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Kabarett - Michael Hermann

Grand Old Bavarian

Gerhard Polt ist nach wie vor ein ebenso genauer wie treffsicher formulierender Beobachter der Spezies Mensch. Von Altersmilde erfreulicherweise keine Spur.


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Gerhard Polt. (Foto: Promo)

Ein Künstler hat es im Allgemeinen nicht gern, wenn man ihn als „Altmeister“ oder „grand old man“ seiner Fachrichtung preist. Bei Gerhard Polt läge diese Bezeichnung nicht nur wegen seiner bald siebzig Jahre nahe. Unweit des Bonner Pantheons befindet sich das Haus der Geschichte, in dem zurzeit eine Ausstellung über „Humor und Politik in Deutschland“ nach dem Zweiten Weltkrieg läuft, deren Exponate dem Beobachter ein ums andere Mal die Vergänglichkeit von Humor vor Augen (und Ohren) führen.

Zu den immer noch vergnüglichen Ausstellungsstücken zählen indes Ausschnitte aus den Scheibenwischer-Sendungen Dieter Hildebrandts, in denen Polt häufig zu Gast war, so in der legendären Folge zum Rhein-Main-Donau-Kanal 1982. (Womit sich auch die Sache mit der Seniorität elegant klären lässt, indem man einfach Hildebrandt zum grand even elder man des Kabaretts ernennt) Nichtsdestoweniger stellt sich schon die Frage nach der heutigen Wirksamkeit von Komikformen, die bereits museale Weihen erfahren haben. Zumal Gerhard Polt während seines Soloabends im Pantheon so einige Sketche und Nummern „von früher“ vorlas beziehungsweise spielte.

Doch die Mechanismen von Polts Komik funktionieren über weite Strecken immer noch hervorragend. Im Zentrum seiner Geschichten steht meist der archetypische (Klein-)Bürger, der sich beim scheinbar harmlosen Daherreden immer mehr entblößt und entlarvt. So wie jener Altersheim-Bewohner, der in einem Interview mit einem Fernsehmann von seiner „Begegnung“ mit Hitler in einem Café erzählt und einräumt: „Der Hitler hoat a [auch] Fehler gmacht. Der Röhm-Putsch hätt ned sei müssa.“

Von einer Begegnung kann allerdings streng genommen nicht die Rede sein, da der Altersheim-Insasse seinerzeit im Kinderwagen lag und so laut plärrte, dass der am Nebentisch sitzende Hitler aufstand, um das Kind mit „duzi, duzi, duzi“ ruhigzustellen, weil er mitbekommen wollte, was nebenan am Tisch des 1923er-Putsch-Generals Ludendorff gesprochen wurde. Polt spinnt die Geschichte dann noch um einige groteske Wendungen weiter – und lässt die Gelegenheit zur deftigen Pointe nicht liegen, wenn er von der müden, schwachen Seniorenstimme unvermittelt auf ein altbekanntes Organ umschaltet, das immer für einen Brüller gut ist: Später habe der „Führer“ ja weniger „duzi, duzi, duzi“ geflüstert, sondern eher mal (Stimmwechsel) „Duce, Duce, Duce“ gebrüllt.

Nun gelten Wortspiele mittlerweile als ziemlich abgenutzt. Bei  Kabarettisten und Comedians wirken sie häufig vorhersehbar, ganz zu schweigen von ihrem inflationären Gebrauch in der Werbung, wo das Bemühen um Originalität und die Absicht, witzig sein zu wollen, überdeutlich erkennbar sind. Setzt man das Wortspiel sparsam und in Verbindung mit einem parodistischen Knalleffekt ein, wie es Polt an dieser Stelle tut, lässt sich’s der Zuschauer immer noch gerne gefallen.

Allerdings sollte der Meister besser darauf verzichten, in Nummern, die sich mit Beamtenbestechung zwecks Baugenehmigung befassen, eine inzwischen viel zu oft gehörte Redewendung wie „Dann läuft’s wie geschmiert“ noch zu benutzen. Das fordert eine Replik wie „So nicht, Monsieur 100.000 Polt!“ geradezu heraus. (Wo wir gerade bei überflüssigen Wortspielchen sind: Es wird hoffentlich nie der Tag kommen, an dem man eine/n Kabarettbesucher/in fragen hört: „Gerhard Pooth, ist das eigentlich der Schwiegervater von Verona?“)


„Urgent necessities“ und das grüne Gewissen des Autofahrers

Zurück zum Programm, in dem es natürlich nicht nur um alte Nazis ging. Polt weiß auch über andere Tücken des Hier und Jetzt bestens Bescheid. Dazu gehören zum Beispiel englischsprachige Fachausdrücke in der (Auto-)Technik. Das auch schon etwas ältere bayerische Mannsbild, in dessen Rolle er in diesem Zusammenhang schlüpft, legt Wert darauf, kein Fußgänger zu sein: „Wer sogt, des er mi amoal in aner Fußgängerzone gsehen hoat – des is eine Unterstellung, eine böswillige!“ Er sei vielmehr „Kraftfahrer“ und „Automobilist“, für ihn ist der Zeitraum zwischen der Bestellung des Fahrzeugs und seiner Abholung „wie Advent“. Und die Vorbereitungen zum Autokauf erschöpfen sich ja nicht darin, eine Probefahrt zu machen. Die Ausstattung eines Fahrzeugs kann inklusive jeder Menge Schnickschnack individuell zusammengesetzt werden.

Da stellt sich dem Kraftfahrer und seiner Ehefrau natürlich die Frage: „Wos brauch mia, wos sin die urgent necessities?“ Pflicht ist aufgrund ihres Fahrstils ein Roll Over Protection System oder kurz ROPS, und ein Collision Mitigation Brake System wäre auch nicht schlecht. Das ist angesichts seiner Auffassung vom Fahren wohl auch besser so: Er sei zwar durchaus bereit, mit seinem 300-PS-Achtzylinder „overtakern“ Platz zu machen, nur müsse es sich schon um „plausible Überholvorgänge“ handeln. Knäufe aus Elfenbein für den Innenraum (Wunsch der Ehefrau) kämen hingegen gar nicht in Frage, da rege sich sein „grünes Gewissen“.

Einen ganz ähnlich gestrickten Spezi lässt Polt in einer anderen Nummer über Geschichte sinnieren. Fernsehen könne man ja kaum mehr schauen, aber Geschichtssendungen, die gucke er sich immer an, mit unerwartetem Erkenntnisgewinn: „ I hob gor ned gwusst, des die so weit zurückgeht, die Geschichte.“ Und aus der medialen Beschäftigung mit der jüngeren Historie zieht er den Schluss, dass „mia gemeinsam mit den Amis 1944 die Nazis besiegt hom“. Da muss wohl mit dem Bildungsauftrag des Fernsehens irgendetwas schief gegangen sein.

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