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Literatur - Jürgen Hermann

Herzstillstand einer Stadt

Der Journalist Jochen Kalka beschreibt auf sehr persönliche Weise seine Wahrnehmungen in Winnenden nach dem Amoklauf vor zwei Jahren.


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Die Nachricht erreicht ihn am 11. März 2009 während einer Sitzung in München, wo er als Chefredakteur einer Fachzeitschrift tätig ist: Kalka erfährt, dass es in der Schule seiner Tochter in Winnenden einen Amoklauf gegeben habe, das Mädchen jedoch unversehrt sei. Im Schockzustand eilt er zu seiner Familie in die schwäbische Kleinstadt, die eigentlich so beschaulich vor den Toren Stuttgarts liegt. Jetzt erleben die Menschen dort ein Horrorszenario, eine Bedrohungslage direkt vor ihrer Haustür.

Der 47-jährige Autor beginnt sein Buch mit dieser persönlichen, beinahe intimen Schilderung. Er erzählt, wie der kleine Ort unter dem Eindruck des Massenmords in eine Schockstarre verfällt und seine Familie brutal aus dem ruhigen Alltag gerissen wird: „,Winnenden’ steht nicht mehr für friedfertige, fleißige, brave Menschen, sondern für ein Verbrechen, das als Amoklauf bezeichnet wird. ,Winnenden’ steht für sechzehn Tote.“

In den Tagen nach der Bluttat an der Albertville-Realschule – der Amokläufer hatte sich nach einer Odyssee im Großraum Stuttgart und vor den Augen von Polizeibeamten erschossen – gibt es für das Städtchen nicht die geringste Chance, zum Alltag mit seinem „fröhlichen Treiben zwischen Fachwerkhäusern“ zurückzukehren. Medienvertreter aus der ganzen Welt fallen in Winnenden ein, bedrängen Schüler und Passanten um Stellungnahmen, richten ihre Kameraobjektive rücksichtslos auf traumatisierte Gesichter und belasten die Menschen zusätzlich.


Kritik an Medien und Schützenvereinen

Winnenden sieht sich in einen Belagerungszustand versetzt, und Katastrophentouristen gesellen sich zu den vielen Journalisten. In sehr klaren Worten kritisiert Kalka das Verhalten der Medienvertreter, seiner Berufskollegen. Selten hat man in dieser Deutlichkeit erfahren, wie Reporter einiger Zeitungen und Fernsehsender nicht nur für gestellte Bilder bezahlt, sondern auch Schüler gegen Bargeld zu vorgegebenen Statements vor laufender Kamera bewegt und auf diese Weise „gekaufte Filmware“ produziert haben.

Kalkas Wahrnehmung, man habe den Amokläufer in den Medien bereits Stunden nach der Bluttat auch zu einem Opfer stilisiert, ihn geradezu zu heroisieren versucht, ist indes eine sehr subjektive Bewertung. Die Erkenntnis, dass der 17-Jährige viel Zeit mit gewaltverherrlichenden Computerspielen verbrachte, bis zu einem gewissen Grad ein Außenseiter war und Schwierigkeiten mit Eltern und Lehrern hatte, kann man durchaus auch als den Versuch sehen, in ratloser Betroffenheit nach Erklärungen zu suchen und die Tat irgendwie nachvollziehbar zu machen, ohne sie auch nur in Ansätzen in ihrer entsetzlichen Dimension zu reduzieren.

Nach der bewegenden Trauerfeier in Anwesenheit der höchsten politischen Repräsentanten geht in Winnenden die Ursachenforschung weiter. Vor allem die Aktivitäten der Schützenvereine will Kalka eingeschränkt sehen, könne man doch dort die Verherrlichung todbringender Schusswaffen ebenso beobachten wie den oftmals laxen Umgang mit ihnen. Nach dem Amoklauf von Dunblane 1997, so ein britischer Experte, habe man die Waffengesetze in Großbritannien verschärft. Seither habe es nicht nur keinen Amoklauf mehr gegeben, auch die Gesamtzahl der bewaffneten Gewalttaten sei signifikant gesunken.

Doch die Politik in Deutschland zögert, und viele Schützenvereine zeigen wenig Verständnis für die gegen sie gerichteten Angriffe. Immer wieder heben sie den sportlichen Charakter ihres Tuns hervor. Auf anfängliche Ankündigungen, man werde die Waffengesetzgebung überdenken und der Verbreitung von Killerspielen entgegenwirken, folgen von Seiten der Politik bestenfalls halbherzige Maßnahmen. Viel zu leicht, so Kalkas Erkenntnis, kommt man in Deutschland ganz legal an Schusswaffen. Ein allgemeines Recht auf Waffenbesitz sei generell bedenklich.


Sehnsucht nach Normalität

Auch als man in Stuttgart längst wieder zum Alltag zurückgekehrt ist, bleibt Winnenden in einem emotionalen Ausnahmezustand. Schrittweise versucht man die Rückkehr zur Normalität, wie viele in dem Buch wiedergegebene Szenen und Beobachtungen verdeutlichen. Der Sänger Chris de Burgh gibt für die Schüler und ihre Angehörigen ein privates Konzert, Sport- und Kulturveranstaltungen werden wieder angekündigt, Fahnen nicht länger auf Halbmast gesetzt – behutsam und leise bemüht sich der Ort, zu seinem normalen Leben zurückzufinden.

Mit seiner dichten und eindringlichen Schilderung bringt Jochen Kalka dem Leser die brutale Dimension der Ereignisse in Winnenden nahe. Ihm ist ein sehr persönliches und weitgehend sachlich geschriebenes Buch gelungen, das betroffen und nachdenklich macht. Lionel Shriver und Jodi Picoult haben das Thema Schulmassaker in bewegenden Romanen verarbeitet, doch ist es die Wiedergabe des realen Geschehens, die Kalkas Buch auszeichnet. Nur ganz am Rande werden die Angehörigen des Amokläufers erwähnt – auch sie sind die Opfer der unfasslichen Tat eines Heranwachsenden, aber auch die Mitverantwortlichen für einen Massenmord. Sie müssen, mit neuer Identität ausgestattet, in einer anderen Stadt einen Neuanfang in ihrem Leben versuchen.

„Ich habe die Folgen (des Amoklaufs) unterschätzt, völlig unterschätzt“, schreibt Kalka. „Ich hätte nie gedacht, wie tief die Ängste sitzen, in den Kindern, in mir selbst. Wie tief die Trauer geht, in der ganzen Stadt. Es gibt kein anderes Thema mehr.“ Als er in der Schultasche seiner Tochter ein Päckchen Ketchup findet, bekommt er die Erklärung: „Wenn wieder ein Amokläufer kommt, schmier’ ich mich mit Ketchup voll und stelle mich tot.“ Das Kind spricht in vollem Ernst.

Jochen Kalka: Winnenden. Ein Amoklauf und seine Folgen. 240 Seiten. Deutsche Verlags-Anstalt, München 2011. 17,99 Euro.


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