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Kino - Michael Hermann
Kintopp pur
„Hugo Cabret“ ist eine bildmächtige Hommage an die Illusionsmaschine Kino – und der erste 3D-Spielfilm des bald 70-jährigen Meisterregisseurs Martin Scorsese.
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Vater & Sohn Uhrmacher (Jude Law, Asa Butterfields), im Hintergrund ein geheimnisvoller Apparat. (Bild: © 2011 GK Films. All Rights Reserved. Photo Credit: Jaap Buitendijk)
Der Bahnhofsinspektor (Sacha Baron Cohen) wittert überall Waisenkinder. (Bild: © 2011 GK Films. All Rights Reserved. Photo Credit: Jaap Buitendijk)
Hugo (Asa Butterfield) und Isabelle (Chloë Grace Moretz) stehen unter Beobachtung (im Hintergrund: Sacha Baron Cohen). (Bild: © 2011 GK Films. All Rights Reserved. Photo Credit: Jaap Buitendijk)
Isabelles Onkel Georges (Ben Kingsley) zeigt Hugo (Asa Butterfield) ein paar Tricks. (Bild: © 2011 GK Films. All Rights Reserved. Photo Credit: Jaap Buitendijk)
Hugo (Asa Butterfield) und Isabelle (Chloë Grace Moretz) haben den Schreibapparat wieder ans Laufen gebracht. (Bild: © 2011 GK Films. All Rights Reserved. Photo Credit: Jaap Buitendijk)
Eine Art Bahnhofsbuchhandlung. (Bild: © 2011 GK Films. All Rights Reserved. Photo Credit: Jaap Buitendijk)
Der Buchhändler Monsieur Labisse (Christopher Lee) versorgt Hugo (Asa Butterfield) mit aufregendem Lesestoff. (Bild: © 2011 GK Films. All Rights Reserved. Photo Credit: Jaap Buitendijk)
Verbotene Spiele: Hugo (Asa Butterfield) und Isabelle (Chloë Grace Moretz) schleichen sich durch die Hintertür ins Kino. (Bild: © 2011 GK Films. All Rights Reserved. Photo Credit: Jaap Buitendijk)
Uhrwerke, Mondgesichter und grimmige Polypen
Dort lebt der 12-jährige Waisenjunge Hugo (Asa Butterfield), seit sein Vater (Jude Law) bei einem Brand ums Leben gekommen ist. Passion und Beruf des Vaters war das Uhrmacherhandwerk, und die Leidenschaft ist auf den Sohn übergegangen. In den Hallen und Dachgemäuern des Bahnhof muss er nun für seinen ständig alkoholisierten Onkel die Wartung und das tägliche Aufziehen der zahlreichen Uhren übernehmen – und aufpassen, dem kriegsversehrten Stationsinspektor (Sacha Baron Cohen) dabei nicht in die Hände zu fallen, der regelmäßig elternlose Kinder von den Behörden abholen und ins Waisenhaus verfrachten lässt. Obwohl er Besseres zu tun haben könnte, zum Beispiel Lisette (Emily Mortimer) seine Aufwartung zu machen, die am Bahnhof Blumen verkauft (und natürlich an das Blumenmädchen aus Chaplins Stummfilm-Klassiker Lichter der Großstadt (City Lights, 1931) denken lässt).
In der Hinterlassenschaft von Hugos Vater finden sich ein Heft mit mysteriösen Notizen und eine komplizierte, defekte Aufziehfigur, die er in seiner Uhrmacherwerkstatt noch zu reparieren versucht hatte. Doch erst als Hugo auf dem Bahnhof die gleichaltrige Isabelle (Chloë Grace Moretz) und ihren seltsamen Onkel (Ben Kingsley) kennenlernt, kommt er den Geheimnissen des kaputten Apparats und des Notizbuches auf die Spur. Diese führen ihn zum Stummfilmpionier Georges Méliès, der 1902 mit Die Reise zum Mond (Le voyage dans la lune) den ersten Science-Fiction-Film der Geschichte avant la lettre gedreht hatte.
Familientaugliches Feel-Good-Movie
Hugo Cabret ist ein Film, der er es einem nahezu unmöglich macht, ihn nicht zu mögen. Ein Feel-Good-Movie, wie man es von Scorsese nicht unbedingt erwartet hätte; es sieht eher aus und fühlt sich an wie ein guter Spielberg oder ein Film von Tim Burton wie Big Fish. Für diese Hommage an das Kino und seine Magie hat sich vor und hinter der Kamera eine illustre Schar von Fachkräften eingefunden, darunter die mehrfach Oscar-prämierten Thelma Schoonmaker (Schnitt), Robert Richardson (Kamera), Dante Ferreti (Production Design) und Howard Shore (Musik); zu den Produzenten gehört auch Johnny Depp. Hugo Cabret atmet in jeder Beziehung Filmgeschichte, wie auch seine Romanvorlage. Die hat ein gewisser Brian Selznick geschrieben, und der ist mit einem der berühmtesten und berüchtigtsten Hollywoodproduzenten-Mogule aller Zeiten verwandt: David O. Selznick (Vom Winde verweht).
