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Kino - Michael Hermann
„Metropolis“ ist reif fürs Museum
Der Stummfilmklassiker „Metropolis“ bleibt auch in der nunmehr 145 Minuten langen, 2010 restaurierten Fassung ein recht zwiespältiges Vergnügen.
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Fritz Langs Klassiker aus dem Jahr 1927 zählt zur kanonisierten Kulturgeschichte. Jede/r Filminteressierte dürfte den Film – genauer gesagt, eine Fassung davon – irgendwann schon einmal gesehen haben. Vor drei Jahren fand sich nun im argentinischen Filmmuseum in Buenos Aires eine schon ziemlich abgenutzte Kopie mit der fast vollständigen Urversion.
Nach Rekonstruktion und Ergänzung auf Basis dieser Kopie kommt Metropolis jetzt auf eine Laufzeit von zweieinhalb Stunden und ist damit gegenüber der 2001 ins Weltdokumentenerbe der UNESCO aufgenommenen Fassung noch einmal um eine halbe Stunde länger geworden. Und mit Giorgio Moroders knapp neunzigminütigem XXL-Videoclip von 1984, der Metropolis erst – beziehungsweise erneut – richtig populär machte, hat der Film, der jetzt in die Kinos kommt, nicht mehr viel zu tun.
Aber länger ist nicht besser, und weniger bekanntlich manchmal mehr. Dabei stellt es gar nicht einmal das größte Problem dar, dass der Film heutigen Seh- und Hörgewohnheiten nicht mehr entspricht. Gleichwohl kann der nahezu pausenlose Einsatz der Original-Orchesterfilmmusik angesichts des ohnehin schon dick aufgetragenen Pathos, das einem an einigen Stellen von der Leinwand entgegen wabert, auf Dauer recht anstrengend werden.
Eine schlichte Geschichte
Das Hauptproblem ist jedoch die simpel strukturierte Geschichte und die ebenso schlichte wie gefährliche Weltsicht, die den ganzen Film penetrant durchzieht und im plakativen, mehrfach auf Schrifttafel eingeblendeten „Sinnspruch“ ihre schwülstige Verdichtung findet: „Mittler zwischen Hirn und Händen muss das Herz sein.“ Hinzu kommen unangenehm religiös aufgeladene Heils- und Erlöser-Phantasien, nur dass der Heilsbringer hier noch nicht „Führer“, sondern eben „Mittler“ heißt.
Man muss gar keine großen historisch-analytischen Verrenkungen unternehmen, um in dieser Friede-Freude-Eierkuchen-Auflösung von schwerwiegenden (Interessen-)Konflikten einen Vorboten der weniger Jahre später von den Nazis vollzogenen Gleichschaltung zu sehen, in deren Rahmen alle Gegensätze im Allgemeinen im „Volkskörper“ und jener zwischen Arbeitern/Angestellten und Arbeitgebern im Speziellen in der „Deutschen Arbeitsfront“ eingeebnet wurden.
Und es ist wohl angezeigt, die Geschichte der Metropolis-Macher wieder ins Gedächtnis zu rufen: Fritz Lang emigrierte 1934 in die USA, seine Drehbuchautorin und (bis 1933) Ehefrau Thea von Harbou blieb hingegen in Deutschland und war, wie es der um Neutralität bemühte Wikipedia-Eintrag formuliert, in der Folgezeit „eine vielbeschäftigte Autorin“, die 1940 auch in die NSDAP eintrat. Zuvor hatte sie sich während der Weimarer Zeit durchaus die einen oder anderen Meriten erworben, unter anderem als Ko-Autorin bei Dr. Mabuse, der Spieler und M – Eine Stadt sucht einen Mörder. Das Skript für Metropolis ist jedoch größtenteils unsäglicher Erbauungs-Schund. Es spricht für Langs Regiekunst, daraus noch einen Film mit stellenweise beeindruckenden Schauwerten gemacht zu haben.
Denn im Hinblick auf Filmarchitektur, Ausstattung, Bauten und Spezialeffekte wird nach wie vor niemand die bahnbrechende und prägende Bedeutung von Metropolis bestreiten wollen. Auf die grob simplifizierende Ideologie, die der Film ausdünstet, muss man indes wieder hinweisen. Denn es besteht heutzutage offensichtlich die Neigung, mit großem Pomp, aber ohne jegliche Differenzierung „nationale Kulturgüter“ abzufeiern, wie es gerade im Fall Metropolis bei der live via arte übertragenen Welturaufführung der restaurierten 145-Minuten-Fassung im Rahmen der Berlinale 2010 zu beobachten war. Doch bleibt der Film auch in dieser Version – ungeachtet seines historischen Rangs – ein ziemlich zwiespältiges Vergnügen.
Der diabolische „Schmale“
Immerhin bietet die restaurierte halbe Stunde einen gewissen Unterhaltungsmehrwert. Im Zentrum der meisten wieder gefundenen Szenen steht die von Fritz Rasp gespielte Figur „Der Schmale“, welcher als Schnüffler und Bluthund in Diensten des Metropolis-Herrschers Fredersen Senior dem aufmüpfigen Junior samt unstandesgemäßer Entourage auf den Fersen bleibt. So erhält man einige Male Gelegenheit, sich an Rasps stechendem Blick und gemeinem Grinsen zu ergötzen.
Warum aber nun eine Wiederaufführung im Kino? Einige gezielte Vorführungen für ein filmhistorisch interessiertes Publikum und eine kommentierte DVD hätten gereicht. Säle bespielen muss man damit nicht mehr; Metropolis gehört eher ins Museum als ins Kino. Aber Langs Film ist eben längst Teil der kommerzialisierten Popkultur geworden. Metropolis ist wie eine erfolgreich eingeführte „Marke“, deren „Relaunch“ nun noch einmal Geld einbringen soll.
Metropolis, Deutschland 1927. Regie: Fritz Lang. Wiederaufführung in der restaurierten Fassung aus dem Jahr 2010, Kinostart: 12. Mai 2011.
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