Logo Kultur-in-Bonn.de
Anzeige
Literatur - Jürgen Hermann

Nach dem Dschungel

Mit zwei Büchern über ihre Kindheit in West-Papua und die Lage der dortigen indigenen Bevölkerung hatte „Dschungelkind“ Sabine Kuegler großen Erfolg. Nun beschreibt sie sich als „Jägerin und Gejagte“.


Anzeige



Kuegler_Jaegerin-cover.jpg
Die Autorin sorgte 2006 mit „Dschungelkind“ für internationales Aufsehen. Darin berichtete Kuegler über ihre Kindheit und Jugend in West-Papua im Stamm der Fayu in einer von der Zivilisation fast unberührten Umgebung. In ihrem zweiten Buch „Ruf des Dschungels“ wurde Kuegler 2007 politischer: Sie schilderte die Repressalien der indonesischen Streit- und Sicherheitskräfte gegen die Ureinwohner, für deren Freiheitskampf sie große Sympathie zeigte, und bekam Probleme mit den Behörden in Jakarta.

Nun liegt Kueglers drittes und zugleich persönlichstes Buch vor. Am Ende von „Dschungelkind“ ahnte man bereits, dass ihr Wechsel nach Europa – die 17-Jährige kam an ein Schweizer Internat – schwierig gewesen sein muss. Dass sie aber solch nachhaltige Probleme mit der westlichen Kultur hatte und viele Jahre lang in ein Lebens- und Gefühlschaos versank, mithin lange ohne Halt in ihrem Leben blieb, erfährt man in den Details erst jetzt.

Zu Beginn des Buches greift Kuegler auf ihre Kindheit im Dschungel West-Papuas zurück. 1972 in Nepal geboren, lebte sie mit ihren Eltern und Geschwistern von 1980 bis 1989 bei den erst 1978 entdeckten Fayu. Die Eltern waren Sprachforscher und christliche Missionare.

Ihre Eindrücke aus „Dschungelkind“ ergänzt sie nun um die Schilderung, dass die Zeit bei den Fayu auch Phasen „quälender Langeweile“ während der Regenzeit umfasste und es sich keineswegs um ein Paradies handelte: „Das Leben war bestimmt von Tod und Vernichtung. Die Lebenserwartung war auf 35 Jahre gesunken, die Kindersterblichkeit auf 60 Prozent gestiegen.“ Es gab zwar eine geordnete soziale Struktur, vor allem aber den alltäglichen Überlebenskampf sowie nur allzu oft Krieg untereinander und mit anderen Stämmen.

Dann schildert die Autorin, „wie ich meine Seele verlor, wie mich eine grausige Kälte ergriff, … wie ich versuchte, meinen Durst nach schneller Anerkennung zu stillen, … wie ich anfing zu kämpfen und von der Gejagten zur Jägerin wurde“. Als Teenager wechselt sie an ein feines Schweizer Internat, erleidet einen massiven Kulturschock und muss erfahren, dass im Westen das Äußere sehr viel mehr zählt als im Dschungel. Sie gibt sich selbst – auf diese Zeit zurückblickend – den Reifegrad einer 11- bis 12-Jährigen, leidet unter der Kälte ihres neuen sozialen Umfelds und beschreibt alltägliche Eingewöhnungshürden. So lernt sie, dass man auf einem Schweizer Amt Probleme bekommt, steckt man dem Beamten, im Gegensatz zu seinem indonesischen Kollegen, wie selbstverständlich ein Bestechungsgeld zu.

Auf eine frühe, ungewollte Schwangerschaft folgen Jahre mit Freundschaften, Beziehungen und Hoffnungen, mit Trennungen und Enttäuschungen. Aus zwei gescheiterten Ehen gehen vier Kinder hervor, und ihr Lebensweg führt sie über Deutschland und die Schweiz nach Nepal und Japan. Wie bereits im Prolog des Buches angedeutet, bleiben Phasen der Lebensfreude in dieser Zeit der seltene Ausnahmefall.

Die junge Frau flüchtet sich in sexuelle Affären und versucht, „die Probleme der fremden Welt mit ,Dschungeltechniken’ zu lösen“. Jahrelang ringt sie vor Gericht um das Sorgerecht für ihre Kinder und kommt sogar vorübergehend wegen Suizidgefahr in die geschlossene Psychiatrie. Kuegler schildert ihren Kampf gegen böswillige Intrigen und gegen die juristische Anklage der Entführung ihrer leiblichen Kinder. Auch Selbstmitleid mischt sich in ihr Denken. „Was war bloß mit mir, mit diesem glücklichen Kind aus dem Urwald, passiert“, wird sie sich fragen. Als sie für kurze Zeit nach West-Papua zurückkehrt, „musste ich traurig feststellen, dass ich meinen Platz im Urwald verloren hatte“.