Das schauspielernde Personal lässt gleichfalls nichts anbrennen. Ein besonderer Besetzungs-Coup ist Scorsese mit Sacha Baron Cohen gelungen, den man eher in einer komischen Rolle wie Borat, Brüno oder Ali G. erwarten würde. Ein bisschen erinnert er auch hier an seine Comedy-Charaktere, nicht zuletzt durch die manierierte Sprechweise, mit der er in der Originalfassung seinen weltkriegsversehrten Bahnhofsinspektor ausstattet. Freilich entsteht die Komik dabei eher auf Kosten der Figur, denn Cohens uniformierter Wachhund ist natürlich auch ein Wiedergänger der trottelig-unsympathischen Polizistenfiguren aus den klassischen Stummfilmen.
Ebenfalls vorzüglich die Leistung der 14-jährigen Chloë Grace Moretz, die nach der kindlichen Vampirin aus Let Me In in einer völlig anders gelagerten, extrovertierten Rolle ihr außergewöhnliches Talent erneut unter Beweis stellt. Dagegen fällt Asa Butterfield als Hugo etwas ab, während der fast 90-jährige Christopher Lee in der Rolle eines Buchhändlers den würdigen Rahmen setzt.
Das Kino steht auf den Schultern von Giganten wie Georges Méliès
Beim Griff in die Zitatenkiste darf Harold Lloyds berühmte halsbrecherische Turneinlage an den Uhrzeigern nicht fehlen. Nachdem Hugo und Isabelle die Szene zunächst in einem Kino sehen, muss Hugo kurze Zeit später selbst eine Kletterpartie im Bahnhofsuhrwerk unternehmen, als er sich auf der Flucht vor dem Inspektor befindet. Zum guten Schluss der Ehrerbietungen serviert Scorsese eine Reihe von Originalauszügen aus dem Werk von Georges Méliès, der von Hause aus Bühnen-Zauberkünstler gewesen war und als einer der ersten virtuos mit den Möglichkeiten spielte, die das damals noch junge Medium Film zur Erzeugung von Schauwerten bot. Davon hat auch Hugo Cabret reichlich, mit seiner fantastischen Filmarchitektur und seinen imposanten Mechanismen und Uhrwerken: ein harmonisches Miteinander von Kunsthandwerk und im Rechner erzeugtem Budenzauber inklusive 3D-Effekten. Der Magier Méliès hätte an dieser Mischung vermutlich seine helle Freude gehabt.
Hugo Cabret ist eine menschen- und kinofreundliche Fantasie, der es im wörtlichen und übertragenen Sinn um das „Reparieren“ geht. Der Film hat seine Längen, und es ist ihm bisweilen sehr deutlich anzumerken, dass er rühren will. Wirklich störend wirkt dies freilich nicht. Scorsese erweist sich als Meister seines Fachs, der in der Lage ist, außerhalb seines angestammten Genres nahezu perfektes Emo-Kino abzuliefern. Das im Übrigen auch die große Mehrheit der US-amerikanischen Filmjournalisten in seinen Bann zog, wie der Kritikerspiegel bei metacritic.com zeigt.
Nur Joe Morgenstern, Rezensent des Wall Street Journal und immer für vergnüglich zu lesende Ätz-Kritiken gut (ja, auch tendenziell böse Blätter können gelegentlich gute Schreiber haben), mochte nicht in den Chor einstimmen und brachte seine Einwände gegen den Film laut metacritic wie folgt auf den Punkt: “Visually Hugo is a marvel, but dramatically it's a clockwork lemon.”
Da ist etwas dran. Hugo Cabret funktioniert vor allem über seine immensen Schauwerte, die Handlung ist demgegenüber trotz ansprechender Schauspielerleistungen zu vernachlässigen. Sie dient lediglich als Trägersubstanz für eine geballte Überwältigungsladung Kintopp, von Stummfilmtricks bis 3D und CGI. Ob der Film auch einer zweiten Durchsicht standhalten könnte, ist daher in der Tat fraglich.
Hugo Cabret - Regie: Martin Scorsese, mit: Ben Kingsley, Sacha Baron Cohen, Asa Butterfield u. a., USA 2011, 126 Min., FSK 6, Kinostart: 9. Februar 2012.
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