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Kabarett - Michael Hermann
Gut gemeinte Schläge
Matthias Egersdörfer grantelte vorzüglich über zwei Stunden im Pantheon. Anschließend bot er Selbstproduziertes nebst unanständigen Signaturen feil.
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Die gezielte Gemeinheit gehört zum Repertoire aller Bühnenkünstler. Aber sie will gelernt sein. Kaum einer beherrscht sie so gut wie der schlagfertige Meister der schlechten Laune, Matthias Egersdörfer. Er teilt kräftig aus, gerne auch mal unter die Gürtellinie, und verschont dabei das Publikum nicht. Was bei Faxenmachern minderen Kalibers platt, aufgesetzt oder auch sexistisch wirken würde, funktioniert bei ihm, da es in seine Bühnenfigur des misantrophischen fränkischen Knurrhahns eingebettet ist.
So handelte sich eine Zuschauerin in den vorderen Reihen des Bonner Pantheon, die ein Foto von Egersdörfer schoss, die Bemerkung ein, sie könne ja nun zu Hause an sich herumfummeln, wenn sie es betrachte. Pardong wird nich jejeben und kein potenzieller Gag liegengelassen, scheint die Devise zu sein. Denn, so Egersdörfer zu seinem Opfer: „Ich tu halt alles, um die Arschlöcher hier zum Lachen zu bringen!“
Schon vorher hatte sich das Bonner Publikum als „saublöde“ disqualifiziert, weil es versäumte, in die auf eine Nummer folgende Pause, welche ihren Abschluss signalisierte, Applaus zu spenden. Ein „intelligentes“ Publikum wisse so etwas. Aber was soll’s, es gebe ja schließlich auch dumme und intelligente Kinder, und man müsse beide trotzdem gleichermaßen lieb haben. Zur Orientierung der Zuschauer stellte Egersdörfer auch gleich mal klar, dass sein maximaler Bewegungsradius zwischen Bühnenmitte und Lesetisch liegen würde: „Des is die Äktschn, mehr gibt’s ned!“
Alles wurscht
Und falsche Versöhnlichkeit auch nicht. Alle Geschichten, die Egersdörfer während zweier äußerst unterhaltsamer Stunden im Pantheon zum Besten gab, nehmen unweigerlich den Dreh ins abwechselnd oder gleichzeitig Ernüchternde, Kaputte, Spöttische, Boshafte. Das geht schon zum Einstieg los, beim Kochen mit der Ehefrau: „Was soll man halt sonst mit seiner Frau machen?“ Und „im Endeffekt“ schmeckten die gemeinsam zubereiteten Königsberger Klopse auch nicht anders als irgendwelche Frikadellen.
Es ist eben alles egal, Unterschiede zwischen Kopfhörern für 23 und 32 Euro gibt’s genauso wenig wie zwischen Himmel und Hölle (letzteres wird vom Himmelswärter höchstpersönlich bekräftigt). Da tun sich gewisse Seelenverwandtschaften zwischen dem fränkischen Grantler und dem skeptischen „Woanders is auch scheiße“-Ruhrpottler auf.
Als sehr effektiv erweist sich Egersdörfers wiederholt eingesetztes Stilmittel, eine Weile vor sich hin zu granteln, um dann unvermittelt die Stimme zu erheben und loszuschimpfen bzw. -brüllen. Nicht nur darin finden sich Anklänge an Gerhard Polt, auch die – zumindest in den Ohren von Preußen – verwandten Dialekte (wovon Franken und Bayern natürlich nichts hören wollen, schon klar) und eine scharfe (Selbst-)Beobachtungsgabe, ein Gespür für die Abgründe und Absurditäten des Alltags eint beider Komik. Wobei Egersdörfer der Abteilung Attacke deutlich öfter den Vorzug gibt.
Schmerzensweg Schule
Wie wird man nun zu so einem Schlechte-Laune-Bär? Es fing schon in der Schulzeit an, das sei eine einzige „via dolorosa“ gewesen, die er nur mit Tricks und „Beihilfe“ der Mutter habe überstehen können. Eine Art Notwehr gegen weibliches Lehrpersonal, das unzufrieden aus dem Wochenende zurück in die Schule gekommen sei und die Frustrationen darüber an den unschuldigen Jungen ausgelassen habe. (So die sinngemäße Wiedergabe, ausgedrückt hat es Egersdörfer etwas anders.)
Nicht dass potenzielle Vergnügungen der Kinderzeit Abhilfe geschaffen hätten. Nachdem er „alle Formen des kindlichen Terrors“ durchgespielt hat, um die Familie zum Besuch des Wanderzirkus zu bewegen, dessen Plakat mit den schönen Frauen, edlen Tieren und lustigen Clowns ihm so gut gefallen hat, gerät die Vorstellung zur rechten Desillusionierung: Die Dekolletes der Damen liegen erkennbar tiefer als auf dem Foto und wo kommen jetzt die Augenringe auf einmal her?; die Pferde entpuppen sich als Schindmähren; die Clowns riechen nach Schnaps und Zigarren.
Mit der Kirche kann der Junge schon gar nichts anfangen, erinnern ihn die Umhänge der Pfarrer doch an die geflickten Klamotten der Clowns. Zudem nerve die Geschichte von Jesus. Der sei erst gekreuzigt worden, doch dann „hot der Hundskrüppel kei Ruhe gegeben.“
In der Gegenwart sieht es nicht viel besser aus. Beim Beobachten seiner Mitfahrer in der U-Bahn ertappt er sich häufig bei dem Gedanken: „Wer von euch läuft gleich Amok?“ Eher unwahrscheinlich, dass der Kurzhaarige in der Bomberjacke da drüben Gedichte schreibt. Klischeegeprägt sind wir ja alle mehr oder weniger. Auch bei der älteren Frau, die ihn von der Seite anstarrt, vermutet er sinistre Absichten. Oder versucht sie nur angestrengt, die fremdsprachige Aufschrift auf seiner Jacke zu entziffern – was eine Schimpftirade darüber auslöst, dass es heutzutage keine Klamotten ohne idiotische Sprüche mehr gibt.
Popeln und Puppeln
Doch das Zugfahren – mit dem ICE allerdings – hat auch seine Vorteile. Wo anders habe man schon so viel Zeit und Muße, Schuppen herauszukratzen oder in der Nase zu bohren? Experte Egersdörfer erklärte den Unterschied zwischen herkömmlichem Popeln und „Puppeln“, also quasi Popeln für Fortgeschrittene, dessen beachtliche Resultate er voller Stolz mit Diamanten vergleicht. Dann stören auch die „Schreikinder ohne Ausknopf“ nicht so sehr.
Und um die Galerie des nicht so Formschönen zu erweitern, kann man auch mal ein Handyfoto vom Kropf der gegenüber sitzenden Dame schießen. Eher nachteilig im Zug: Das Warten auf den Brezelmann – oder auf Anschlusszüge. Da fängt der fuchsteufelswilde Reisende nach fünf Jahren Entzug glatt wieder mit dem Rauchen an, um die Luft am Wartebahnhof möglichst gründlich zu verpesten.
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