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Theater - Marie Prescher
Halbstarke Halbgötter
Wie Ärzte wirklich über ihre Patienten denken und warum im Krankenhaus Ironie und Zynismus zu lebenserhaltenden Maßnahmen werden, die man besser nicht abschaltet.
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Tugsal Mogul, Schauspieler, Regisseur und Facharzt für Anästhesiologie und Notfallmedizin, inszeniert auf der Bühne des Theaters im Ballsaal ein Stück zwischen Drama und Komödie, das die Türen zum OP-Saal für den Zuschauer öffnet und mal emotional und intim, mal nüchtern, aber nie abgedroschen vom Klinikalltag erzählt.
Zwischen Muttermund-Ausschabungen und Patienten-Psychosen schildern eine Gynäkologin (Carmen Dalfogo), eine Assistenzärztin für Chirurgie (Bettina Lamprecht), ein Facharzt für Anästhesie (Stefan Otteni) und ein Funktionsoberarzt der Chirurgie (Dietmar Pröll) ihren Arbeitsalltag. Da ist die Rede von der Euphorie direkt nach dem Studium, ersten medizinischen Erfolgen und Begeisterung für den Beruf.
Derlei Illusionen zerschellen an der Arbeitsrealität mit schlaflosen 24-Stunden-Schichten, fehlendem Privatleben und falschen Entscheidungen mit schwerwiegenden Konsequenzen. Letztendlich folgen Ernüchterung, Schuldgefühle und Selbstzweifel. Der Umgang mit Leben und Tod wird zur Routine.
Außerdem drängt sich die Bürokratie immer weiter in den Berufsalltag und Ärzte reden untereinander schon oft wie Manager. Die einzige Belohnung für all die Anstrengungen: dass am Ende eines langen Dienstes auf dem Monitor eines Patienten „alles grün blinkt“.
Auf der Bühne passiert viel. Blut tropft, während irgendein Organ transplantiert wird, im Eiltempo werden immer wieder Kittel gewechselt, Hände und Unterarme desinfiziert, neue Einmalhandschuhe angezogen. Und schon werden die Ärzte wieder angepiept und zum nächsten Notfall gerufen.
Persönliche Sympathien oder Antipathien für einzelne Patienten müssen ebenso abgeschaltet wie drängende ethische Fragen aufgeschoben werden. Einen Moment zu zögern, zu überlegen kann Leben kosten. Das ist Stress. Und diesen kann das Publikum anhand der auf eine Großleinwand projizierten Herzfrequenzen der Schauspieler direkt mitverfolgen. Es wird sichtbar, wie das schnelle Reden, das hektische Auf- und Ablaufen die Frequenz steigen lässt – bis auf drei Herzschläge pro Sekunde. Das Publikum lacht, aber dieser Stress des Ärztealltags macht zugleich auch beklommen.
Auf geht's zur Visite. Einzelne Zuschauer werden spontan zu Patienten erkoren und die Ärzte fachsimpeln im schönsten lateinischen Kauderwelsch über die jeweilige Erkrankung. Dem Publikum bleiben die Einzelheiten unverständlich, aber das macht nichts, denn auch so wird deutlich: Das Krankenhaus ist eine Welt für sich und die Halbgötter in ihren grünen Kitteln sind eben auch nur Menschen.
Halbstarke Halbgötter - Idee und Regie von Tugsal Mogul, Ausstattung: Ariane Salzbrunn, Musik/Layout: Stephan Kutsch, Technik: Moritz Hesse, Produktionsleitung: Alina Rupprecht. Mit: Carmen Dalfogo, Bettina Lamprecht, Stefan Otteni, Dietmar Pröll. Weitere Aufführungen: 12. und 13. März 2010 im Gostner Hoftheater in Nürnberg.
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