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Kino - Michael Hermann
Leben und Sterben in L.A.
„Drive“ montiert Versatzstücke aus Film Noir, Actionkino und Westernmotiven zu einem anspruchsvollen Thriller – mit streckenweise virtuoser, aber kalter Meisterschaft.
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„The Kid“ oder „Driver“ wird er nur genannt, der namenlose Hochgeschwindigkeitsfahrer, Auto-Stuntman und Mechaniker, der sich nachts als Fluchtfahrer für Einbrecher in den Straßen von Los Angeles etwas dazuverdient. Ein eher ruhiger, wortkarger Typ mit einem Gesicht, das so aussieht, als ob es kein Wässerchen trüben könnte. Sanft und freundlich verhält er sich zu seiner neuen Nachbarin Irene (Carey Mulligan) und ihrem Sohn (Kaden Leos) – doch als Irenes Mann aus dem Gefängnis entlassen und von Gangstern unter Druck gesetzt wird, einen letzten Coup zu unternehmen, wird sich zeigen, dass The Kid auch zu heftiger Gewalt fähig ist. Eine Paraderolle für den ausdrucksstarken Ryan Gosling.
Im namenlosen Helden, der aus dem „Nichts“ gekommen sei – so wortwörtlich Werkstattbesitzer Shannon (Bryan Cranston) in einer Szene, in der er Driver sozusagen „einführt“ – , findet sich eine Menge Filmgeschichte wieder. Der fahrende Held ist ein Ehrenmann mit einem Ehrenkodex: Mein großer Freund Shane (Shane) lässt ebenso grüßen wie Der eiskalte Engel (Le samourai) und die Action-Thriller der 1980er, wobei der Einfluss von Walter Hills fast namensgleichem Klassiker Driver (1978) für Story und Figuren eher zu vernachlässigen ist.
Tarantino trifft „Mein großer Freund Shane“
Abgesehen von diesen Filmen muss Regisseur Nicolas Winding Refn auch mit dem Werk von Regisseuren wie Michael Mann, William Friedkin und Quentin Tarantino gut vertraut sein. Einiges kommt einem daraus bekannt vor, wie etwa ein nach der furiosen Eröffnungsszene eher verhaltenes Tempo (bis hin zu einigen SlowMo-Passagen), auf das dann umso heftigere, kurze, brutale Gewaltausbrüche folgen. Es fließt einiges an Blut, es werden verschiedene Tötungsarten mit Kugeln, Messern sowie Händen und Füßen als Waffen durchexerziert, und die transparente Tonspur sorgt dafür, dass der Zuschauer auch alle entsprechenden Begleitgeräusche mitbekommt. Auf der Leinwand spielt sich das meiste davon in dunklen, kalten Farbtönen ab.
Ausgefeilt sind auch die Dialoge in diesem stark stilisierten Thriller, so etwa in den Szenen zwischen Irene und Driver, in denen Pausen, Blicke und Gesten den alltäglichen Dingen, über die sie reden, mehr Gewicht verleihen. Beim Musikeinsatz verfährt Regisseur Refn ebenfalls ähnlich wie Tarantino. Ausgespielte Popsongs wechseln mit einem kühl blubbernden elektronischen Soundtrack.
Kühl stilisiert im Neo-Noir-Look
Drive ist ein Film, der einen trotz oder gerade wegen seiner handwerklichen und künstlerischen Meisterschaft, seiner ausgestellten Cleverness und seines Filmwissens seltsam kalt lässt. Vielleicht liegt es daran, dass er keine Seele hat, und wenn, dann höchstens eine schwarze. Die Rollen von Irene und ihrem Sohn geben nicht genug her, um dem Film eine Art emotionales Zentrum zu geben. In Sachen Humor herrscht ebenfalls weitgehend Fehlanzeige.
Kurz: Wer stilisiertes, zitatenreiches Kino à la Tarantino mag, dürfte auch bei Drive auf seine Kosten kommen. Wen aber Tarantinos Manierismen schon bei Kill Bill anfingen zu langweilen, der wird die gemischten Gefühle des Rezensenten in Bezug auf Drive nachvollziehen können. Immerhin besitzt er gegenüber QT den Vorzug, seine Gangster nicht endlose Vorträge halten zu lassen. Refns Film nötigt Respekt für seine über weite Strecken virtuose Machart ab. Mögen muss man ihn nicht.
Drive - Regie: Nicolas Winding Refn, mit: Ryan Gosling, Carey Mulligan, Christina Hendricks u. a., USA 2011, 101 Min., FSK ab 18 J., Kinostart: 26. Januar 2012.
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