Erst als sie sich in Deutschland niederlässt und ihr Vorhaben umsetzt, ein Buch über ihre Kindheit bei den Fayu zu schreiben, kommt Ordnung in Sabine Kueglers Leben. Als ihr erster Bestseller geschrieben ist, wird ihr klar, „dass meine Wurzeln tief im Urwald liegen und dass ich, bei aller Gewöhnung an die westliche Welt, trotz aller Versuche, mich zu integrieren, tief im Innern ein Dschungelkind geblieben bin“.

Das nun vorliegende dritte Buch der Autorin macht betroffen und wirft ein Licht auf die als „Third Culture Kids“ bezeichneten Kinder und Heranwachsenden, die entwurzelt und zwischen unterschiedlichen Kulturen zerrissen sind. Auch wenn Kuegler ihren Eltern in keiner Weise einen Vorwurf macht, so wird doch klar, welche Bürde vielen Kindern zugemutet wird, wenn sie in einen vollkommen anderen Kulturkreis wechseln müssen. Es scheint indes, als habe die jetzt 37-jährige Autorin – heute mit zwei ihrer Kinder in einem bürgerlichen Umfeld lebend – beruflich Fuß gefasst und Ordnung in ihr Leben gebracht. Man möchte es ihr wünschen.

Sabine Kuegler: Jägerin und Gejagte. 268 Seiten, Droemer Verlag, München 2009, 19,95 Euro.


Dieses Buch bei Libri.de kaufen
Dieses Buch bei Amazon.de kaufen


Diesen Artikel bookmarken:  
twitter.com  facebook.com  Mister Wong  LinkaARENA  StudiVZ.de  MySpace.com  Technorati  oneview  del.icio.us  google.com  YahooMyWeb  live.com  digg.com  MyLink.de  Webnews  YiggIt  Folkd  stumbleupon.com  Reddit  

Artikel per eMail weiterempfehlen
Anzeige

Tagestipps Donnerstag, 09.02.12

Alle Termine einer Veranstaltungsreihe:
Kalenderübersicht >>      Ticketshop >>
Anzeige

Nachrichten

Musik - 08.02.12
"bonn hoeren" ein Ort im "Land der Ideen"
Erwin_Stache_04.jpg
Die künstlerische Auseinandersetzung mit Klang im städtischen Alltag wird ausgezeichnet. Projekt der Stadtklangkünstler in Bonn.

Theater - 07.02.12
Offenes Werkstattgespräch zum Londoner Erdbeben
KIB_IMG_8618_241_22.jpg
Nach der letzten Aufführung des Stücks zur Klimadebatte am Freitag ist Chefdramaturgin Stephanie Gräve im Gespräch mit Johannes Sabel und Axel von Dobbeler.

Ausstellung, Sonstiges - 06.02.12
Karneval ins Museum
Viele Museen in der Bundesstadt haben auch an Karneval geöffnet. Eine Übersicht der Öffnungszeiten von Ausstellungshäusern und Bonner Bädern.

Musik, Sonstiges - 03.02.12
Orchestercampus ist eine der besten Ideen
Logo_mit_Wortmarke-kib_17.jpg
Das Projekt von Deutscher Welle und Beethovenfest Bonn gehört zu den Preisträgern im Wettbewerb „365 Orte im Land der Ideen“ 2011. Internationale Jugendorchester sind beispielhaft für Kulturaustausch und die Förderung hochtalentierter Musiker.

Anzeige

Magazin

Themen, Kritiken & Berichte
Kritik: Kino
Der Besessene
Wäre „positiv verrückt“ nicht eine durch inflationären Gebrauch im Sportsprech verbrannte Phrase, könnte man sie auf den Baseball-Manager und sportlichen Revolutionär anwenden, den Brad Pitt in „Moneyball – Die Kunst zu gewinnen“ spielt.

Kritik: Kino
Vampire Weekend
Kate Beckinsale geht als lacklederne Actionheldin in „Underworld: Awakening“ erneut auf Werwolfjagd. Eher etwas für Fans der Underworld-Streifen.

Thema: Sonstiges
Karneval auf der Straße
Bereits am 5. Februar beginnt der Bonner Straßenkarneval. Neuer Zugweg in Kessenich und Beuel. Eine Übersicht der Züge im Stadtgebiet.

Kritik: Literatur
Rückkehr nach 1Q84
Murakami-Buch3-cover-kib.jpg
Haruki Murakami entführt seine Leser noch einmal in die Parallelwelt 1Q84 und lässt die Hauptfiguren Aomame und Tengo zueinander finden.

Kritik: Kino
Zeit zum Innehalten
In Alexander Paynes Drama „Familie und andere Angelegenheiten (The Descendants)“ muss ein gegen sein Rollenklischee besetzter George Clooney familiäre Verantwortung übernehmen und wichtige Entscheidungen treffen.

Anzeige
Anzeige