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Kino - Michael Hermann

Kierkegaard und Maradona

„Superclassico“ spielt kurz in Kopenhagen und lange in Buenos Aires. Mit Fußball hat die dänische Komödie nur am Rande zu tun. Ehe-, Scheidungs- und Selbstfindungsprobleme bilden die Folie für eine recht amüsante Geschichte.


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Christian (Anders W. Berthelsen, Mitte) hat eine unfreiwillige Kleiderspende gemacht. (Bild: X-Verleih)

Christian (Anders W. Berthelsen) und seine Noch-Ehefrau Anna (Paprika Steen) haben Gesprächsbedarf. (Bild: X-Verleih)

Der lebensfrohe Juan (Sebastian Estevanez) zieht am Pool blank. (Bild: X-Verleih)

Wein, Gesang … und das, was in der Aufzählung fehlt, ist Thema Nr. 2 der Weinexperten Mendoza (Miguel Dedovich, 2. v. li.) und Christian (Anders W. Berthelsen, 3. v. li.). (Bild: X-Verleih)

Christian (Anders W. Berthelsen), Anna (Paprika Steen) und Juan (Sebastian Estevanez) haben etwas zu feiern. (Bild: X-Verleih)

Ein bisschen „clash of cultures“ geht immer als Motiv und Ausgangslage für eine Komödie. In Superclassico … meine Frau will heiraten (SuperClásico) fliegt der fast bankrotte Kopenhagener Weinhändler Christian (Anders W. Berthelsen) nach Buenos Aires, wo seine Frau Anna (Paprika Steen) sich als Fußballmanagerin, Beraterin und Verlobte des deutlich jüngeren Boca-Juniors-Stars Juan Diaz (Sebastian Estevanez) eine neues, luxuriöses Leben aufgebaut und folgerichtig ihrem Noch-Ehemann die Scheidungspapiere zugeschickt hat. In Christians Schlepptau reist der gemeinsame 16-jährige Sohn Oscar (Jamie Morton), der gerade die Identitätskrise als pubertären Dauerzustand kennenlernt und sich ständig neu erfindet.

Für die komödiantischen Zwecke des Films sehr vorteilhaft, befindet sich Oscar aktuell in einer existenzialistischen Phase. So läuft er in den immer gleichen schwarzen Klamotten inklusive langem schwarzem Ledermantel durch das sommerlich warme Buenos Aires. Seine Leidenschaft gilt ausschließlich der Philosophie und der Fotografie. Das ändert sich schlagartig nach einer Führung durch die Stadt. Von Stund’ an interessiert ihn nur noch die reizende junge Fremdenführerin Veronica (Dafne Schilling), an deren Fersen er sich heftet.


In der Fremde neue Erkenntnisse gewinnen

Währenddessen versucht Christian zunächst hartnäckig, die Scheidung hinauszuzögern und wenn möglich zu verhindern. Sein Nebenbuhler Juan ähnelt Diego Maradona in besseren, jüngeren Tagen und ist ein fast immer gut gelaunter, leutseliger Mensch. Nicht so einfach, ihn als Feindbild aufzubauen, aber Christian versucht es. Nebenbei lernt er Land und Leute näher kennen. Manche seiner Bekanntschaften werfen mit Lebensweisheiten nur so um sich und verhelfen Christian zu neuen Einsichten.

So der Winzer Mendoza (Miguel Dedovich), der einen vorzüglichen Wein anbaut und einen langen Monolog über Ehe und Scheidung hält, als ob die Bodega, in der sie einen Roten nach dem anderen verkosten, eine Theaterbühne wäre. Oder Annas schon etwas ältere Hausangestellte Fernanda (Adriana Mascialino), die sich als ehemaliger Tango-Tanzstar entpuppt und auch in anderen Hinsichten noch höchst lebendig wirkt. Sie lehrt Christian, sich nicht wie ein Idiot aufzuführen, und hilft ihm, wieder so etwas wie Selbstvertrauen zu entwickeln.


Freundlicher bis schräger Humor

SuperClásico funktioniert als Komödie immer dann am besten, wenn der Film die Erwartungen an den Fortgang von Handlung und Dialog geschickt unterläuft. Das fängt beim Titel an, denn der „SuperClásico“ zwischen den beiden argentinischen Erzrivalen Boca Juniors und River Plate ist schon nach gut 15 Filmminuten vorbei, liefert aber immerhin genügend Stoff für einen ersten Tempo-Gag, wenn Christian Anhängern der Boca Juniors das einzige ihm zur Verfügung stehende spanische Schimpfwort „hijos de puta“ (Hurensöhne) entgegenschleudert. Der Humor ist schräg, manchmal surreal (in einem im Wortsinne schäbigen Hotelzimmer tanzen zwei Schaben Tango) und geht, wenn er denn muss, recht stilvoll unter die Gürtellinie: Als Veronicas Vater erfährt, dass Oscar Däne ist, kommentiert er das mit den Worten: „Nach Kierkegaard ist aus Dänemark nur noch Pornografie gekommen.“

Die Tonlage wechselt zwischen rotweininduzierter melancholischer Schwere und heiterer Leichtigkeit, wobei letztere überwiegt, während die Kamera die dazu passenden Bilder einer Stadt in Sonne und Dunst liefert. Nicht wie ein Werbefilm für Argentinien, doch schon so, dass verständlich wird, warum die Nordmänner dem Tapetenwechsel etwas abgewinnen können. Ebenso wenig wie ein Rosenkrieg findet ein wirklicher „clash of civilisations“ statt. Es geht weniger darum, vermeintlich typisch dänische/skandinavische Eigenarten auf vermeintlich typisch argentinische/südamerikanische Eigenarten prallen zu lassen. Wo man aus der Allein-in-der-fremden-Stadt-Situation einen Gag konstruieren kann, lässt Regisseur und Drehbuchautor Ole Christian Madsen ihn zwar nicht liegen (so im Falle von Christians Begegnung mit einigen betont höflichen Straßenräubern), doch im Zweifelsfall wird eher das Verbindende und Ähnliche im Verhalten betont (etwa, als Christian und Veronicas Vater etwas bezüglich ihrer Kinder zu klären haben).

Nicht alles wirkt motiviert und glaubwürdig, aber als beinhart realistische Komödie ist SuperClásico ohnehin nicht angelegt. Auch die regelmäßig eingreifende Erzählerstimme aus dem Off verstärkt eher noch den Eindruck, es hier mit einer Geschichte zu tun zu haben, die keinen Anspruch auf unbedingte Lebensechtheit erhebt. Der Film nimmt seine Figuren und ihre Probleme in Sachen Liebe, Beziehung, Trennung und Neuanfang nicht zu ernst, ohne sie dabei der Lächerlichkeit preiszugeben oder ins Klamottenhafte abzudriften.


Superclassico ... meine Frau will heiraten! - Regie: Ole Christian Madsen, mit: Paprika Steen, Anders W. Berthelsen, Sebastián Estevanez u. a., Dänemark 2011, 99 Min., FSK 12, Kinostart: 3. April 2012.


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