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Kino - Michael Hermann
Hunderttausend Höllenhunde sind nicht genug
Steven Spielbergs 3D-Verfilmung des Tim & Struppi-Comics „Das Geheimnis der Einhorn“ zeigt sich animationstechnisch auf der Höhe der Zeit. Story und Figuren wirken dagegen eher schlicht.
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Die Abenteuer von Tim und Struppi - Das Geheimnis der Einhorn basiert auf dem gleichnamigen Hergé-Comic, der 1942/43 erstmals erschien. Die Film-Handlung dreht sich um ein versunkenes Segelschiff namens „Einhorn“, von dem drei Modelle existieren, in denen geheime Informationen versteckt sind.
Reporter Tim kommt auf dem Flohmarkt eher zufällig in den Besitz eines der Modelle, ohne zu wissen, was es damit auf sich hat. Kurz darauf wird er von dem finsteren Sakharin, der hinter dem „Einhorn“-Geheimnis her ist, auf sein Schiff entführt. Dort gelingt es Tim, sich mit Struppis Hilfe zu befreien, und er stößt auf den saufenden und fluchenden Kapitän Haddock, den die Schurken in seiner Kabine festgesetzt hatten. Beide versuchen nun gemeinsam zu fliehen und Sakharin zuvorzukommen.
Rein technisch betrachtet erfüllt der 3D-Film die Erwartungen. Mithilfe von performance capture gelingt es auf immer eindrucksvollere Weise, Bewegungen und Gesichtsregungen von Schauspielern per Computer aufzuzeichnen und als animierte Figuren wiederzugeben. Doch was nützt das bei so eindimensionalen, teilweise hölzernen Charakteren, wie sie Das Geheimnis der Einhorn bevölkern? Kapitän Haddock etwa braucht erst mal einen Vollrausch, um sich an ein wichtiges Detail aus der Vergangenheit zu erinnern, das anschließend in einer langen Rückblende ausgewalzt wird. Danach muss er die Sauferei aber in den Griff kriegen, um das zwischen seinem Vorfahren und dem Vorfahren Sakharins ausgefochtene Duell zu Ende bringen und das Abenteuer mit Tim & Struppi bestehen zu können. Der Rest ist Fluchen.
Blasse Figuren
Da kann auch ein Capture-Spezialist wie Andy Serkis („Gollum“ in Herr der Ringe und Affen-Vorlagengeber in King Kong und Planet der Affen: Prevolution) nicht viel ausrichten, dessen erste animierte Menschen-Performance als Haddock zugleich eine seiner bisher schwächsten Rollen ist. Jamie Bell (Billy Elliott – I Will Dance) und Daniel Craig leihen Tim beziehungsweise Sakharin ihre Bewegungen (und Stimmen, zumindest im Original). Viel Gelegenheit, eine schauspielerische Visitenkarte zu hinterlassen, erhalten auch sie dabei nicht. Und warum die beiden britischen Komiker Simon Pegg und Nick Frost (Shaun Of the Dead) die Vorlage für das tollpatschige Detektiv-Paar Schultze & Schulze abgegeben haben, bleibt ein Rätsel. Für das, was von den Figuren auf der Leinwand zu sehen ist, hätte man jeden x-beliebigen Schauspieler nehmen können. Vielleicht klingen ja wenigstens ihre Stimmen in der Originalfassung einigermaßen witzig.
Rasante Action
Will man Positives hervorheben, wird man ausschließlich bei Technik und Design fündig. So etwa bei der Einleitung, die an Spielbergs eigenen Catch Me If You Can-Vorspann erinnert, der wiederum die berühmten, innovativen Titelsequenzen zitiert, die Saul Bass in den 1960ern unter anderem für Alfred Hitchcock kreierte. Auch die Action-Sequenzen gehören auf die schmale Habenseite des Films. So etwa die Verfolgungsjagd in einer fiktiven nordafrikanischen Küstenstadt, bei der der klassische Turn-Mehrkampf, den Burt Lancaster und Nick Cravat seinerzeit in Der Rote Korsar aufführten, ebenso Pate gestanden haben könnte wie der von Spielberg-Schüler Robert Zemeckis per performance capture gedrehte Polarexpress, in dem auch ein durch die Luft gewirbeltes, wichtiges Stück Papier wieder eingefangen werden muss.
Gleichwohl kann Das Geheimnis der Einhorn trotz sorgfältig rekonstruierter 30er-/40er-Jahre-Anmutung mit dem Charme klassischer Abenteuerstoffe ebenso wenig mithalten wie mit Spielbergs eigenem Klassiker Indiana Jones. Retro-Chic und Animationstechnik täuschen nicht über die inhaltlichen Schwächen hinweg. Die Dialoge kommen häufig überaus plump daher (Tim, als er mal wieder vor einem rätselhaften Fund steht: „Was will er uns damit sagen? Wenn ich das nur wüsste!“) und werden auch nicht besser, wenn Tim gerade kein anderer Ansprechpartner als Struppi zur Verfügung steht. In Sachen Witz herrscht ebenfalls weitgehend Fehlanzeige, es sei denn, man findet Gefallen an den Haddockschen Flüchen und Grimassen oder den Einlagen von Schultze & Schulze.
Wenig Witz
So gerät zum Problem, was man in anderen Fällen möglicherweise als Werktreue lobend hervorheben würde: Der Film orientiert sich mit Sorgfalt und Hingabe am Duktus der Hergé-Vorlagen – und wirkt genau deswegen über weite Strecken ziemlich altbacken. Allenfalls eingefleischte Fans von Tim & Struppi werden an dieser Einhorn-Verfilmung ihren uneingeschränkten Spaß haben.
Eine behutsame Modernisierung von Stoff und Figuren nebst gelegentlicher ironischer Brechung wären vielleicht einen Versuch wert gewesen. So aber fühlt man sich als Zuschauer durch Handlung und Dialog schnell unterfordert und gelangweilt. Für Spielberg-Verhältnisse ist das schon eine ziemlich herbe Enttäuschung, die noch weitergehen könnte: Das Ende von Das Geheimnis der Einhorn deutet bereits eine Fortsetzung an. Muss wirklich nicht unbedingt sein.
Die Abenteuer von Tim und Struppi - Das Geheimnis der "Einhorn", Regie: Steven Spielberg, mit: Jamie Bell, Andy Serkis, Daniel Craig u. a., Neuseeland, USA 2011, 107 Min., FSK ab 6 freigegeben, Kinostart: 27. Oktober 2011.
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