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Musik - Michael Hermann
Let there be Diskursrock
Die Diskursrock-Maschine läuft und lebt weiter. Tocotronic zeigen auch im 17. Jahr ihres Bestehens, wie's geht.
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Welch ein Auftakt: „Das erste Stück ist ein Liebeslied!“, so lautete die Begrüßungsansage des freundlichen Ironikers Dirk von Lowtzow im fast ausverkauften Kölner E-Werk. Was man halt so unter Liebeslied versteht. In diesem Fall handelte es sich um Eure Liebe tötet mich, das Eröffnungsstück des neuen Tocotronic-Albums Schall und Wahn. Rund acht Minuten lang ist's, kommt im mittleren Tempo daher und verdichtet sich bei zunehmender Lautstärke immer stärker, um in mächtigen, ausladenden Noise-Attacken zu enden. Soll man das jetzt als Aufforderung zu 'Make love like war' interpretieren?
Mit konsequenter Promotion-Arbeit für Schall und Wahn ging es weiter: Es folgten die Titel Nummer zwei und drei der neuen Platte, das schnelle, post-punkige Ein leiser Hauch von Terror und das baugleiche Die Folter endet nie. Letzteres gaben sie laut Dirk von Lowtzow – Achtung, Ironiesignal! – aus Anlass von 17 Jahren Bandgeschichte zum Besten (Und ein Zitat oder eine Anspielung muss im Titel wohl ebenfalls enthalten sein, wir befinden uns ja hier unter kundigen Diskursrockern. The Torture Never Stops von Frank Zappa käme da als Bezugspunkt infrage.)
Konnte man den Tocotronic-Mitgliedern insbesondere in ihrer Anfangszeit nicht gerade ausgeprägtes instrumentales Virtuosentum nachsagen (was wohl auch nie ihr Ziel war), so muss man ihnen inzwischen bescheinigen, eine geschmeidig laufende Diskursrock-Maschine auf die Bühne zu bringen. Schließlich haben sie auch seit einigen Jahren mit Rick McPhail einen, nun ja, „richtigen“ Lead-Gitarristen, der nicht nur schrammeln, sondern unter anderem auch fein mandolinieren kann, wie er im Folter-Stück unter Beweis stellte. Immerhin, einen verpassten Einsatz bekamen die vier bei Verschwör dich gegen dich dann aber doch noch hin. Was den überzeugenden Gesamteindruck natürlich eher noch verstärkt. Man kann eben kapitalismuskritische Konzept- und Kunstmusik im Rock-Idiom machen und gleichzeitig eine mitreißende Live-Band sein. Doch, das geht.
Ironie und guter Geschmack
Seinen Teil dazu bei trägt Frontmann und Conférencier Dirk von Lowtzow mit (selbst-)ironischen Ansagen, Posen und Gesten wie Kusshandwürfen oder einem tiefen Bückling vor dem Publikum, bei dem er fast den Boden schrammte, und als Gegenstück dazu dem Rock-Siegeszeichen schlechthin: die mit gestreckten Armen in die Luft gereckte Stromgitarre. Schade nur, dass sie im Kölner Konzert nicht auch den ersten Teil der Grenzen des guten Geschmacks ausloteten. Jene Passage dieses Stücks, in der Tocotronic mit zwei unisono gespielten Leadgitarren ein typisches Element des 70er-Jahre-Rocks zitieren, hätte für Rick McPhail und Dirk von Lowtzow sicher auch eine prima Posing-Vorlage hergegeben.
So blieb es Schlagzeuger Arne Zank vorbehalten, für den humoristischen Höhepunkt des Abends zu sorgen. Nachdem Kollege McPhail vorübergehend die Stöcke übernommen hatte, bespaßte Zank das Publikum in Ich werde nie mehr alleine sein/Bitte gebt mir meinen Verstand zurück mit einer Sangeseinlage: „Oh Mädchen du bist alles / was mich hier noch hält / Doch die Zeit mit dir / und die Zeit ohne dich / ist gerade das / was mich verwirrt“; das Ganze so schief und krumm und komplett neben der (Instrumenten-)Spur „gesungen“, dass es wie eine Verhohnepipelung der um dramatische Expressivität bemühten „intensiven“ Gesangsphrasierung gewisser Seele-aus-dem-Leib-Singer wirkte. Und wenn es sich doch um eine Hommage an dieselben gehandelt haben sollte, dann war sie wohl eher mokant als liebevoll gemeint.
Lebendig und laut
Kurz und laut, schnell und druckvoll wurde es wieder mit Jungs hier kommt der Masterplan und Aber hier leben, nein danke („Ich mag den Weg / Ich mag das Ziel / Den Exzess, das Selbstexil“), einem „Lied über die Heimat, das gefährlichste, was es gibt“, so die einleuchtende einführende Erläuterung von Lowtzows. Lang und laut dagegen das zweite vom Tocotronic-Frontmann explizit als „Love song“ angekündigte Stück namens Imitationen. Ganz ähnlich wie in Eure Liebe tötet mich türmten sich auch hier im ausgedehnten Finale Gitarrenwände zu hypnotischem Krach auf.
Was gibt’s darüber hinaus zu vermelden? Zum Beispiel Diskursrock-Klassiker aus der Jugendzeit wie Let there be rock, Ich bin viel zu lange mit euch mitgegangen, Die Idee ist gut, doch die Welt noch nicht bereit und Diskursrock-Neuheiten von Schall und Wahn. Neben dem Titelstück dabei besonders auffällig: Macht es nicht selbst, ein hämmernder Stampfer mit programmatischem Text: „Was du auch machst / Sei bitte schlau / Meide die Marke / Eigenbau / Heim- und / Netzwerkerei / Stehlen dir deine / Schöne Zeit / Wer zu viel selber macht / Wird schließlich dumm / Ausgenommen Selbstbefriedigung (…) Was du auch machst / Mach es nicht selbst / Auch wenn du dir / Darin gefällst“. Macht es nicht selbst würde übrigens mit einer kleinen Rhythmusverschiebung Richtung Boogie-Rock wie ein Stück von – pardon – „Status Quo“ klingen ... whatever you want, es sind von Tocotronic ja eh Keine Meisterwerke mehr geplant: „Keine Meisterwerke mehr / die Zeit ist längst schon reif dafür“.
Bleibt noch zu sagen, was gesagt werden musste: „Ihr seid spitze, das muss gesagt werden.“ Mit solch uneigentlich überschwänglichen Worten lobte Dirk von Lowtzow das Kölner Publikum ... und verstieg sich bei der zweiten Zugabe auch noch zu einem „Ihr beschämt uns!“ Nach der obligatorischen Feedback-Orgie zum Abschluss des Sets kam als Rausschmeißer von der Festplatte („vom Band“ hätte es früher geheißen, aber es gibt ja keine Bänder mehr) noch ein Auszug aus dem Schlusschor von Beethovens Neunter: „Seid umschlungen, Millionen“. Dem Konzertverlauf nach zu urteilen darf man sagen, dass Tocotronic vom nicht ganz Millionen zählenden Publikum auch zurückgeliebt werden – ganz unironisch.
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