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Kino - Michael Hermann
Leben im Ausnahmezustand
Ein tödliches Virus verbreitet sich weltweit. Steven Soderbergh spielt die Folgen in seinem Thriller „Contagion“ mit Starbesetzung durch – weder spekulativ noch spektakulär, und gerade deshalb sehr spannend.
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Contagion ist ein fesselnder Katastrophenfilm mit streckenweise dokumentarischem Gestus. Anders als etwa Wolfgang Petersens den Konventionen des Action-Kinos mit seinen Schauwerten und klar auseinander zu haltenden Guten und Bösen gehorchendem Outbreak (1995) kartografiert und seziert Steven Soderbergh chronologisch den Verlauf einer Pandemie – und kommt dabei ohne grelle Effekte und grauslich entstellte Gesichter aus. Seuche und Suche nach einem geeigneten Impfstoff sind ein weltweites Problem, dementsprechend wechseln die Schauplätze der verschiedenen Handlungsstränge. Die meiste Zeit über spielt der Film in Hongkong, Minneapolis und Genf, dem Sitz der Weltgesundheitsorganisation.
Gleichwohl kommt es nicht von ungefähr, dass ein Haufen Stars in Contagion mitwirkt. Denn so lässt sich die Geschichte der Pandemie anhand von teilweise miteinander verbundenen Einzelschicksalen besser erzählen. Die Hauptrollen in diesem ausgezeichnet besetzten Ensemblefilm spielen Gwyneth Paltrow, Matt Damon, Kate Winslet, Laurence Fishburn, Marion Cotillard und Jude Law, in Nebenrollen zu sehen sind unter anderem Armin Rohde und 70er-Jahre-Star Elliott Gould (M.A.S.H.), der mit Soderberghs Ocean’s Eleven und den darauf folgenden Nummern 12 und 13 eine Art spätes Comeback erlebte.
Jeder ist sich selbst der Nächste – meistens
Filmisch und musikalisch hat Contagion die Anmutung eines typischen Soderbergh-Films, nur dass zum coolen, von gediegenen elektronischen Klängen und Beats geprägten score hier keine 11, 12, oder 13 Helden durch die Gegend turnen. Die Figuren lassen sich nicht holzschnittartig in Gut und Böse teilen; sie tragen wirklichkeitsnah von allem etwas in sich. So der Chef der Gesundheitsbehörde (Fishburne), der anfangs sich selbst und seinen Nächsten der Nächste ist, ein investigativer Blogger mit zwielichtigen Nebengeschäften (Law) und eine Frau, die etwas vor ihrem Ehemann verborgen hat (Paltrow).
Angesichts der Thematik des Films ist es fast überflüssig zu erwähnen, dass nicht alle der von den Stars gespielten Charaktere sein Ende erleben. Und viel Gelegenheit zum comic relief bietet Scott Z. Burns’ Originaldrehbuch im Übrigen auch nicht, sieht man von ein paar mehr oder weniger schwarzhumorigen, Szenen abschließenden one-liners ab.
Realistisches Seuchen-Szenario
Soderbergh zeigt präzise, wie die soziale Ordnung sich infolge der lebensbedrohlichen Ausbreitung der Seuche immer mehr auflöst. Anstelle eines halbwegs zivilisierten Verhaltens treten Panik und Plünderungen; es kommt angesichts von Quarantäne und anderen Zwangsmaßnahmen zu gewalttätigen Verteilungskämpfen um rationierte Lebensmittel – ein Szenario, das den Ernstfall ziemlich realistisch simulieren dürfte. Und es soll von Virologen erstellte Pandemie-Prognosen geben, deren Ausmaße Soderberghs und Burns’ virale Fantasie durchaus noch übertreffen.
Zum Schluss führt der Film noch einmal an den Anfang zurück und zeigt im Zeitraffertempo, wie die Übertragung des Virus von Tier über Tier über Mensch zur so genannten Indexperson, von der das Ansteckungsrisiko ausgeht, geschehen ist. Mal sehen, ob nach Contagion die Zahl der zwanghaften Händewäscher signifikant steigt, wie Soderbergh selbst unlängst in einem Interview spekulierte.
Contagion - Regie: Steven Soderbergh, mit: Marion Cotillard, Matt Damon, Laurence Fishburne u. a., Vereinigte Arabische Emirate, USA 2011, 105. Min., FSK ab 12 freigegeben, Kinostart: 20. Oktober 2011.
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