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Kabarett, Musik - Michael Hermann

Musik und Quatsch

Helge Schneider ist nach wie vor ein großartiger Entertainer. Auch deshalb, weil er typische Entertainer-Manierismen so trefflich persiflieren kann, wie sein Auftritt in der Beethovenhalle zeigte.


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Dieser Mann ist derzeit mit Band auf Tournee. (Foto: meine Supermaus GmbH)

Trompeter mit Affe. (Foto: Till Oellerking)

„Eine Rose ist eine Rose ist eine Rose“ – das hat aber nicht Helge Schneider gesagt. (Foto: meine Supermaus GmbH)

Es ging schon Tage vorm Auftritt in der Bonner Beethovenhalle los. Das Katzeklo wurde aus den Untiefen des Rezensenten-Gedächtnisses heraus wieder aktiv und begann sich in alle Richtungen musikalisch zu verselbstständigen. Kein Wunder, das tun Helge Schneiders Lieder live ja auch.

Seine in ihrer Urversion häufig recht einfach strukturierten Stücke laden regelrecht zu rhythmischen und melodischen Expeditionen ins Unbekannte ein – was dem alten Jazzer und Improvisator Schneider sichtlich Spaß macht und seine Band jedes Mal in gespannte Aufmerksamkeit versetzt: Wann ist der Chef mit seiner ausschweifenden Text- und/oder Musikimprovisation fertig, wann kommt der nächste Einsatz? So funktionierte er etwa Texas zum Medley um und gönnte sich dabei ein paar schräge Ausflüge zu Klassikern wie Yesterday.

Nach wie vor beherrscht Schneider meisterhaft die Kunst des gekonnten, absichtlichen Verstolperers und Verspielers. Da hat die Band gefälligst – bei Androhung von Strafgeld – mitzuziehen. Keine Frage, dass die gestandenen Musikanten Sandro Giampietro (E-Gitarre), Rudi Olbrich (Kontrabass) und Willy Ketzer (Schlagzeug) dazu in Lage sind. Man muss sein Instrument schon gut beherrschen, um so sauber falsch spielen zu können. Unübertroffener Meister darin bleibt der Bandleader himself, der Klavier, Orgel, Vibraphon, Gitarre, Horn und noch diverse andere Instrumente bedient, die während des Bonner Konzerts nicht zum Einsatz kamen.


Die Band-Pflegschaft

Wie in alten „Hardcore“-Zeiten müssen auch seine aktuellen Mitmusiker (inklusive Gast-Saxofonist Tyree Glenn, Jr.) und der Tee servierende „Butler“ Bodo Ö. auf der „Buxe voll“-Tour immer mal wieder als Watschenmänner herhalten. Insbesondere Kontrabassist Rudi Olbrich scheint in dieser Hinsicht die Rolle von „Hardcore“-Schlagzeuger Peter Thoms übernommen zu haben, denn er hatte regelmäßige Anspielungen auf sein schon etwas fortgeschrittenes Alter („Hast du deine Tabletten genommen?“) zu erdulden. Das sei ja hier, so Schneider ans Publikum gewandt, eine ähnliche Situation wie bei Heesters, und könnte womöglich das letzte Konzert sein: „Deswegen kommt ihr doch alle!“ Nichtsdestoweniger gebe es mit der Band schon eine echte Freundschaft „oder eher: eine Pflegschaft“.

Zwischen den Liedern hat er natürlich wieder jede Menge Quatsch erzählt oder aus dem Stegreif erfunden. Mit Blick auf die Zuschauerreihen: „Da sind fünf Stühle frei – ein finanzielles Fiasko für mich.“ Und mit Blick auf den am nächsten Tag folgenden Auftrittsort Braunschweig: „Ich wollte da nie hin, aber wenn die mich unbedingt haben wollen – bitte.“ Da darf eine vergiftete Einschmeichelei beim Bonner Publikum nicht fehlen: „Wenn ich die Wahl hätte, wäre ich lieber morgen hier – statt heute.“ Und unmittelbar vor der Pause, mit Blick auf die Deckenbeleuchtung in der Beethovenhalle: „Die sind schnell angegangen, das können keine Stromsparlampen sein. Das gibt eine Anzeige.“

Das Prinzip, Erwartungen zu unterlaufen und nicht den naheliegenden Weg zur Pointe zu wählen, sondern gerne einen möglichst weit hergeholten und absurden, funktioniert nach wie vor.  Genauso gehört es zu den Charakteristika von Schneiders berühmt-berüchtigter Anti-Komik, einen naheliegenden und abgeschmackten Gag so vorzutragen, dass er schon wieder gut ist.

