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Musik - Michael Hermann
Mehr als Blumfeld 2.0
Ex-Blumfeld-Chef Jochen Distelmeyer gastierte mit Band im Kölner "Gloria". Das ehemalige Aushängeschild von "Hamburger Schule" und Diskurspop präsentierte sich frisch und in guter Form.
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Ex-Blumfeld-Kopf Jochen Distelmeyer gehört mit Rocko Schamoni, den Goldenen Zitronen, Ärzten, Fehlfarben und Fantastischen Vier zur nicht allzu großen Zahl deutschsprachiger Musiker, die sich auch nach 20 und mehr Arbeitsjahren noch souverän auf ihren jeweiligen Baustellen behaupten können. Zu Recht, denn sie alle haben nach wie vor Interessantes mitzuteilen und sind in der Lage, das Mitzuteilende treffend bis lustig zu formulieren und mit ansprechender Musik zu hinterlegen. Oder umgekehrt zu ansprechender Musik treffend bis lustig formulierte Texte zu finden.
So changierte der Blumfeld-Sound seit Gründung der Band 1990 zwischen angenehm schroff und melodisch, die Texte waren ausgefeilte kleine Kunstwerke und dazu oft eminent politisch. Gerade Distelmeyers Diagnose von der Diktatur der Angepassten aus dem Jahr 2001 hatte etwas von einer unmittelbaren, schlagenden Erkenntnis und das Zeug zu einem geflügelten Wort. Dass dem Sänger und Gitarristen Natur- und Liebeslyrik auch nicht fremd war, wie die letzten beiden Platten vor Auflösung der Band 2007 zeigten, sorgte allerdings in der Anhängerschaft für reichlich Irritationen. Die Schlager-Anmutungen in Stücken wie Apfelmann oder dem großen Blumfeld-Heuler 1000 Tränen tief empfanden manche eher als Zumutungen. Davon unbeeindruckt gab Distelmeyer weiter gleichermaßen den Harten wie den Zarten, und auch gerne noch den (Halb-)Ironiker.
Gitarren bevorzugt
Daran scheint sich nichts Grundlegendes geändert zu haben. Mit dem harten Halbironiker Distelmeyer und einer mehrminütigen, schrillen Feedback-Attacke ging es am Montagabend im gut gefüllten Kölner „Gloria“ los. Damit war der Weg bereitet für das drei Gitarren schwere Wohin mit dem Hass von seiner kürzlich veröffentlichten ersten Solo-Platte Heavy. Mit zwei, drei (post-)punkigen, schnellen neuen Songs wie Einfach so ging es weiter, ehe Distelmeyer dann den ersten von mehreren Wechseln zwischen elektrischen und akustischen Gitarren vornahm und zusammen mit seinen vier Begleitern an Gitarre, Gitarre/Tasten, Bass und Schlagzeug das Tempo drosselte, ohne dabei jedoch Abstriche am dichten, erdigen Klangbild zu machen. So kamen auch getragene, balladeske Stücke wie Lass uns Liebe sein und Murmel von der neuen Platte in einem satten, druckvollen Sound von der Bühne. Blumfelds Naturexkursion Schmetterlings Gang schwoll gar zu einer mächtigen Hymne an: „Sommervogel, flieg!“, anschließendes Ohrenfiepen inklusive.
Zu dieser Mischung passten auch die anderen Auszüge aus dem Blumfeld-Repertoire wie 2 oder 3 Dinge die ich von dir weiß, Ich wie es wirklich war und Eintragung ins Nichts, die Distelmeyer zur Freude der Konzertbesucher zum Besten gab. Ebenfalls bemerkenswert in einem durchweg gut gemischten Set: Eine eigene Geschichte, vorwärts treibend und mit einem an Mark E. Smith von The Fall erinnernden Stakkato-Sprechgesang, sowie eine schöne Coverversion von Dancing Barefoot, einem der eingängigsten und poppigsten Patti-Smith-Stücke. Das spielten die fünf denn auch in einem luftigen, transparenten Pop-Sound, bei dem die Keyboards zu ihrem Recht kamen.
Kurz vor Schluss erhielten die Zuschauer dann noch eine „Aufgabe“ beziehungsweise Aufforderung zum Mitmachen: Unter Anleitung Distelmeyers legte das Kölner Publikum bei Quo Vadis einen derart text- und rhythmussicheren Wechselgesang hin (Männer: „Quo Vadis?“, Frauen: „Ich und Du“), dass der Maestro verblüfft – oder in gut gespielter Verblüffung – ausrief: „Ihr seid toll! Ihr seid – jeck!“ Nach rund zwei Stunden und mehreren Zugaben beendete Distelmeyer das Konzert dann mit dem ruhigen, als Rausschmeißer bestens geeigneten Old Nobody.
„Das war’s dann wohl mit der Postmoderne“
Gelungene Abendunterhaltung also mit einem gut aufgelegten Popstar, der, wie die Blumfeld-erfahrene Kollegin bemerkte, zwar weniger Zwischenansagen als bei früheren Konzerten machte, dafür aber wie gehabt zwischendurch einige Fluppen wegrauchen musste. Sehr schön – und passend zum Auftrittsdatum 9. November/Mauerfalljubiläum – geriet indes die Ansage, mit der der Chef sich und seine Mitstreiter vorstellte: „Wir sind Jochen Distelmeyer!“ Nur keine falsche Bescheidenheit.
Dass er die in Zukunft an den Tag legen könnte, muss man nicht befürchten. Eine Standortbestimmung zu Beginn seiner Solokarriere liefert das Stück Ich will mehr Songtext, das die mindestens zwei Seiten des Jochen D. adäquat wiedergibt: „Das war's dann wohl mit der Postmoderne / Die guten alten Zeiten sind vorbei / Ich bleib' bei Dir und weiß so hast Du's gerne / Wo soll das alles enden mit uns zwei“. Distelmeyer solo wird in jedem Fall mehr als eine Blumfeld 2.0-Version sein, davon ist nach dem Konzert im „Gloria“ auszugehen.
Man darf gespannt sein, welche Richtung(en) er dabei musikalisch und vor allem textlich einzuschlagen gedenkt. Immerhin ist der Mann vor einiger Zeit Vater geworden, und es ist unter Kinder erziehenden Künstlern und Schreibern durchaus verbreitet, in Ermangelung ausreichender Recherche-, Schaffens- und Schlafenszeit Kolumnen beziehungsweise Songtexte zu verfassen, die vom eigenen Nachwuchs handeln. Singt Jochen Distelmeyer also demnächst statt vom Apfel- vom Sandmann? Wenn, dann dürfte es sich wohl eher um ein Exemplar der Sorte handeln, von der Metallica in ihrem berühmten Enter Sandman erzählen.
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