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Ausstellung - Julia-Rebecca Riedel
Grandiose Kulturgeschichte
Das Land jenseits des Krieges. Die Bundeskunsthalle zeigt "Afghanistan. Gerettete Schätze".
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„Afghanistan hat seine Kinder begraben, aber seine Kultur muss überleben“ geht als Statement der BBC am 13. Mai 1994 über den Äther und beunruhigt nicht nur die Kulturausschüsse der Vereinten Nationen. Internationales Recht schreibt vor, die Kulturschätze eines Landes dürfen nicht angetastet werden, kulturelles Erbe muss auch in Krisen- und Kriegszeiten sichere Verwahrung erfahren.
Der Generalsekretär der Vereinten Nationen, Sotirios Mousouris, äußert sich daher betroffen: „Ein Museum ist die wichtigste Sammelstätte für die Zeugnisse der Geschichte, es konkretisiert die Identität eines Volkes, (...). Museumsobjekte fortzuschaffen kommt einem Anschlag auf Geist und Seele eines Landes gleich (...).“ Mit Unterstützung der UNESCO beginnt 1994 die verzweifelte Wideraufbaugeschichte des Nationalmuseums in Kabul und die Suche nach den geraubten Schätzen des Landes und letztlich nach der kulturellen Identität Afghanistans.
Die neue Ausstellung in der Kunst- und Ausstellungshalle Afghanistan. Gerettete Schätze. Die Sammlung des Nationalmuseums in Kabul präsentiert nun Artefakte aus vier bedeutenden Ausgrabungsstätten Afghanistans: Tepe Fullol, Ai Khanum, Tillya Tepe und Begram. Mit dieser Konzentration zeichnet die Ausstellung ein Bild des zentralasiatischen Landes, das eine weit reichende Kulturgeschichte hat.
1996, vor der Machtübernahme der Taliban, gelingt es, etwa 3500 Objekte in das Rathaus von Kabul auszulagern, die auf wundersame Weise die Machtübername und deren Bilderstürme überstehen – ein ausgesprochen gut gehütetes Geheimnis. 2003/04, nach dem Sturz der Taliban, werden die Schätze der Öffentlichkeit wiedergeschenkt. Ein Bruchteil dieser „geretteten Schätze“, dieser „geretteten Erinnerungen“, wie Pierre Cambon, Kurator der Ausstellung sie nennt.
Dynamit gegen Kultur
Ein Transparent mit der Aufschrift „A nation can stay alive when its culture & history stay alive“ ist über dem 1919 gegründeten, schwer beschädigten Museum in Kabul angebracht und drückt auf aus, welche Bedeutung die Geschichte des Museums, die Geschichte des Landes, die Geschichte des Krieges, die Geschichte der Rettung des nationalen Kulturerbes und letztlich auch die Geschichte der Vorbereitung der Ausstellung in Bonn hat.
Jean-Francois Jarrige, Direktor des Musée Guimet, Paris, für asiatische Künste, betont in diesem Zusammenhang, wie wichtig es sei, deutlich zu machen, dass Dynamit im Dienste einer systematischen Massenverdummung nicht imstande ist, das kulturelle Erbe der Menschheit aus dem kollektiven Kultur-Gedächtnis zu löschen. Und denkt dabei sicherlich vor allem an die Bilderstürme der Taliban, die 2001 Statuen von hohem symbolischen Wert für das Kabuler Nationalmuseum und für die Geschichte Afghanistans als Schnittstelle verschiedener Zivilisationen und Kulturen zertrümmerten, darunter den Bodhisattva von Tepe Maranjan.
Bewegt vom Anblick der Ruinen machte man sich unter der Leitung von Kurator Pierre Cambon 2003 an die Restaurierung der Objekte. 2004 feierte das Museum seine Wiedereröffnung, die Restaurierungs- und Instandsetzungsarbeiten aber dauern bis heute an.
Von einzigartiger Schönheit und Eleganz einer Kultur im eurasischen Raum zeugen die etwa 230 Ausstellungsstücke, die in der Bundeskunsthalle Bonn zu sehen sind. Eine Wanderausstellung, die in Paris eröffnet wurde und um die man sich in Bonn bereits seit 2006 bemühte.
Bernhard Spieß, kaufmännischer Geschäftsführer der Bundeskunsthalle, betont, die Ausstellung der aus dem Nationalmuseum in Kabul geretteten Schätze sei eine freie, Afghanistan als bedeutende Kulturregion wahrnehmende Entscheidung, unabhängig von der aktuellen politischen Situation und den Wünschen der Bundesregierung. Vielmehr gehe es darum, die Zeugnisse, die für die Eleganz der afghanischen, der zentralasiatischen Kultur stehen, als kulturelle Wurzeln unserer Zeit zu betrachten, so Robert Fleck, Intendant der Bundeskunsthalle.
Von Einflüssen großer Kulturen erzählen die Schätze aus vier Zentren der archäologischen Arbeiten in Afghanistan, von einem offenen eurasischen Raum, dem Nichts fremd zu sein scheint. Die Exponate aus Tepe Fullol, Ai Khanum, Tillya Tepe und Begram zeugen von einer Kultur, die unter anderem hellenistischen, indischen und chinesischen Einflüssen unterlag, die sehr geprägt wurde durch den Widerhall, den die fremden Kulturen hinterließen.
"Das muss man gesehen haben", erklärt Omar Sultan, stellvertretender Minister für Kultur der islamischen Republik Afghanistan, bei der Ausstellungseröffnung. Es gehe darum, der Welt zu zeigen, dass Afghanistan nicht nur Krieg und Zerstörung, sondern eine Kultur von Toleranz und Frieden sei. Omar Khan Massoudi, Direktor des afghanischen Nationalmuseums in Kabul, ergänzt, es gehe darum, das Verständnis der Welt für die Kunst- und Kulturgeschichte Afghanistans zu sensibilisieren.
Außergewöhnliche Schönheit
Im Herzen Asiens gelegen, an der Route der Seidenstraße, die China, Indien und Teile der mediterranen Welt verband, ist Afghanistan ein Land mit einer außergewöhnlichen Kulturgeschichte. Internationale Handelsbeziehungen ebenso wie die Feldzüge Alexanders des Großen haben hier ihre Spuren hinterlassen.
Räume der Stille hat Ausstellungsleiterin Susanne Annen mit ihrem Team geschaffen. Die Objekte wirken durch ihre einzigartige Geschichte und außergewöhnliche Schönheit. Nichts lenkt den Besucher ab. Die Ausstellung besteht aus acht systematisch angeordneten Räumen, vier Räume bieten Zeittafeln und Multimediainstallationen, die sich vor allem der Topographie Afghanistans und der Ausgrabungsgeschichte widmen, vier weitere Räume – kubenförmige Schatzkammern – bergen die Ausstellungsstücke.
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