Überlegungen, die das ziemlich enthusiasmierte Publikum im Yard club kaum interessiert haben dürften. Wohlgemerkt ein Publikum, dessen größerer Teil die Fünfzig doch schon hinter sich gelassen, aber noch keineswegs mit rhythmischem Zucken, Klatschen und Hüpfen abgeschlossen hat. Vielleicht gibt’s ja irgendwann einmal, wenn die FDP-Herrschaft im Bundesgesundheitsministerium zu Ende ist, bei altersbedingten Bewegungsleiden E-Bass auf Krankenschein.
Spielfreude und Virtuosität
Um nicht das Hohelied Hattlers endlos weiterzusingen, hier nun die längst fällige ultimative Lobhudelei auf die Wolbrandts: Ganz und gar unangestrengt und flüssig klingt und gelingt Peter auf der Gitarre der Wechsel zwischen filigranen Einzelnoten-Läufen und flächigen Akkord-Kaskaden, im Klang meist verhallt und nur leicht angezerrt, bei Bedarf aber auch sehr funky, stakkato, kurz und trocken, während Bruder Jan Fride am Schlagzeug das Ganze zusammen (und am Kochen) hält. Und ein Meister seines Fachs wie Peter Wolbrandt bringt sein Werk auch auf fünf Saiten noch sicher und elegant zu Ende, wenn, wie im Yard club geschehen, ausgerechnet im letzten Stück des regulären Sets die e-Saite reißt.
Eine Schlagzeugbatterie, ein Bass und eine Gitarre nebst ein paar Verstärkern und Effektgeräten reichen eben immer noch vollkommen aus, wenn Spielfähigkeit und Spiellust sich auf höchstem Niveau treffen. Das gilt vielen im Zeitalter von DJs, Remixen und Laptops natürlich als völliger Anachronismus. Der aber großen Spaß gemacht hat und nach insgesamt zwei Stunden Kraan-Musik keine Wünsche offen ließ.
Entspannter Erzähler
In einem Punkt allerdings sollten Kraan dem Wandel der Zeiten schon etwas stärker Rechnung tragen: Auf den Werbeplakaten für die laufende Tour schauen die drei dermaßen griesgrämig drein beziehungsweise weg, als ob sie nicht die geringste Lust aufs Musizieren vor Publikum hätten. In den Siebzigern und Achtzigern hätten Fans solche Gesichtsausdrücke wohl einfach als Ausweis coolen Muckertums goutiert, heute kann man sich da nicht mehr so sicher sein. Da möchte man ihrem Fotografen doch empfehlen, sie beim nächsten Mal mit etwas einladenderen Blicken abzulichten.
Denn tatsächlich wirken die drei auf der Bühne alles andere als lustlos. Im Gegenteil, Helmut Hattler ist ein lässiger, entspannter und aufgeräumter Bühnenerzähler und -entertainer. Er traf im schmucken kleinen Kölner Yard club freilich auch auf ein gut gelauntes und jederzeit mitgehendes Publikum. Das, wie Hattler erfreut feststellte, nicht nur aus "alten Säcken" bestehe, sondern durchaus die eine oder andere Zufuhr "frischen Bluts" erfahren habe.
Da steht ein Musiker natürlich auch in der Fürsorgepflicht. Nachdem Kraan als Zugabe – wieder mit sechssaitiger Gitarre – schon eine schöne, ziemlich lange Version ihres populärsten Stücks Nam Nam gespielt hatten und die Zuhörer mit rhythmischen Klatschen ihrem Wunsch nach noch „mehr“ Ausdruck gaben, nahm Hattler die Vorlage auf und forderte nun seinerseits das Publikum auf, doch bitte zum Klatschen das Nam Nam-Riff mit zu „singen“ bzw. zu artikulieren, um auf dieser Basis noch eine weitere Runde mit Peter und Jan Fride Wolbrandt zu improvisieren – und sozusagen einen „Remix“ in Handarbeit anzufertigen. Allerdings nicht, ohne vorher angesichts der vorgerückten Stunde gefragt zu haben, wie es denn mit der „Vollbeschäftigung“ unter den Konzertbesuchern so aussähe.
Nun, sowohl die Band als auch das Publikum hatten Zeit, also jammte man „hippiemäßig“ (Hattler) noch eine weitere Viertelstunde zusammen. In gewisser Weise ein Rücksturz in eine Epoche, die man selbst aktiv als Konzertbesucher nicht erlebt hat und nur von Schallplatte und aus Erzählungen kennt, eine Zeit, in der Konzerte auch schon mal zu Musik-“Happenings“ wurden ... anno 2010 gehört es jedoch zur Lebenswirklichkeit und (Voll-)Beschäftigung professioneller Musikmacher, nach dem Ende von Konzerten höchstpersönlich ihre CDs zu verkaufen. Da machen auch Kraan keine Ausnahme. Ansonsten aber bleiben sie eine der großen Ausnahmeerscheinungen im Lande.
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