Auch seine Formatpersiflagen zünden immer noch: ob er das zwischen Großspurigkeit, Pathos und Anbiederei changierende Entertainer-Gehabe US-amerikanischer Provenienz karikiert oder besonders expressive musikalische Idiome wie den Flamenco oder den Blues. Das scheinbar Erhabene kippt bei ihm ganz schnell ins Banale und Komische.


Mr. Bluesman

So reicht es bei einer Blues-Parodie schon, das dieser Musik eigene Prinzip der häufigen Wiederholung und Bekräftigung von Phrasen ein wenig zu übertreiben: „I was born, yeah I was born, I was born [etc…]“ – und dann aber nicht „under a bad sign“ oder „in Memphis, Tennessee“ oder andere Blues-typische Orte zu röhren, sondern: „I was born – as a baby.“

Und mehr als fünf Minuten den mit Inbrunst aus sich heraus gehenden Flamenco-Sänger und -Gitarrero mit Phantasie-Spanisch zu geben, das geht auch nur gut, weil Schneider gleichzeitig durch eine Parodie auf die Anschlagstechniken des Flamencos die Veralberung verdoppelt. Zum Finale von 100.000 Rosen leistete er sich gar eine markerschütternde Gesangseinlage und blieb in hoher Lautstärke aus voller Brust bis hart an die Schmerzgrenze auf dem Schlusston stehen. Brrr!

An einen anderen Großmeister der Komik erinnerte eine von etwas dezenterer Musik unterlegte Nummer, die Schneider allein – auf einer Barhocker-Parodie sitzend – vortrug. Alltägliche Situationen wie Restaurantbesuche schräg zu überdrehen und in erhellenden Nonsens zu überführen, dabei ein paar typisch menschliche Unarten wie die allgegenwärtige Heuchelei en passant abzuhandeln, das hat Loriot in seinen zu Recht gerühmten, legendären Sketchen mit Kosakenzipfeln, verhedderten Rouladenfäden sowie aufdringlichen Kellnern und Gästen grandios vorexerziert.

Helge Schneider bleibt da nichts schuldig: Bei ihm gab’s zu chinesisch anmutendem Gitarrengeplinker das Gespräch eines Ehepaars im „China-Restaurant Akropolis“. Der Bedienung gegenüber bedauert man das kürzliche Ableben eines ihrer Verwandten, doch als man erfährt, dass es relativ kurz und schmerzlos verlaufen sei: „Dann tut uns das nicht Leid. Dann nehmen wir das zurück.“ Zum Essen reiche ihm im Übrigen ein Stäbchen, aber ein großer stabiler Stab sollte es bitte schon sein. Und nachdem beide einige Tische weiter ein ihnen bekanntes Paar gesehen und mit demonstrativ freundlichen Winken und Rufen begrüßt haben, ziehen sie danach in gedämpftem Tonfall über die „aufgetakelte“ Frau her. Konsequenz: „Hier können wir nicht mehr hingehen.“


Das Tier und wir

Auch dem Tier und uns hat Schneider in seinem Schaffen immer großen Platz eingeräumt. Die Vogelhochzeit gab’s zwar in Bonn nicht, dafür aber den Meisenmann inklusive Udo-Lindenberg-Parodie und einer Mutter, die vor lauter Rauchen und Telefonieren nicht merkt, dass in den Kinderwagen neben ihren Nachwuchs gerade ein Adler gefallen ist, der die Milchflasche leer nuckelt. Und natürlich kurz vor Schluss auch das Katzeklo, angereichert um ein paar unvermittelte Urschreie. In einer weiteren Tier-Ballade, dessen Mittelpunkt ein Frosch bildete, führte Schneider sein Talent zur ausufernden Textimprovisation vor  –  mit letalen Folgen für das Tier: „Wo drückt der Frosch?“

Einen offensichtlich schon etwas angetrunkenen Zuschauer, der gegen Ende der Show mehrmals lautstark das Lied Dein ewiges Nein geht mir auf den Sack, du Sau forderte, belehrte Schneider mit einem altväterlichen Satz, den man außer ihm wohl kaum jemandem als lustigen Gag durchgehen lassen würde: „Das Leben ist kein Wunschkonzert.“ Als der Zwischenrufer immer noch keine Ruhe geben wollte, kam prompt ein – donnernd beklatschter – Gegenzuruf aus dem Publikum, er möge nun doch endlich seinen Rand halten. Steilvorlage für Helge: „Aha, das Volk beginnt sich zu wehren. Revolution!“

Helge Schneiders (Anti-)Komik ist in ihrer Vielseitigkeit, ihrer Schlagfertigkeit und ihrer Verbindung von Kunst und Quatsch hierzulande nach wie vor singulär. Es war mal wieder an der Zeit, sich davon zu überzeugen. Wer weiß, wie lange die Band-Pflegschaft noch besteht.


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