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Literatur - Jürgen Hermann
Jede Tat hat ihre Geschichte
In seinem zweiten Buch berichtet Josef Wilfling über weitere Fälle aus seiner Berufspraxis als Mordermittler der Münchener Kriminalpolizei.
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True Crime. Dieser Begriff steht seit langem für die literarische Aufarbeitung von Verbrechen und die Ausleuchtung ihrer Hintergründe. Die Mischung aus Kriminalroman und Sachbuch ist ein kommerziell sehr erfolgreiches Konzept. Denn ein spannender Krimi mag den Leser packen – so richtig fesselnd wird es erst, wenn man bei der Lektüre weiß, dass man es mit der Beschreibung realer Vorgänge zu tun hat.
Josef Wilfling, der bei mehr als tausend Tötungsdelikten ermittelte, legte vor zwei Jahren sein erstes Buch mit dem Titel „Abgründe“ vor und präsentiert nun in „Unheil“ neue Fälle. Der pensionierte Leiter der Münchener Mordkommission schildert anonymisierte Berichte aus seiner beruflichen Tätigkeit und wählt einen sachlichen, mitunter leicht ironischen Ton. Zartbesaiteten ist das Buch indes nur bedingt zu empfehlen, denn die Mordfälle werden nicht eben zurückhaltend dargestellt. Es wird geschossen und gestochen, geschlitzt und gesägt, geköpft und verbrannt.
Da ist der Top-Jurist, dessen als gefühlskalt und karrieresüchtig beschriebene Ehefrau scheinbar im eigenen Haus einem Raubmord zum Opfer fällt. Später räumt der Gatte eine Bluttat im Affekt ein. Auch das ist nicht die Wahrheit, denn am Ende der Ermittlung besteht kein Zweifel mehr an einem vom Ehemann sorgfältig vorbereiteten und kaltblütig ausgeführten Mord.
Ein Sohn tötet die Mutter mit einem Samuraischwert und versucht, die Tat dem Vater in die Schuhe zu schieben. Der wohlhabende pensionierte Diplomat stirbt im Beisein der umsorgenden und spielsüchtigen Privatpflegerin, die ihn in Wahrheit über lange Zeit mit Rohypnol schlafen gelegt und sein Geld ins Casino getragen hat. Am Ende steht der Mord aus Habgier, und ein von der Täterin abhängiger Arzt attestiert einen natürlichen Tod. Nur ist es so, dass die aufmerksame Nachbarin die Polizei alarmiert und erreicht, dass die Leiche nicht kremiert und dem „Todesengel“ das Handwerk gelegt wird.
Ein Teenager tötet eine Gleichaltrige, die aus reinem Machtwillen und auf perfide Art die Freundin des Täters gegen den Jungen aufbrachte. Der Programmierer erwischt seine Gattin im Hotelzimmer mit einem Nebenbuhler und ersticht sie im Affekt. Eine Frau greift ihren Ex-Liebhaber hinterlistig an und wird doch nur wegen versuchten Totschlags verurteilt, weil das Opfer Drohbriefe der Täterin erhalten habe und daher nicht arg- und wehrlos gewesen, der Tatbestand der Heimtücke mithin nicht erfüllt sei.
Der Blick in menschliche Abgründe
Es sind, wie Wilfling betont, in Deutschland nur ganz selten Berufsverbrecher, die sich gegenseitig ans Leben gehen. Die weitaus meisten Bluttaten ereignen sich in den Kreisen ganz oder weitgehend unbescholtener Menschen, die ein recht geordnetes Leben führen. Habgier, Geld, Liebe, Lust und Leidenschaft zählen dabei sehr häufig zu den Motiven, wie unter anderem die viel beachteten Morde in Krailing und Eislingen – bei beiden Taten ging es um Geld – gezeigt haben.
Auch auf die spektakulären Mordfälle Walter Sedlmayr und Rudolf Moshammer, mit deren Aufklärung er befasst war, geht der Buchautor ein. Mehrfach würdigt er den Durchbruch bei der Nutzung von DNA-Spuren und von genetischen Fingerabdrücken in der Kriminalistik; Moshammers Mörder konnte damit innerhalb von zwei Tagen gefasst werden. Aufschlussreich sind schließlich die Schilderungen, welche Maßnahmen erfahrene Polizisten beim Eintreffen am Ort eines Gewaltverbrechens ergreifen, was zu beachten und was in jedem Fall zu vermeiden ist.
Wilflings Bücher sind lesenswert, weil sie flüssig geschrieben sind und die Hintergründe der Ereignisse beleuchten. Jede Bluttat hat eben ihre Vorgeschichte. Häusliche Gewalt oder das blutige Ende einer wie auch immer gearteten zwischenmenschlichen Beziehung sind in den allermeisten Fällen das Resultat einer langen Eskalationskette. Irgendwann brennt bei einem der Beteiligten die Sicherung durch. Bei zwei von drei Tötungsdelikten spiele übrigens Alkohol eine tragende Rolle.
Bedrückend sind die Einblicke in menschliche Abgründe, welche der Autor in seinen Büchern liefert, und man ist schon geneigt, künftig im Umgang mit seinen Mitmenschen ein gehobenes Maß an Vorsicht walten zu lassen. Denn meist ist der Mörder eine Person, von der man denkt, dass von ihr keine Gefahr ausgeht. Zum Misanthropen, so Wilfling in einem Interview, sei er trotz seiner kriminalistischen Arbeit nicht geworden, denn er wisse, dass es weitaus mehr gute als schlechte Menschen gebe.
Generell gelte, dass Menschen mit akuter Verlust- oder Existenzangst, in einer subjektiv ausweglosen Situation, gefährlich werden können. Zahllose Familientragödien belegen diese Aussage. Dann kann es schon mal zum „Übertöten“ kommen. Dieses unschöne Wort steht für Fälle, in denen nicht getötet wird, um Widerstand zu brechen und Beute zu machen, sondern man das Opfer regelrecht malträtiert und verstümmelt.
Ausnahmslos jeder Mensch, so betont Wilfling immer wieder, könne zum Mörder werden. Der Wille zu töten stecke in jedem von uns und könne „durch die Entartung von Habgier, Neid, Hass oder durch andere menschliche Defizite“ ausbrechen. Anders ausgedrückt: „Jeder kann – spontan oder im Verlauf eines längeren Prozesses – in eine Lage geraten, aus der heraus sich bewusst und gewollt der Wille zu töten entwickelt.“
Doch solle man sich nicht täuschen: Sofern es Tötungsdelikte betreffe, lebe man in Deutschland auf einer Insel der Friedfertigen. Er habe sich, so der pensionierte Polizist, oft die Frage gestellt, „was wohl aus mir geworden wäre, hätte ich nicht hier im friedlichen, wohlhabenden Deutschland gelebt, sondern in einer der vielen Regionen dieser Welt, in denen Mord und Totschlag zum Alltag gehören und vielfach aus dem täglichen Kampf ums Überleben resultieren.“
Josef Wilfling: Unheil. Warum jeder zum Mörder werden kann. 304 Seiten. Wilhelm Heyne Verlag, München 2012. 19,99 Euro.
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